Archiv
07. März 2016

Ja, ich gehe noch zur Beichte!

Früher war klar: Wer nicht regelmässig seine Sünden bekannte, dem drohte die Hölle. Doch wer beichtet heute noch? Und wie steht die Jugend zum Beichtstuhl? In einer städtischen Pfarrei in Zürich und einer ländlichen im Kanton Schwyz zeigt sich, wie unterschiedlich die Bedürfnisse sind.

Pfarrer Rudolf Nussbaumer und Daniel Schuler aus Steinen SZ
Der 14-jährige Daniel Schuler ist nicht der einzige Jugendliche in Steinen SZ, der Pfarrer Rudolf Nussbaumer im Beichtstuhl seine Sorgen und Nöte anvertraut.

Pfarrer Rudolf Nussbaumer (58) sitzt am Holztisch seiner Pfarrstube in Steinen SZ. Niedrige Decken, knarrende Holzdielen und Butzenscheiben, durch die die Wintersonne fällt. Hier, fast in Nachbarschaft zum Kloster Einsiedeln, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Der Pfarrer ist ein quirliger Mann, spricht viel und schnell. Gestern Abend hat er bis spät in der Nacht gearbeitet, nun ruft schon wieder die geistliche Pflicht: eine Einsegnung auf dem Dorfplatz steht an. Von draussen hört man bereits die Klänge der Musikkapelle.

3000 Einwohner hat der Ort am Lauerzer­see, 84 Prozent von ihnen sind Katholiken. Die Dorfkirche St. Jakob stammt aus dem 12. Jahrhundert, ein spätgotischer Bau mit barocker Ausstattung. Auch drei Beichtstühle gehören dazu. Denn gebeichtet wird in Steinen noch ganz traditionell: im schummrigen Licht des Beichtstuhls. Dabei kniet der Sünder in seiner Kabine vor dem vergitterten Fensterchen, hinter dem die Umrisse des Priesters nur schemenhaft auszumachen sind. «Das Fenster bleibt heute allerdings meist offen», sagt Nussbaumer. Zumindest bei den Erwachsenen. Jugendliche dagegen wünschten sich das Gitter. «Vor allem in der Pubertät, da schämen sie sich manchmal.»

Dass Jugendliche freiwillig alle vier bis acht Wochen in die Kirche kommen, um auf diese Art die Beichte abzulegen, ist in Steinen durchaus üblich.

Christa (17)
Christa (17)

Es heisst ja immer, man soll über alles reden. Da passt Beichten doch gut. (Christa)

Christa (17) zum Beispiel findet: «Es heisst ja immer, man soll über alles reden. Da passt Beichten doch gut.» Und Daniel (14) meint: «Es ist wie ein Neustart.» Auch Manuela (16) sieht es pragmatisch: «Man geht auch regelmässig duschen. Beichten ist nicht viel anders.» Und ihre Schulkollegen tun dies ebenfalls? «Nein, viele nicht», erklärt die 16-jährige Vreni. «Wahrscheinlich weil sie meinen, dass man sich die Dinge erst mal selbst eingestehen muss.» Die Jugendlichen aus Steinen jedoch kennen es nicht ­anders: Ihre Eltern ­bekennen regelmässig ihre Sünden, die Grosseltern ebenfalls – sie beichten, weil alle es tun. ­Ausserdem haben sie einen persönlichen Bezug zu Pfarrer Nussbaumer: Er ist ihr Religionslehrer.

die 16-jährige Vreni
die 16-jährige Vreni

Viele Schulkollegen gehen nicht beichten. Wahrscheinlich meinen sie, dass man sich die Dinge erst mal selbst eingestehen muss. (Vreni)

«Gibt ein Pfarrer keinen Unterricht mehr, schläft vieles ein», sagt Rudolf Nussbaumer. «Manchmal melden sich ehemalige Schüler nach Jahren bei mir. Junge Männer, die mich ­ansprechen. Etwa so: ­‹Kennen Sie mich noch? Ich hab Scheiss gebaut, ich muss mit ­Ihnen reden›.» Häufig gehe es um Alkohol, Drogen, ­Beziehungsprobleme. Aber auch um neue Süchte wie Handy und ­Internet. Der Priester hört dann nicht nur zu, sondern stellt auch Fragen wie «Was macht die Lügerei mit dir?». Pfarrer ­Nussbaumer sagt gerade heraus, was er denkt – und punktet damit: «Sie wissen, dass ich kein Drama daraus ­mache.» ­Seine Präsenz im Beichtstuhl versteht der Pfarrer als Lebenshilfe: «Junge Priester gehen wieder mehr auf Jugendliche ein, früher wurde dies alles Laientheologen überlassen. Dabei ist der Kontakt zur Jugend so wichtig.» Beichten ist für ihn deshalb kein Auslaufmodell: «Im Gegenteil, ich bin davon überzeugt, es würde vielen guttun.»

Ein einziger Satz ... und schon sind alle Sünden vergeben

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts trieb die Vorstellung, dass man ohne Absolution in die Hölle kommt, viele Katholiken in den Beichtstuhl. Dort gestanden sie ihre kleinen und grossen Vergehen, die der Priester sodann mit einem einzigen Satz auflösen konnte: «Ich spreche dich los von deinen Sünden, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.» Eigentlich wunderbar. Doch seit den 60er-Jahren sind solche Ohrenbeichten stark rückläufig. Statistiken gibt es dazu keine. Fakt aber ist: Von Ausnahmen wie Steinen oder Kloster Einsiedeln abgesehen, wartet in den meisten katholischen Gemeinden der Pfarrer oft vergebens auf Beichtwillige.

Wie in Zürich Schwamendingen. Dort steht die moderne katholische Kirche St. Gallus, ein Bau aus den 60er-Jahren mit viel Sichtbeton und einem der grössten Kirchenfenster des Landes. Auf dem Vorplatz vergnügen sich Jugendliche mit Skateboards und Musik. Auf die Frage, ob sie manchmal beichten gingen, verschlägt es ihnen für einen kurzen Moment die Sprache: «Beichten? Äh, nein. Warum?»

Pfarrer Alfred Böni
Pfarrer Alfred Böni

Beichtstühle sucht man in der katholischen Kirche St. Gallus in Schwamendingen vergebens. «Das ist nicht mehr zeitgemäss», findet Pfarrer Alfred Böni.

Pfarrer Alfred Böni (68) nimmt seit 42 Jahren Beichten ab. In jüngster Zeit allerdings immer seltener. Vor zwei Jahren liess man deshalb in St. Gallus die ­wöchentliche Beichtgelegenheit auslaufen. 7000 Mitglieder umfasst die Zürcher Pfarrei, 80 Prozent der Familien haben einen Migrationshintergrund. Klassische Beichtstühle gibt es schon lange nicht mehr. «Das passt nicht in unsere Zeit», ­findet Böni. Stattdessen wurde ein Zimmer eingerichtet, in dem sich Pfarrer und Beichtende an einem Tisch gegenübersitzen.

Eine Kerze, ein Kruzifix und Rembrandts Bildmotiv «Die Rückkehr des verlorenen Sohnes» sind die Accessoires. Eine womöglich einschüchternde Beichtstuhlatmosphäre sucht man vergebens. Pfarrer Böni spricht sowieso lieber von Versöhnung statt von Busse und Beichte. Letzteres klinge so nach Strafe. «Ohrenbeichten sind nicht mehr zeitgemäss, deshalb laden wir zu Versöhnungsfeiern ein.» Gottesdienste, bei denen die Besucher sich in einer geführten Besinnung still ihrer Verfehlungen erinnern und vom Priester durch Handauflegen die Absolution erteilt bekommen.

Die Themen sind Untreue und die Erwartungen der Eltern

Wie Rudolf Nussbaumer ist auch Alfred Böni ein Pfarrer, der Vertrauen ausstrahlt und genau zuhört. Wohl auch deshalb gibt es sie manchmal noch, die Anfragen für ein Gespräch mit dem Geistlichen, vor allem vor Weihnachten und Ostern. Vergangenes Jahr im Advent waren es allerdings nur zehn. Böni hakt dann nicht nach, was für ein ­Gespräch es sein soll. Meist wird aber rasch klar: Beichtgespräch hätte man es früher genannt. «Die meisten, die zu mir kommen, sind ein bisschen verun­sichert. ‹Helfen Sie mir bitte›, sagen sie oft, ‹ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das geht.›» Früher in den Siebzigern, als er noch Vikar in Winterthur Wülflingen war und je fünf bis acht Beichten in der Stunde ­hörte, hätten die Dinge anders gelegen: «Damals kamen die Leute regelmässig mit ihren Sünden. Es ging um Lügen, das Nichteinhalten des Gebots, freitags auf Fleisch zu verzichten, und um Sexualität. Eine sehr verklemmte Sexualität übrigens.»

Heute komme deswegen niemand mehr zu ihm, sagt Böni. Meist gehe es um Beziehungsthemen, oft um Untreue. Oder darum, dass man den Erwartungen der Eltern nicht gerecht wird, die eigenen Kinder nicht mehr versteht. Und wie stehts mit Mord? Kindsmissbrauch? Der Pfarrer schüttelt den Kopf. Damit sei er während seiner ganzen Seelsorgezeit nie konfrontiert worden, dafür hin und wieder mit Frauen, die nach ­einer Abtreibung mit Schuldgefühlen kämpften. Geändert habe sich jedoch die Substanz der Beichte: Früher hätten die Leute vergleichsweise einfache Sünden zu ihm getragen, das Gespräch habe höchstens ein paar Minuten gedauert und sei sehr formal gewesen. Wer ihn hingegen heute aufsuche, bringe sein komplettes Leben mit, unter 30 Minuten laufe nichts. «Die Menschen sind in viel komplexeren Situationen», sagt Böni. «Und sie wollen nicht nur ihr Gewissen erleichtern, sondern konkrete Ratschläge.»

Die meisten Katholiken gehen zum ersten Mal als Kind beichten, in der 3. Klasse, weil es die Voraussetzung für die Erstkommunion ist. Frieda Mathis (53) findet das nicht sinnvoll. Sie ist Religionspädagogin und erteilt in St. Gallus Religionsunterricht. Hier werden Kinder erst in der 4. Klasse auf das Sakrament der Versöhnung vorbereitet, «weil sie dann reifer sind und ihr Handeln besser reflektieren können», so Mathis. Kinder und Eltern sollten dabei gemeinsam darüber nachdenken, was im Alltag gut läuft – «ein Gedanke, der dem ­defizitären Ansatz der Beichte fern liegt». St. Gallus setzt auf Freiwilligkeit statt äusseren Druck. Dennoch erreichten die Angebote von ­Versöhnung die Jugendlichen nicht. «Wenn dies den Eltern fremd ist, wie soll es dann der Nachwuchs lernen?»

Schuldbewusstsein ist weniger stark ausgeprägt als früher

Dass das Interesse an der Beichte in den städtischen Pfarreien abnimmt, ist laut Frieda Mathis auch eine Folge des gesunkenen Stellenwerts der Kirche im Privatbereich. Ausserdem sei das Schuldbewusstsein weniger ausgeprägt als früher. Dies fällt der Religionslehrerin bei ihren Schülern auf, «besonders dann, wenn es darum geht, jemandem physisch oder psychisch wehzutun». Aber auch bei Erwachsenen sei diese Tendenz festzustellen.

Wird heute zu wenig auf das Seelenheil geachtet? Zur Dentalhygiene gehen wir auch regelmässig, lassen Zahnstein entfernen, um die Wurzel zu schützen. Warum also nicht mal eben kurz beichten, die Reset-Taste ­drücken, einfach neu starten? Wellnessberater und Therapeuten profitieren von diesem Bedürfnis. Eine Konkurrenz, der sich Pfarrer Böni bewusst ist. «Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass Therapeuten uns die Beichtkandidaten wegnehmen», sagt er. «Dabei wäre es bei uns gratis.» Aber was bieten Sie, was Therapeuten nicht zu leisten vermögen, Herr Böni? «Die Erfahrung, dass man mit einem verzeihenden Gott rechnen kann. Wer ­diese Dimension ­annehmen kann, der ­erfährt ­wirklich Hilfe, nicht nur ­Lebensberatung.» 

Autor: Kristina Reiss

Fotograf: Samuel Trümpy