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30. Mai 2016

Grönemeyer vergleicht Auftritte mit Dates

Herbert Grönemeyer tritt am 10. Juni in St. Gallen auf. Im Interview spricht er über Lampenfieber, Flüchtlinge, das Altwerden und die filmreife erste Begegnung mit seiner neuen Partnerin.

Herbert Grönemeyer
«Früher war ich ein Kampfsänger, wahrscheinlich bin ich einen Tick langsamer geworden.» (Bild: Ellen von Unwerth)

Herbert Grönemeyer, es ist Frühling, Ihre laufende Tournee ist zum Teil schon ausverkauft, und Sie sind verliebt. Wie gehts Ihnen bei all dem?

Viel schöner gehts kaum. Es ist eine tolle Zeit. Ich bin ja auch im April zur Welt gekommen und daher ein Frühlingskind. Also alles gut. Aber man macht sich natürlich über vieles Gedanken, klar.

Worüber?

Über die Situation in der Welt, wie es den Menschen geht, wie es Deutschland geht. Ausserdem bin ich gerade 60 geworden. Das bedeutet schon, einen Moment innehalten und überlegen: Wie viele Jahrzehnte hat man hinter sich, was kommt noch?

Ihre Lieder handeln aber oft von der Liebe. Sind Frauen Ihre grösste Inspiration?

(Lacht laut) Mit Frauen passiert jedenfalls immer etwas. Männer sind eher stromlinienförmig. Frauen sind vielschichtiger und mehr in Bewegung. Als Mann versucht man, darauf zu reagieren. Aber Liebesdramen sind auf jeden Fall eine Inspiration. My Baby left me und so. Noch macht mir das Spass.

Sie waren mehrere Jahre mit einer Schweizerin liiert, haben quasi in Zürich gelebt. Sie gehörten fast ein wenig uns.

Das empfand ich auch so. Ich mag die Schweiz und Zürich sehr. Aber wie das Leben so spielt, zwei Personen bewegen sich manchmal in unterschiedliche Richtungen. Wir sind allerdings nicht im Gram auseinandergegangen, im Gegenteil.

Als Sie mit ihr zusammen waren, haben Sie sich überlegt, in die Schweiz zu ziehen. Gibts dafür mal ein Lied über die Schweiz?

Ich mag euren Humor, mehr als den deutschen. Ihr habt auch mehr Selbstironie. Die Schweizer Zeitungen schreiben das bessere Deutsch. Und Schweizer sind mit ihrer Loyalität sehr stabil.

Also sogar eine Hymne?

Nein, nein, ich denke, dieses Lied werde ich nicht schreiben. Es sei denn, es kommt plöztlich eine Idee, ich finde einen Dreh.

«Ich bin immer wieder verblüfft, welche Zuneigung ich vom Publikum bekomme.» (Bild: Ali Kepenek)

Im Juni kommen Sie nach St. Gallen. Wird das ein normales Konzert für Sie, oder ist es ein wenig wie nach Hause zu kommen?

Das ist was Besonderes. Ich bin immer wieder verblüfft, welche Zuneigung ich vom Publikum bekomme. Und das Schweizer Publikum hat mich immer besonders berührt.

Das ultimative Bühnenflash hatten Sie in Luzern, in der Stadthalle.

Das war in den 80ern. So ein Auftritt ist ja wie ein Flirt. Und dies war mein erstes Date mit dem Schweizer Publikum. Plötzlich machten die Huuuuuu! Und ich dachte: «Oh Gott, oh Gott, das geht völlig in die falsche Richtung.» Dann strecken die auch noch die Hände in die Luft und wackeln damit …

… machten die Welle.

So was hatte ich vorher noch nie gesehen. Ich dachte, sie buhen uns jetzt aus. Aber in Wahrheit war man in Luzern unheimlich nett und respektvoll zu uns.

Schweizer sind mit ihrer Loyalität sehr stabil.

Ein weniger schönes Thema: die Flüchtlinge. Sie haben sich für sie starkgemacht, aber prompt Haue für Ihr Engagement bekommen, etwa in den sozialen Medien.

So was les ich gar nicht. Das Internet wird von den Rechten sehr benutzt. Da gibts ganze Teams, die nichts anderes tun, als Posts hinauszufeuern. Das Internet beginnt, das moralische Gedankenniveau zu senken.

Es gab Stimmen, die sagten, der hat gut reden. Sitzt da in London in einer Gegend der Superreichen und weiss gar nicht, was hier direkt vor unserer Haustür abgeht.

Dummes Zeug. Ich lebe schon seit Jahren wieder in Deutschland, zahle dort auch ununterbrochen meine Steuern. Ich arbeite mit Freiwilligenorganisationen zusammen und engagiere mich hier beim Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales, die Red.). Wir sind gerade dabei, Unterkünfte für Flüchtlinge zu suchen. Also ich weiss ziemlich genau, was da passiert.

Sie haben Wärmebusse in Berlin aufstellen lassen, aber anonym. Warum?

Es ist nicht wichtig, wer das macht, sondern dass es jemand macht. Die Flüchtlinge waren da, und es war kalt, wir mussten schauen, dass die Menschen nicht erfrieren. Unfassbare Zustände.

Vor ein paar Monaten sagten Sie noch, Deutschland erlebe eine Offenheit gegenüber Flüchtlingen wie nie zuvor. Inzwischen ist die Stimmung gekippt.

Ich glaube, es steht immer noch 80 zu 20. 80 Prozent der Bevölkerung unterstützen die Willkommenskultur. Diese Bereitschaft der Deutschen ist beeindruckend, und sie kam aus der Bevölkerung, nicht aus der Politik. Frau Merkel war am Anfang überhaupt nicht dafür. Aber dann hat sie gemerkt, oh Gott, die Leute wollen die Flüchtlinge aufnehmen. Jetzt schwenkt Merkel bereits wieder etwas um.

Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) hat in Deutschland bei den letzten Wahlen viele Sitze gewonnen. Macht Ihnen das keine Sorgen?

Nein. Schon damals nach der Wende habe ich gemerkt: Wenn die Menschen nicht informiert werden, entstehen diffuse Ängste und Aggressionen. Die Politik müsste Transparenz schaffen. Wenn die Leute die Herausforderung verstehen, akzeptieren sie sie auch. Aber je weniger sie wissen, desto mehr gruselige Gedanken machen sie sich. Kürzlich sagte ein Neonazi: Ich will die Flüchtlinge gar nicht kennenlernen, sonst kann ich sie ja nicht mehr hassen. Genauso ist es.

Wenn Angela Merkel sagt: «Wir schaffen das», sind Sie einverstanden?

Das wirkt fast wie ein Poster, so wie es damals im Osten Schilder gab. Aber da ist nix zu schaffen. Wenn ich jemandem helfe zu überleben, ist das kein Schaffen, sondern ein Helfen. Gemeinsam kriegen wir diese Hilfe hin.

Was macht Sie so sicher, dass das gelingt?

Das ist schon immer gegangen. In allen Gesellschaften. Hier kommen Menschen, nicht Zahlen. Wenn man das mal so betrachtet, werden sie Partner, Freunde und Mitmenschen – kultivierte, witzige, kluge.

Wie sehen das Ihre Kinder?

Meine Kinder sind in England gross geworden und bringen diesen englischen Freigeist mit. London ist eine der internationalsten Städte der Welt, da leben 300 Kulturen.

Meine Kinder sind in England gross geworden und bringen diesen englischen Freigeist mit.

Sie sind seit Ende Mai auf Tournee, seit über 30 Jahren immer wieder. Sind Sie auf der Bühne derselbe wie früher?

Früher war ich ein Kampfsänger, und wahrscheinlich bin ich mit den Jahren einen Tick langsamer geworden. Aber wenn ich auf der Bühne stehe, vergesse ich, wie alt ich bin. Das ist wie beim Küssen: Ich bezweifle, dass ich heute anders küsse als früher.

Das ist schwierig, selber festzustellen.

Stimmt, aber es geht um die Leidenschaft. Und die ist immer noch da. Es ist ein unfassbares Erlebnis, wenn man dasteht, und die Leute haben Spass an einem.

Haben Sie noch immer Lampenfieber?

Extrem. Auf der Bühne meistens die erste halbe Stunde. Jeder Auftritt fühlt sich an wie bei einem ersten Date. Da fragt man sich auch: Komme ich an, komme ich nicht an? Aber oft komme ich an, zum Glück.

Ist man irgendwann zu alt, um auf der Bühne zu stehen?

Nein. Aber es ist schon eine Frage, wie man auf der Bühne würdig altert. Ich versuche, mir nicht den Anstrich zu geben, ich sei ein 25-Jähriger.

Wie wäre «würdig»?

Dass man nicht den Affen macht und nach zehn Minuten schon am Ende ist, weil die Luft raus ist und man nicht mehr kann. (lacht). Und ich bin halt schon einer, der rumrennt.

Sie haben mal gesagt: Je älter ich werde, desto unsicherer bin ich.

Als Künstler frage ich mich: Fällt mir noch was ein? Ich habe Angst, mich zu wiederholen. Ich möchte spannend bleiben. Ich stelle mich immer wieder in Frage. Das ist aber ein Drama, das man als Künstler vielleicht generell hat: Die grössten Schauspieler, die ich kennengelernt habe, waren die unsichersten. Wer sich kritisch reflektiert, treibtsich vorwärts.

Wer kommt eigentlich an Ihre Konzerte? Das können nicht nur die alten Fans sein.

Da kommen auch Junge, das freut mich natürlich. Am liebsten sind mir die, die mit ins Konzert mussten, die mich vielleicht schon immer doof fanden und dann aber hinterher sagen: Mensch, das war ein toller Abend, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Das ist wie bei einer Frau, die einen erst nicht beachtet und dann kriegt man sie letztlich doch rum.

Wie haben Sie Ihre jetzige Freundin rumgekriegt?

Das ging schnell. Wir haben uns gesehen und verstanden.

Liebe auf den ersten Blick?

Ich sah sie und wusste sofort, sie ist es. Ohne mit ihr zu sprechen. Als ich sie dann das nächste Mal sah, habe ich sie an­gesprochen. 


Dann war es gleich beiden Seiten klar.

Theoretisch schon. Aber praktisch war sie etwas skeptisch, weil sie mich erkannt hatte.

In der Zwischenzeit hatten Sie Informationen über sie eingeholt.

Informationen ist übertrieben. Aber ich musste ja irgendwie Kontakt herstellen. Das war nicht so einfach, weil wir uns an diesem ersten Abend bloss gesehen hatten. Ich hab also nachgeforscht und sie dann zum Glück wiedergefunden. War gar nicht so einfach.

War das dann bei Ihnen schon immer so. Dieses Verlieben auf den ersten Blick?

Nein, das war eine Premiere.

Das fühlt sich sicher gut an.

Ja, war schön (schmunzelt).

Wo ist es eigentlich passiert?

In Berlin, im Restaurant. Ganz unspektakulär.

Blickkontakt, quer durchs Restaurant, wie im Film?

Genauso. Gesehen und emotional verhaftet.

Und noch immer in Handschellen?

In Handschellen bin ich nicht. Wir sind beide frei. Aber ja, es macht Spass.

Sie soll ziemlich jung sein. Oder ist das ein Gerücht?

Sie ist nicht ganz so alt wie ich, aber weiss Gott nicht so jung wie von irgendwelchen Idiotenblättern gemeldet.

Stimmt es, dass sie Josha heisst?

In der Presse (lacht schallend).

Also, jetzt wird es immer spannender.

Es tut nichts zur Sache, wie sie heisst. Zum Glück habe ich noch eine Privatsphäre. Das ist schon ein Bereich, den es zu schützen gilt.

Der Name ihrer Schweizer Freundin war bekannt.

Ihr Name wurde damals bekannt, weil uns die «Bild»-Zeitung aufgelauert hatte. Trotz mehrerer Warnungen haben die dann eine Titelseite gemacht. Den Prozess hat «Bild» mit Pauken und Trompeten verloren.

Ist es für eine Frau schwierig, an Ihrer Seite zu sein?

Frauen, wie alle anderen Menschen, werden gerne beachtet. An der Seite von einem, der die ganze Aufmerksamkeit bekommt, ist es nicht einfach. Ich möchte jedenfalls nicht mit mir zusammen sein (lacht laut). Meine verstorbene Frau sagte mal, als ich gerade «Das Boot» gedreht hatte: «Ich glaub, ich bin das Beiboot.»

Mit Josha wollen Sie alt werden. Wie stellen Sie sich das vor?

Davon träume ich natürlich bei jeder Beziehung. Das ist nicht anders als mit 22. Ich hoffe, dass wir uns über die Jahre immer wieder zusammenraufen können, weil die Basis da ist und man im Kern spürt, dass man zusammengehört. Aber ich bin nicht der grosse Planer, sondern lebe immer im Moment, sehr zum Leidwesen meiner Eltern übrigens, die immer sagten: Aus dem wird nichts.

Ich möchte nicht mit mir zusammen sein.

Ihre Mutter hat Alzheimer. Haben Sie Angst, selber daran zu erkranken?

Na ja, sicher. Mein Vater hatte auch eine Demenz. Sehr kurz und nicht sehr schön. Natürlich habe ich Angst, selber auch in diese Spirale zu geraten. Zudem glaube ich, dass wir unserem Gehirn zu viel zumuten und Auszeiten brauchen. Deshalb versuche ich zu meditieren, den Kopf leer zu bekommen. Man sagt auch, Musik halte das Gehirn aktiv.

Leute, die Demenzfälle in der Familie haben, überlegen sich: Was tue ich, wenn es bei mir beginnt? Haben Sie sich darüber auch schon Gedanken gemacht?

Noch nicht. Aber das müsste ich vielleicht mal. Ein Testament habe ich, aber noch keine Patientenverfügung. Viele Leute haben auch das Gefühl, sie hätten mit der Kirche nichts am Hut, aber am Lebensende suchen sie dann doch wieder deren Nähe, weil sie jemanden brauchen, der sich um ihre ­Seele sorgt.

Sie haben sich bereits früher für die Seelsorge ausgesprochen.

Als meine Frau starb, ging ich zum Pfarrer. Der hat sich viel Zeit für mich genommen und meiner Seele geholfen, zur Ruhe zu kommen.

Sind Sie gläubig, oder glauben Sie einfach an den Sinn der Seelsorge?

Ich bin schon gläubig. Nicht, dass ich jetzt ständig in der Bibel lesen würde, aber von der Religion wird man geprägt. Sie hilft einem im Leben, sich auch mit dem Tod auseinanderzusetzen. Je älter wir werden, desto mehr geht uns das was an. Daran glaube ich.

Autor: Yvette Hettinger, Andrea Freiermuth