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03. August 2015

Italianità in der Schweiz

Caffè, Vespa oder Bagnino: Sechs Schweizer Fotografen mit italienischem Blut zeigen, was bei ihnen Heimatgefühle auslöst.

Stolze Kumpels

Claudio Baders Bagnino

Claudio Bader «Der Bademeister heisst Renato – welch perfekter Name für einen Bagnino! Renato arbeitet im Lido Locarno TI. Er erinnert mich an meine Kindheit, als wir jeden Sommer nach Italien ans Meer fuhren. Ich war damals wasserscheu und getraute mich nicht, die berüchtigte Rutschbahn (geschätzte Länge: ‹nur› zwei Meter) hinunterzudüsen. Bis mich ein Bagnino ermutigt und mir – nach erfolgreicher Überwindung – ein Gelato spendiert hat. Seither ist Bagnino für mich der Inbegriff für Italien, Ferien, Coolness und Symphatie.»

«Bere un caffè» – ein Schluck Heimat

Simon Iannelli «Italianità in der Schweiz bedeutet für mich ‹bere un caffè›, mit meinen italienischen Freunden Kaffee trinken. Ich bin Italiener zweiter Generation, ein Secondo, genau wie meine gleichaltrigen italienischen Freunde in der Schweiz. Auch wenn wir alle grösstenteils in der Schweiz aufgewachsen sind: Uns verbindet die Liebe zu Italien und zur italienischen Kultur. Wir treffen uns nicht zum Bier, sondern zum caffè. Oft spontan bei Freunden zu Hause. Ganz Italiener, wird dabei ununterbrochen geplaudert, gejammert und über die Kaffee- und Sugozubereitung referiert. Für die Bildstrecke habe ich Freunde zu Hause zum caffè getroffen und sie beim Kaffeeritual fotografiert.»

Die Vespa – ein Roller, der über den Tod hinaus verbindet

Salvatore Vincis Vespafahrer

Salvatore Vinci «Die Vespa hat Jahrgang 1958. Auf ihr sitzt Ralph Bollag. Er hat die Liebe zu Vespas in der Pfadi entdeckt. Alle seine Pfadiführer hatten eine. Auch der britische Film «Quadrophenia» (1979) über Jugendliche und ihre getunten Roller hat zu seiner Euphorie beigetragen. Mit 18 kaufte sich Ralph seine erste Vespa. Seither ist eine nach der anderen hinzugekommen. Ralph fährt jeden Tag Roller, ein Auto hat er nicht. Inzwischen besitzt er eine mechanische Werkstatt und hat sich auf ältere Vespas und Motorräder spezialisiert. Die Vespa, die er auf dem Bild fährt, hat eine spezielle Geschichte und liegt ihm sehr am Herzen. Sie gehörte einem lieben Freund, der vor einem Jahr plötzlich an einer Hirnblutung verstarb. Gemeinsam hatten sie über längere Zeit daran gebastelt. Der Freund besass mehrere Vespas, sie werden von anderen Freunden zu seinem Andenken gefahren.»

Ein gutes Stück Italien

Paolo Duttos Konditorei Caredda

Paolo Dutto «Paolo Caredda ist wie ich von Italien in die Schweiz gekommen und hat seine gastronomische Kultur mitgebracht. In einem Land wie der Schweiz, in dem die Konditorei einen hohen Standard hat, konnte er sich mit seinem traditionellen, qualitativ hochstehenden Handwerk beweisen und sich einen guten Ruf erarbeiten. In seiner Konditorei an der Zürcher Josefstrasse kann man jederzeit ein gutes ‹Stück› Italien geniessen.»

Dank ihm werden nicht nur Erinnerungen wach

Franca Pedrazettis Espressokocher

Franca Pedrazetti«Der Espressokocher (oder Moka Express) repräsentiert für mich die Italianità, die im schweizerischen Alltag vollständig integriert ist und daher nicht mehr als solche
wahrgenommen wird.»

Little Italy

Marco Zanonis Schrebergarten

Marco Zanoni«Die Grenzen zwischen Italien, Portugal und der Schweiz sind in den Schrebergärten zwar nicht ganz aufgehoben, aber nach Feierabend sind sie fliessend, und das Klima ist für alle gleich. Auf dem Bild sehen wir Sebastiano (69) und Lina (63) Carmosino aus Italien. Sie leben seit gut 50 Jahren in der Schweiz und geniessen ihr kleines Stück Land.»