Archiv
25. Juli 2016

Jakob Stückelberger über Mani Matter

Am 4. August wäre Mani Matter 80 Jahre alt geworden. Jacob Stickelberger (76) stand mit ihm auf der Bühne und erinnert sich an die befruchtende Zeit mit dem genialen Berner Chansonnier und Vordenker.

Poet Mani Matter
Raucher und Poet: Mani Matter (Bild: Rodo Wyss)

Mani Matter habe ich Ende der 1950er-Jahre am Geburtstag meines Grossvaters kennengelernt. Mein Onkel Klaus Schädelin (Autor von «Mein Name ist Eugen») fand nach dem ausgedehnten Mittagessen: «Ich hole mal jemanden her.» Es kam der vier Jahre ältere Mani, er wirkte scheu und verlegen, hatte die Gitarre dabei und fing ohne grosse Worte gleich an zu spielen. Das erste Lied war: «Dr Ferdinand isch gstorbe».

Jacob Stickelberger bei einem Soloauftritt im Februar 2016
Jacob Stickelberger bei einem Soloauftritt im Februar 2016. (Bild: zVg)

Jacob Stickelberger bei einem Soloauftritt im Februar 2016. (Bild: zVg)

Um Mani Matter und Bernhard Stirnemann, der in der Berner Altstadt das Kleintheater «Die Rampe» führte, entstand in den 1960er-Jahren eine lose Gruppe von Liedermachern, die zusammen auftraten. 1966 stiess ich dazu. Wir waren sechs Musiker, auf der Bühne spielte jeder nacheinander seine eigenen Chansons, jeder hatte 20 Minuten Auftrittszeit. Dabei war Mani immer etwas Besonderes, ohne sich so zu geben.

Er verpasste einmal seinen Auftritt, weil in der Pause ein Bub hinter die Bühne kam und fragte, wie die Gitarre und der Kapodaster funktionierten. Mani erklärte es ihm und war so darin vertieft, dass er ganz vergass, auf die Bühne zu gehen.

Von der Musik allein wollten sie nicht leben

Mani hat sich nie wichtig gemacht, im Gegenteil. Als einmal ein bekannter Radioreporter hinter die Bühne kam und unbedingt ein Autogramm wollte, meinte Mani nachher nur: «Was wott dä dumm Cheib eigetlech mit deren Unterschrift?!»

Berner Troubadours war ein Name, den uns die Leute gegeben hatten und wir dann übernahmen. Plötzlich kamen Anfragen aus der ganzen Deutschschweiz, viele Auftritte waren sofort ausverkauft – was uns regelrecht überraschte. Es stand nie zur Debatte, dass wir von der Musik hätten leben wollen. Das lief nebenbei, wir führten alle unser bürgerliches Leben.

Die Berner Troubadours mit Jacob Stickelberger und Mani Matter
Die Berner Troubadours mit Jacob Stickelberger und Mani Matter (1. und 2. von rechts). (Bild: Ruedi Krebs)

Die Berner Troubadours mit Jacob Stickelberger und Mani Matter (1. und 2. von rechts). (Bild: Ruedi Krebs)

Bei den Troubadours wünschten sich Mani, Fritz Widmer und ich mehr Austausch untereinander – wegen der Qualität der Lieder und um als geschlossenere Gruppe auftreten zu können. So war es eher ein Jekami. Doch die anderen drei waren dagegen, dass wir uns gegenseitig die neuen Lieder vorspielen und darüber diskutieren. So trennten wir uns 1970.

Mani, Fritz Widmer (1938–2010) und ich machten weiter und schufen gemein-sam «D’Kriminalgschicht». Krimis interessierten Mani – nicht so sehr wegen der Geschichten, sondern wegen der klischierten Romanfiguren.

Wir wählten und verteilten untereinander die Themen – Täter, Verdächtiger, Detektiv – jeder schrieb sein Chanson und Zwischentext dazu. Wir trafen uns, besprachen unsere Kreationen, erfanden weitere, diskutierten, lachten und kalauerten. Es waren enorm anregende und drollige Abende. Wir trafen uns jeweils bei Mani oder bei Fritz, ich wohnte noch daheim.

Mani und ich hatten viele Gemeinsamkeiten – unsere Herkunft aus bürgerlich-akademischem Milieu, dass unsere Väter gute Verseschmiede waren, Literatur und Sprache zu Hause eine grosse Rolle spielten und dass ich auch Jus studierte. Mani war ab 1965 Oberassistent an der Uni, ich noch Student.

Vor dem Examen repetierte ich an Auftrittsabenden im Theater jeweils hinter der Bühne unter Manis streng-fröhlicher Anleitung mit ihm Verwaltungsrecht – sein Fachgebiet. Er konnte dieses bei Studenten oft unbeliebte Fach richtig spannend erklären. Er war stupend gescheit. Für seine Dissertation erhielt er ein summa cum laude, was ich allerdings nicht von ihm direkt erfuhr.

Wir sangen uns die Lieder am Telefon vor

Ich war gut vier Jahre jünger als Mani Matter und trottete gerne neben ihm her. Jeder Moment mit ihm war anregend und spannend. Sagte er: Da ist ein interessanter Vortrag – komm mit, war ich immer dabei.

Nach dem Studium hatte ich 1971 eine Anwalt-Praktikantenstelle in Zürich angenommen. Wir telefonierten, wenn wir ein neues Lied hatten, und sangen es uns am Telefon vor – mit Gitarre, den Hörer zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt.

Am Berner Rathaus führt der Mani-Matter-Stutz vorbei
Der Verslischmied bleibt unvergessen: Am Berner Rathaus führt der Mani-Matter-Stutz vorbei. (Bild: Peter Studer/Keystone)

Der Verslischmied bleibt unvergessen: Am Berner Rathaus führt der Mani-Matter-Stutz vorbei. (Bild: Peter Studer/Keystone)

Manis Gedächtnis war phänomenal. Nach ein Mal Anhören war ihm jede Textzeile präsent. Als ich ihm mein Chanson «Mi Elefant» vorspielte, war er gerührt, meinte aber zur Schlusszeile «I gibe sim Rüssel mi Hand»: «Nei, du muesch unbedingt singe: Si Rüssel schnuft füecht a mir Hand.»

Just den Elefanten wollte er selber singen: «Lahsch mis singe?» fragte er mich. Seine Interpretation gefiel den Leuten viel besser als meine. Umgekehrt gab es bei ihm nie etwas zu verbessern. Wirklich nie. Seine Lieder waren ausnahmslos perfekt. Mani konnte die kompliziertesten Sachverhalte mit zwei Zeilen festnageln. Weltweit gibt es keinen anderen Liedermacher, der mit derart wenigen Worten so präzise und gereimt auf den Punkt kommt. Ich selber brauchte immer viele Worte, was mich ärgerte. Doch Mani meinte dazu: «Das isch guet. Das muesch la sii. Du bisch äbe barock.»

Warum der Alpenflug tödlich endet

Nachdem er mir ein neues Chanson vorgetragen hatte, fragte er jeweils: «Was meinsch?» Meine Antwort war eigentlich immer: «Grossartig» – und es gab nichts zu verbessern. Anregungen konnten ihn begeistern. So etwa beim Alpenflug. In der ursprünglichen Fassung landeten Pilot und Passagier wohlbehalten. Ich fand: «Die muesch la abegheie!» Darauf Mani: «Hesch rächt, i has ja o lieber wes schlächt usgeit, wi aube bi dir.»

Oder das «Zündhölzli»: Das Lied endete ursprünglich mit dem Untergang der Schweiz und der Zeile «Ds ganze Land in eim Tumult, dass me gschosse hätt uf d’Bundesrät am Rednerpult». Ich fand nur: «Werum nume d Schwiz? Söttsch konsequänterwiis die ganzi Wält la untergaa.» Spontan dichtete er die fünfte und letzte Strophe dazu.

Ich erinnere mich auch bestens an das Werden vom «Sidi Abdel Assar vo el Hama». Auf seiner Ferienreise in Tunesien fuhr Mani am Ortsschild «El Hama» vorbei, was ihn belustigte und zur ersten Strophe inspirierte. Er spielte sie uns wiederholt vor und fragte immer wieder: «Chasch nid wiitermache?» So, wie ich mich erinnere, dauerte es Wochen oder gar Monate, bis er mit einem erleichterten «Itz hanis» kam.

Nachdem 1971 das Frauenstimmrecht angenommen worden war, wurde Mani angefragt, ob er ein Lied komponieren und vortragen könne. Eine ehrenvolle Aufgabe also. Er aber kommt zu mir und ermunterte mich: «Chumm mach doch ou eis!» Das war typisch Mani. Er schrieb die etwas ernste «Ballade vom Nationalrat Sanders», ich hingegen blödelte mit «Froue im Parlamänt». Mein Lied war eher eine Kalberei, doch Mani fand dazu: «Ou weni doch numen ou sones Lied hätt gha!»

Er liebte Wortspiele, hatte viel Sinn für Skurriles. Als wir einmal durch die Lauben gingen, kam uns ein Teenager mit vielen Bibeli entgegen. Ich sagte: «Lueg emau di vile Bibeli.» Darauf Mani: «Was heisst da scho Bibeli? E ganzi Bibeliothek!»

Kurz vor seinem Tod kam Mani mit einem neuen Lied und sagte: «So, itz hani ou es Lied à la Mani Matter gmacht und zwar mit dem Titel ‹Dr Herr Zehnder›.» Damit spielte er auf die diversen «à la Mani Matter»-Interpreten an, über die er sich manchmal ärgerte. Im Lied beschreibt er im Detail – eben Matter-typisch –, wie der Herr Zehnder mit dem Morgentee das Tischtuch befleckt. Mit der letzten Zeile nimmt Mani die geniale Be- schreibung dieser Banalität gleich selbst auf die Schippe: «Aber öich chas schliesslech gliich sii, wes bi Zehnders Fläcke git.»

Wir hatten zu dritt vierzig bis fünfzig Auftritte in der ganzen Schweiz fest gebucht, als Mani tödlich verunfallte. Das war so schlimm, dass ich nach seinem Tod mit dem ganzen Chansonzeugs aufhören und alle Auftritte absagen wollte. Seine Frau Joy ermunterte aber Fritz Widmer und mich, das Programm mit der «Kriminalgschicht» doch noch aufzuführen. Was wir auch taten.

Nach seinem Tod hat sich für mich alles geändert. Eigentlich war vorgesehen, zurück nach Bern zu ziehen und dort als Jurist für die Stadt zu arbeiten, und zwar in einem Büro, das an jenes von Mani angegrenzt hätte. Das ging nicht mehr, und ich blieb in Zürich.»

Autor: Claudia Langenegger