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26. Oktober 2015

Jamies perfekte Welle

Steigt Jamie Huser aufs Brett, haben selbst die Grossen einen schweren Stand: Der Elfjährige ist Schweizer Meister im Wakeboarden – in der Kategorie der Männer. Auch an der WM in Mexiko will er ganz nach oben aufs Podest. Das Video (oben) zeigt Profi-Tricks von Jamie Huser und US-Kollege Tyler Worrall.

Jamie Huser in seinem Kinderzimmer in Flims
Bezwang bislang fast jede Welle: Jamie Huser in seinem Kinderzimmer in Flims.

Seinen kleinen Bruder Jamie nennt Sascha Gattiker nur noch «Phenomenon», oder auf Deutsch: «Phänomen». «Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so schnell neue Tricks lernt. Manchmal kann ich es gar nicht glauben», sagt der 24-Jährige, der auch der Trainer von Jamie ist.
Wie talentiert er ist, bewies der elfjährige Wakeboarder Ende August an den Schweizer Meisterschaften auf dem Lac de Joux im Kanton Waadt. Jamie Huser startete nicht in der Kategorie «Boys», wie das eigentlich üblich ist, sondern bei den Männern – und holte sich den Sieg. «Für mich war das keine grosse Überraschung. Ich weiss ja, wie gut er fährt», sagt Sascha Gattiker, der selber Profi-Wakeboarder ist.

Wer glaubt, dass das Talent am grossen Wasser wohnt, der irrt. Der Blondschopf Jamie ist tief in den Bündner Bergen, in Flims GR, zu Hause. Hier wächst er auf, hier geht er in die Primarschule. Sein Vater Beat Gattiker (54) machte den Wassersport in der Schweiz populär: 1983 gründete er die erste Wakeboard-Schule Europas.
Die Wakeboard Academy liegt am Zürichsee und wird mittlerweile von Sohn Sascha geführt. Jamie trainiert dort so viel, wie es die Wetterbedingungen und Jahreszeiten in der Schweiz zulassen, also von Frühling bis Herbst.

Das erste Mal überhaupt auf einem Wakeboard stand er im Alter von gut drei Jahren. «Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber es gibt Fotos davon», sagt Jamie.
Und Bruder Sascha sagt: «Jamie hat schon immer ein wahnsinnig gutes Brettgefühl gehabt.» Das zeige sich nicht nur beim Wakeboarden.

Im Winter surft Jamie in der Halfpipe

Im Winter zieht es Jamie in die Berge. Dann saust er mit seinem Snowboard die Schneepiste von Laax GR hinunter. Natürlich nicht einfach so. Er übt Tricks in der Halfpipe, probiert Sprünge auf dem Kicker aus. Wenn er es lieber wärmer hat, schnappt er sich das Skateboard und lässt es in der Skatehalle krachen. Hauptsache, er hat ein Brett unter den Füssen.
Sein Herz gehöre aber schon dem Wakeboarden, sagt Jamie. Deshalb fliegt er auch jeden Winter für zwei bis drei Wochen nach Florida. Der Sonnenstaat der USA ist der Hotspot der internationalen Wakeboard-Szene. Hier kann Jamie jeden Tag boarden, ihm steht sogar ein eigener, amerikanischer Trainer zur Verfügung. «Eigentlich müsste Jamie hierhin ziehen. In Florida sind die grossen Firmen, die Sponsoren, das Geld», sagt Sascha Gattiker. Jamie selber konnte nach dem Gewinn des Schweizer-Meister-Titels einen Sponsor für sich gewinnen, der seine gesamte Ausrüstung zahlt. Darauf ist er stolz.

Läuft alles nach Plan, sollen noch viele weitere Sponsoren dazukommen. Jamie träumt davon, nach Florida zu ziehen. «Ich möchte die Oberstufe in den USA machen», sagt er. Dass ihr Sohnemann bald allein in den Vereinigten Staaten leben könnte, von diesem Gedanken ist Jamies Mutter, Sandra Huser (43), allerdings wenig begeistert. «Für mich ist es eine Horrorvorstellung, ihn nicht mehr an meiner Seite zu haben.» Das Verhältnis zu ihrem Sohn sei ein enges. «Ich fahre mit ihm zu Wettkämpfen und fiebere mit ihm mit.» Nur wenn er zu seinen waghalsigen Sprüngen mit Drehungen und Überschlägen ansetze, müsse sie manchmal wegschauen.

Wakeboarden ist kein ungefährlicher Sport. Hinter dem Motorboot, verbunden mit einem Seil, beschleunigen die Fahrer auf einem verkürzten Surfbrett bis zu 70 Stundenkilometer. Stürzt man, ist die Landung hart. Verletzungen wie Kreuzbandrisse, Verstauchungen, Beinbrüche und Gehirnerschütterungen sind keine Seltenheit.
Jamie hat bisher «nur» eine Gehirnerschütterung erlitten und blieb von schwereren Verletzungen verschont. Er hofft, dass das auch in Zukunft so bleibt – vor allem aber an der Weltmeisterschaft in Mexiko, die noch bis am 31. Oktober dauert. Dort tritt er am Strand von Cancún in der Kategorie U14 an, was für den Elfjährigen nicht ganz einfach sein wird. «Die 14-Jährigen sind zum Teil richtig muskelbepackte Männer. Aber wenn Jamie sich konzentriert und nicht stürzt, kann er es trotzdem aufs Podest schaffen», sagt Sascha Gattiker. Es wäre nicht die erste Überraschung. 

WEITERE FILME UND INFOS

www.facebook.com/jamiehuser

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Daniel Winkler