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07. November 2016

Jeder ein Kommissar

Am Sonntag wird die 1000.«Tatort»-Folge ausgestrahlt. In den vergangenen 40 Jahren hat sich einiges getan: Die Plots sind politischer und spannender geworden. Und viele Fans ermitteln auf Twitter oder im Restaurant mit.

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) im 1000. «Tatort
Im 1000. «Tatort» ermitteln Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) aus Hannover und Klaus Borowski aus Kiel gemeinsam. (Bild: NDR)

Mit flatternden Händen ergreift Gisela Aichinger das Glas mit dem Gifttrank. Die Parkinsonkranke will nicht mehr leben und wird von der Sterbehilfeorganisation Transitus in den Tod begleitet. Sie schlürft das tödliche Getränk, legt sich aufs Bett und scheidet still aus dem Leben.

Still ist es auch in der Gaststube des Restaurants Piccolo Giardino, wo Gäste und Serviceangestellte auf den grossen Bildschirm neben der Theke starren und die Sterbeszene verfolgen. Es ist Sonntagabend, kurz nach acht, und in der Quartierbeiz am Schöneggplatz in Zürich wird «Tatort» geguckt. Titel: «Freitod», eine schweizerische Produktion. Ein paar Dutzend Frauen und Männer haben sich für den allwöchentlichen TV-Event eingefunden, der nicht mehr aus dem Wochenendprogramm wegzudenken ist – in Deutschland und Österreich nicht, aber auch nicht in der Schweiz. Mit Einschaltquoten von 22 bis 32 Prozent gehört die Krimiserie hierzulande zu den beliebtesten TV-Formaten. Sie hat im Internet eigene Fanpages, wird auf Twitter rege diskutiert und in verschiedenen Zeitungen besprochen – im Vorfeld und im Nachhinein. Der «Tatort» ist die beliebteste deutsch­sprachige Krimiserie – und die älteste: Die erste Folge mit dem Titel «Taxi nach Leipzig» flimmerte im November 1970 überdie Bildschirme. Am kommenden Sonntagwird die 1000. Folge ausgestrahlt, auch sie heisst «Taxi nach Leipzig.» Die Hannoveraner Kommissarin Charlotte Lindholm wird diesen Jubiläumsfall übernehmen, gemeinsam mit ihrem Berufskollegen Klaus Borowski aus Kiel.

Könnte Flückiger und Ritschard unter die Arme greifen: Marjolaine Nyffeler ist gut im Ermitteln.
Könnte Flückiger und Ritschard unter die Arme greifen: Marjolaine Nyffeler ist gut im Ermitteln.

Heute Abend ist Luzern Schauplatz der Untaten, dort geschieht nach zehn Fernsehminuten ein Mord: Die Transitus-Mitarbeiterin Helen Mathys wird mit einem Plastiksack erstickt. Liz Ritschard und Reto Flückiger greifen ins TV-Geschehen ein.

Könnte Flückiger und Ritschard unter die Arme greifen: Marjolaine Nyffeler ist gut im Ermitteln.

Noch bevor die beiden Luzerner Ermittler den Fall gelöst haben, weiss Marjolaine Nyffeler (45), wer der Täter ist. Sie sitzt im «Piccolo Giardino» mit direkter Sicht auf den Bildschirm, wie oft am Sonntagabend. Sie kennt den den «Tatort» seit ihrer Jugend, pilgerte früher manchmal in die Zürcher Calvadosbar zwecks gemeinsamen Guckens und lädt hie und da Nachbarn zu sich nach Hause ein. Schon dreimal hat die kaufmännische Angestellte mit dem detektivischen Gespür im «Piccolo Giardino» als Erste den richtigen Tätertipp abgegeben und damit ein Nachtessen gewonnen.

«Tatort» gucken als sozialer Event

Treffen sich gern am Sonntagabend zu Speis und Tatort: Bruno und sein Bruder und Beat Strebel (unten)
Treffen sich gern am Sonntagabend zu Speis und Tatort: Bruno und sein Bruder und Beat Strebel (unten).

Beat Strebel (38) am Nebentisch versucht sich gar nicht erst im Täterraten. Wie meist am Sonntagabend hat der Zürcher hier mit seinem Bruder Bruno gegessen, und nun verfolgen die Strebels gemeinsam den Krimi: Buchhändler Beat und Gastroenterologe Bruno (43), der anerkennen muss: «Abgesehen von kleinen Details, sind die Filme in medizinischer Hinsicht ziemlich realistisch.»

Treffen sich gern am Sonntagabend zu Speis und Tatort: Bruno ...

Bruder Beat freut sich über das jeweilige Lokalkolorit, das die verschiedenen Schauplätze verströmen. Tendenziell mag er die älteren Teams etwas lieber – auch wenn sie die eingespielten Charaktere manchmal etwas überstrapazieren, wie er findet. Und «einige der neueren wollen sich in Jahren mit Spektakel gegenseitig überbieten», sagt er, «Till Schweiger in Hamburg zum Beispiel: viel zu viel Hektik und Action, einfach nur noch absurd!»

Treffen sich gern am Sonntagabend zu Speis und Tatort: Beat und sein Bruno Strebel (oben)
Treffen sich gern am Sonntagabend zu Speis und Tatort: Beat und sein Bruno Strebel (oben).

... und sein Bruder Beat Strebel im Restaurant «Piccolo Giardino».

Das kann man dem Schweizer «Tatort» heute nicht vorwerfen. Er verläuft ruhig und gesittet, mit mehrheitlich höflichen Dialogen. Langeweile als Sterbebegleitung, spottet ein Twitterer in einem einschlägigen Forum. «Dienst nach Vorschrift, typisch Schweizer», bemängelt Zuschauer Lukas Traxel (23) in einer Ecke des Restaurants, «die Österreicher mit ihrem morbiden Humor gefallen mir besser.» Im «Piccolo Giardino» trifft sich Traxel regelmässig mit Claudio Strüby (36). Die beiden Berufsmusiker essen, schwatzen und konsumieren nebenbei den «Tatort». Zu Strübys WG-Zeiten in Deutschland war das eine weit ernstere Angelegenheit: «Sonntagabend wurde ab 18 Uhr gemeinsam gekocht und ab 20.15 Uhr ‹Tatort› geguckt», erzählt er, «wer nicht mitmachen wollte, galt als asozial.»

Twitterer kommentieren böse

Kurz nach halb neun zeichnet sich auf dem Bildschirm ein erster Verdächtiger ab: Der Sohn der freiwillig Verstorbenen eilt durchs Hotel Palace, er hat Plastikbeutel dabei und somit eigentlich Tatwaffen. Von den Zuschauern in Zürich hat noch niemand einen Tipp abgegeben. Über mögliche Regeln, die beim Mitraten helfen, kursieren unter «Tatort»-Kennern verschiedene Theorien.

Claudio Strüby meint, dass der Täter stets innerhalb der ersten fünf Minuten einen ersten Auftritt habe. Bruno Strebel hat beobachtet, dass spätestens nach einer Stunde «eine erste Linie Verdächtiger in sich zusammenfällt». Und Marcus Oestreicher (45) nennt als Faustregel: «Je politischer und gesellschaftskritischer, desto einfacher ist der Fall zu lösen.» Oestreicher kennt die Krimiserie ebenfalls seit Kindertagen. «Ich wollte immer freiwillig ins Bett, wenn die Sendung begann», sagt er, «so sehr habe ich mich jedes Mal über den gruseligen Vorspann erschrocken.»

Gemütlich wie zu Hause, nur mit mehr Gesellschaft: Marcus Oestreicher schaut den «Tatort» am liebsten im Restaurant Piccolo Giardino
Gemütlich wie zu Hause, nur mit mehr Gesellschaft: Marcus Oestreicher schaut den «Tatort» am liebsten im Restaurant Piccolo Giardino.

Gemütlich wie zu Hause, nur mit mehr Gesellschaft: Marcus Oestreicher schaut den «Tatort» am liebsten im Restaurant Piccolo Giardino.

Heute geniesst er den Kultkrimi bei gutem Essen und angenehmer Gesellschaft und freut sich, wenn das Duo Batic/Leitmayr in München oder der egozentrische Faber in Dortmund ermittelt. Oestreichers private Leidenschaft hat sogar in seinem Beruf Spuren hinterlassen: Als Software-Entwickler bei IBM benannte er eine Zeit lang seine Programme nach «Tatort»-Kommissaren. Weshalb sich nun Nutzer in Asien mit unaussprechlichen Bezeichnungen wie zum Beispiel «Fredy-Schenk-Tool» herumschlagen müssen. In der Halbzeit hat der Luzerner «Tatort» einen Durchhänger. Im Restaurant lässt die Konzentration spürbar nach. Ein Gast geht auf die Toilette. An einem Fenstertisch unterhalten sich zwei Frauen in normaler Lautstärke. Auf Twitter spottet jemand: «Ich weiss jetzt, warum beim «Tatort» so leise gesprochen wird. Man will die Zuschauer nicht wecken.» Dann, kurz nach 21 Uhr, der zweite Mord, wieder mit einem Plastiksack verübt. «Plastiksäcke sollten verboten werden», twittert User Veilchen, «schlecht für Umwelt und Menschen.» Ein anderer rät, sich besser den Berliner Wahlen zu widmen, die seien spannender.

Der «Tatort» setzt Themen

Der Schweizer «Tatort» polarisiert: Während er hierzulande meist gut wegkommt, sacken die Einschaltquoten in Deutschland in den Keller, wenn die Luzerner Ermittler Dienst haben. Einerseits kursiert die Theorie, die Dialoge würden unter der Synchronisation leiden. Einige Kritiker finden aber die Geschichten auch schlicht langweilig und humorfrei. «Wer stimmt so einem Drehbuch zu?», twittert etwa User Cokoschka, «und wer lässt zu, dass das auch noch verfilmt wird?» Tatsächlich kommt «Freitod» streckenweise eher als Doku denn als Actionstreifen daher. Mit der Themenwahl ist die Schweizer Produktion allerdings in guter Gesellschaft: Etwa seit der Jahrtausendwende bearbeiten die Plots vermehrt politisches Gebiet, es geht um soziale Ungerechtigkeit, Migration und Integration. Hie und da wird dem «Tatort»-Inhalt ein ganzer Themenabend gewidmet, wie etwa 2009 rund um die Folge «Baum der Erlösung», in dem es um Rassismus ging. Umgekehrt wurde der Kieler «Tatort» «Essen ist Leben» eigens für die gleichnamige Themenwoche im Jahr 2010 bei ARD produziert. Gewandelt hat sich auch die Sicht auf die Protagonisten. Der Sozialphilosoph Alfred Pfabigan stellt in seinem Buch «Mord zum Sonntag» fest, dass für die Opferrolle heute gern der Hartz-IV-Empfänger ausgesucht wird, während der Arbeitslose in den 80er-Jahren eher Tatverdächtiger war. Auch der Migrationsthematik wurde der «Tatort» gerecht, als er 1991 mit dem Münchner Kommisar Ivo Batic einen Einwanderer aus dem kroatischen Vucovar besetzte.

Eine Viertelstunde vor Filmende kommt nochmals Leben in den Luzerner «Tatort»: Transitus-Mitarbeiter Jonas und Nadia gehen auf Tuchfühlung. Auf Twitter bemerkt einer: «Wird ganz schön geschnackselt bei der Sterbehilfe.» Ein anderer glaubt endlich den Sinn der heutigen Folge zu erkennen: «Ein Einschlafbegleiter.» Bald ist es überstanden, der Todesengel ist im Begriff, sich selber mittels eines tödlichen Cocktails aus dem Leben zu befördern. «Boh. Trink endlich», twittert ein gewisser Maxi. Nadine kippt den Giftcocktail und legt sich aufs Bett, bereit, in Stille zu gehen.

«Tatort»-Folge Nr. 1000: «Taxi nach Leipzig», Sonntag 13. November, 20.05 Uhr, SRF 1.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Jorma Müller