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14. Januar 2013

Jäger und Sammler sind wir

Zinnsoldaten, Postkarten, Pins oder Swatch-Uhren: Jede Epoche hatte ihre Sammelobjekte und Menschen, die ihnen nachjagten. Heute scheint der Trend etwas abzuebben. Doch noch immer finden sich Menschen, deren Sammelleidenschaft ungebrochen ist. Fünf Porträts.

Pin-Sammlung
Besitzt eine Sammlung von mindestens 1200 Pins: Moritz Camenisch aus Kriens LU.

Warum sammeln Sie? Fünf weit verbreiteten Sammel-Interessen im Überblick. Und welche Leidenschaft hat Sie gepackt? Jene für Seltenes, Schönes oder Wertvolles? Die Umfrage.


DIE PORTRÄTS
Der Mensch ist und bleibt ein Jäger und Sammler. Doch die Objekte seiner Begierde sind, wie er selbst auch, einem steten Wandel unterworfen. Während in der Blütezeit des Wohlstandes Alltagsgegenstände von geringem Wert Heerscharen fanatischer Sammler mobilisierten, wird im Zeitalter der Kommunikationselektronik der Kreis der Plauschsammler immer kleiner und älter. «Die Jungen sind nur noch an Handys interessiert», klagen die Sammler aller Sparten unisono. «127 Mitglieder hatte der von mir vor rund 30 Jahren gegründete Sammlerclub Zentralschweiz in seinen Spitzenzeiten», erinnert sich der Krienser Moritz Camenisch wehmütig. Jeder Sammler war auf mehrere Objekte fokussiert. Heute kämpft der Sammlerclub Zentralschweiz um seine Existenz. Die unzähligen Tausch- und Kaufbörsen von einst sind verschwunden. «Die kommerziellen Händler haben die Szene kaputt gemacht», klagt Camenisch. Heute treffen sich unter seinen Fittichen noch bis zu 35 Unverdrossene an den gelegentlichen Tauschabenden. Die Jüngsten sind über 50. Und immer wieder bekommt der Präsident des einstigen Sammlerclubs imposante Sammlungen geschenkt. Weil es den Angehörigen schwerfällt, das Resultat der Leidenschaft eines Verstorbenen einfach wegzuwerfen. Unlängst hat Moritz Camenisch 140 Kilogramm Fasnachtsplaketten zur Entsorgung weitergereicht. Nachdem er einige Kilo mit Tauschpotenzial aussortiert hatte.

Vom Pin-Fieber angesteckt

Zufrieden streift der Blick von Moritz Camenisch (68) aus Kriens LU über die von Pins bedeckte Fläche des grossen Schaukastens. «Es dürften mindestens 1200 sein. Gezählt habe ich sie nicht», gesteht er. Der Schaukasten ist staubdicht. «Staub setzt den Pins zu. Sie werden porös und matt», weiss der Sammler, der gleich neben der Autobahn A2 wohnt. Die grösste Freude bereiten ihm die Ballonpins. Sie waren es, die ihn auf die Pins als Sammlerobjekt aufmerksam machten, nachdem er seine platzraubende Zündholzsammlung in den Fundus des Schweizerischen Zündholzmuseums eingebracht hatte. Das war 1980; der weltweite Run auf Pins aller Art brach gerade los. Unzählige Firmen und Veranstalter fluteten die Sammlerwelt mit Pins. Auch Moritz Camenisch konnte nicht widerstehen: Es blieb nicht nur bei Ballonpins. «Ich schätze meine gegenwärtige Sammlung auf etwa 15'000 Pins», sagt er. Er könnte die Anzahl leicht vervielfachen. Denn während man in den 80er-Jahren noch bis zu 25 Franken für Raritäten und acht Franken für besonders schöne Pins zahlen musste, werden heute riesige Sammlungen verschenkt oder gegen andere Sammelobjekte eingetauscht. «Mein Ziel ist es, mich wieder auf Luftfahrzeuge zu konzentrieren. Alles andere will ich loswerden», verrät Moritz Camenisch, der neuerdings auch Hotelseifen sammelt. Und Wanderstock-Embleme −nachdem er eine entsprechende Sammlung als Grundstock geschenkt bekommen hat.

Die ganze Welt im Kreditkartenformat

Ueli Brunner aus Zürich sammelte «Taxcards».

«Als ich um 1990 auf die Sammelwelle bei den Telefonkarten aufmerksam wurde, begann ich auch zu sammeln», erinnert sich der einstige Strassenmaler und heutige Reiseorganisator Ueli Brunner (62) aus Zürich. Auch daran, wie er jeweils die Telefonzellen abgraste, um dort zurückgebliebene Karten – in der Schweiz «Taxcards» genannt – aufzustöbern, erinnert er sich. «Es war üblich, sie kurz in den Automaten zu stecken, um festzustellen, ob noch Guthaben drauf war», sagt er. Doch darum ging es den Sammlern nicht. Sondern um das Aussehen der Karten. Wie bei den Briefmarken produzierten die Telekommunikationsdienste aller Herren Länder immer wieder neue Prepaid-Karten mit diversen Sujets. «Sammlerziel ist es, alle Karten einer Serie zu besitzen oder alle Karten eines Sujets in allen Varianten oder sämtliche Karten eines Landes.» Doch sämtliche Telefonkarten der ganzen Welt in allen Variationen zu besitzen, scheint unmöglich. Denn alle Länder bis hin zu den ärmsten Entwicklungsländern produzieren ihre eigenen Karten mit immer wieder neuen Aufdrucken. Nicht einmal alle Karten von kleinen Ländern wie Luxemburg, Belgien, Jersey und der Schweiz kann Sammler Brunner sein Eigen nennen. «Da fehlen mir noch einige.» Und das bei einer Sammlung im Umfang zwischen einer halben und einer Million Karten. Sie stapeln sich in zwei Estrichabteilen und in seinen Wohnräumen, und einige davon sind fein säuberlich in den Plastikmäppchen von Ordnern abgelegt. Tausende davon sind mehrfach vorhanden: Tauschmaterial. «Dank geschicktem Eintauschen und Handeln hat mich die Sammlung keinen nennenswerten Betrag gekostet. Im Gegenteil: Ich konnte durch bescheidene Gewinne immer wieder die Spesen für die Reisen zu Börsen erwirtschaften.» Doch seit zehn Jahren ebbt die Sammelwelle ab. Die Clubs von einst sind nicht mehr, Börsen haben Seltenheitswert, die Preise für gesuchte Raritäten sind bescheiden geworden. «Hin und wieder tausche ich mit Freunden 5000 Karten dieses Landes gegen 5000 jenes Landes. Dann habe ich wieder andere 5000, die ich auch nicht brauche. Aber der persönliche Kontakt ist mir wichtig.»

Seit 1980 nur noch Knopf im Kopf

Blickt auf eine 30-jährige Knopfsammlerkarriere zurück: Marie-Louise Daeniker (77) aus Bern.
Blickt auf eine 30-jährige Knopfsammlerkarriere zurück: Marie-Louise Daeniker (77) aus Bern.

Zu den unspektakulären Leistungen tüchtiger Hausfrauen zählt die Bewirtschaftung einer Knopfschachtel. Mit einer solchen im Handgepäck und einer Freundin an der Seite, sprach Marie-Louise Daeniker (77) aus Bern um 1980 beim Landesmuseum in Zürich vor. Sie wollte in Erfahrung bringen, ob in ihrer Schachtel womöglich Knöpfe von historischem Wert liegen. «Wir erfuhren, dass sich das Sammeln von Knöpfen vor allem in den USA grosser Beliebtheit erfreut. Und dass Knöpfe aus dem 18. Jahrhundert sowie aus der Jugendstil- und Art-déco-Ära die interessantesten Sammelobjekte sein dürften.» Fortan durchstöberten die beiden Frauen Flohmärkte und Antiquitätengeschäfte und reisten den internationalen Knopfbörsen nach. «Wir haben entdeckt, dass alle bedeutenden Errungenschaften einer Epoche in die Gestaltung von Knöpfen miteinbezogen wurden, einschliesslich Materialien und Handwerkstechniken.» Was hat sie im Verlauf ihrer über 30-jährigen Knopfsammlerkarriere ausgegeben? Sie windet sich. Für Raritäten aus der Zeit George Washingtons wurden Spitzenpreise von bis zu 2500 US-Dollar bezahlt. Ausgaben dieser Grössenordnung ersparte sie sich, indem sie antizyklisch sammelte. Marie-Louise Daeniker hat eine vergleichweise kleine Sammlung, die etwa 2000 Knöpfe umfasst. «Klein, aber konsequent, was die Stilrichtung betrifft.» Der von ihr 1987 mitbegründete Knopfclub Schweiz zählt 76 Mitglieder aus der Schweiz und aus den Nachbarländern. Und die Schweizer Knopfsammlerszene präsentiert sich stabil bis wachsend.

Nicolas Hayek hatte Sammler auf dem Zeiger

Hat eine besondere Beziehung zu Uhren: Robert Casagrande.
Hat eine besondere Beziehung zu Uhren: Robert Casagrande.

Als Sohn des grösstem Souvenirhändlers in Luzern hatte Robert Casagrande (59) schon immer eine besondere Beziehung zu Uhren. «Zudem bin ich ein Sammler. Erst habe ich Briefmarken gesammelt, dann Dosen, später Enten. Und stets mit der Motivation, mich näher mit diesen Objekten zu befassen, sie zu verstehen», sagt er. 1983 machte Swatch mit einer ersten Modellserie auf sich aufmerksam. Und weckte gleich Sammlerbegierden. Aber nicht bei Robert Casagrande, der unter anderem auch Swatch-Uhren verkaufte. Der wurde erst auf dieses Sammelobjekt aufmerksam, als ihm Bekannte berichteten, dass sie ein bestimmtes Modell, das sie bei ihm zum Freundschaftspreis gekauft hatten, umgehend zum dreifachen Preis verkauft hätten. Casagrande begann die Swatch-Marketingstrategie zu analysieren. Und wurde getreu seinem Motto «Sammeln, um zu verstehen» zu einem der grössten und aktivsten Sammler weltweit; er organisierte Auktionen im In- und Ausland Auktionen. Zwischen 1989 und 1992 strömten bis zu 3000 Besucher an den Auktionstagen nach Luzern, um Swatch-Uhren im Gesamtsammlerwert von 20 bis 30 Millionen Franken zu bestaunen. «Zu jener Zeit sammelten etwa eine Million Landsleute Swatch-Uhren, 95 Prozent davon mit Bereicherungsabsichten», sagt er. Doch die weltweite Sammelwut machte Swatch-König Hayek wütend. «Er begann, den Markt mit vielen neuen Modellen in grossen Stückzahlen zu fluten. Damit wurden sie für Sammler uninteressant.» Heute besitzt er noch etwa 3000 Uhren. «Es ist weltweit die etwa zehntgrösste der bekannten Swatch-Sammlungen», verrät Casagrande. Er träumt davon, im Ruhestand seine Sammlung um die Welt zu schicken.

Bei schönen Zündholzschachteln fängt Beat Wasser Feuer

Hat eine Leidenschaft für Zündholzschachteln: Beat Wasser aus Schönenwerd (SO).
Hat eine Leidenschaft für Zündholzschachteln: Beat Wasser aus Schönenwerd (SO).

Die Verpackungen für Zündhölzli sind so vielfältig wie die Varianten, sie zu sammeln: leer oder voll, zerlegt – sogenannte Skiletts –, zerschnitten, nur das Etikett, als leere oder volle Briefchen oder als zerschnittene Briefchen. Zündholzschachteln zählen wie Rahmdeckeli zu den Sammelklassikern. Die für die meisten Menschen nutzlosen Schätze aus aller Welt werden in Kisten gehortet, in grossen Flaschen, Glasbowlen und Vitrinen präsentiert, in Sammelmappen eingefügt oder auf Kartons geheftet. Zerschnittene, aufgeklebte oder mit Bostitch bearbeitete Zündholzverpackungen treiben Beat Wasser (62) aus Schönenwerd SO das Wasser in die Augen. «Kaputt und wertlos», klagt er. Und er muss es wissen. Denn immerhin ist er der Initiant und die treibende Kraft des seit Jahren im Entstehen begriffenen Schweizerischen Zündholzmuseums in Schönenwerd. Beat Wasser ist ein notorischer Sammler. Schon als Dreijähriger eiferte er seinem Vater mit dem Sammeln von Briefmarken nach. Bis sein Sammeleifer im Alter von zehn Jahren auf die Zündholzschachteln gelenkt wurden. Das war 1960. Inzwischen hat Beat Wasser eine eigene Sammlung aufgebaut, einen Teil davon verkauft, dann wieder ersetzt, und heute sammelt er Sammlungen mit Zündholzverpackungen aller Art aus aller Welt für die Ausstellung und das Archiv des Zündholzmuseums. Voraussichtlich 2014 wird es eröffnet, aber die Website steht schon www.zuendholzmuseum.ch Im Keller stapeln sich Hunderte Kisten, die so dicht mit Briefchen und Schachteln vollgepackt sind, dass sie mit einem kleinen Gabelstapler transportiert werden müssen. In anderen Regalen reihen sich Ordner und Kartons, gefüllt mit Schaumappen und Präsentierkartons. Die Frage nach der Gesamtanzahl an Sammelstücken aus allen Teilen der Welt bleibt dem Betrachter dieses Lagers im Halse stecken − und die Antwort des Archivars ehrlicherweise auch. Dass es Hunderttausende sein müssen, liegt auf der Hand. Interessant wäre es, die Anzahl Millionen zu kennen. Mit dem Ausklingen der weltweiten Plauschsammelwelle nimmt auch der Bestand an Zündholzsammlern ab. «Wir bezahlen nur in wenigen Ausnahmefällen etwas für komplette Sammlungen, die uns angeboten werden», sagt Beat Wasser.

Autor: Niklaus Wächter

Fotograf: René Ruis, Niklaus Wächter