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07. April 2014

«Istanbuls Kandidatur für Olympia 2020 führte zu einer Euphorie»

Der Gstaader Frank Reichenbach (59) ist seit Oktober 2005 Hoteldirektor des Mövenpick Istanbul und Regionalmanager Türkei. Im Interview spricht der Manager über sein Verhältnis zum vielkritisierten Land.

Frank Reichenbach (59), Hoteldirektor Mövenpick Istanbul
Frank Reichenbach (59), Hoteldirektor Mövenpick Istanbul (Bild: zVg).

Frank Reichenbach, Istanbul boomt überall. Was sind die auffälligsten Veränderungen im Stadtteil 4. Levent, wo das Mövenpick steht?*

Ich lebe nun seit über acht Jahren hier. Damals stand im 4. Levent ein Drittel der Gebäude, die Sie heute dort sehen. Es ist fast schon unglaublich, wie viele Einkaufszentren und Bürogebäude errichtet worden sind. Die Kehrseite der Medaille: Die zusätzlich geschaffenen Arbeitsplätze haben mehr Verkehr gebracht, und die Strassen sind dieselben wie damals.

Was heisst das für Sie im Alltag?

Ich muss die Spitzenzeiten am Morgen und Abend umgehen und auch Nebenstrassen benutzen, wenn ich nicht täglich mehr als eine Stunde im Stau stehen will – obwohl ich in der Nähe des Hotels wohne.

2012 zählte man in der Stadt 100 000 Hotelbetten. Wie viele sind es heute?

In den letzten sechs Jahren kamen in unserer Kategorie und Lage 6000 Betten dazu. Internationale Marken wie Marriott, Wyndham, Shangri-La, Raffles, St. Regis und Hilton expandierten. Sie wollen in Istanbul vertreten sein. Mövenpick wird zudem Ende August über dem Goldenen Horn in der Nähe des bekannten Cafés Pierre Loti ein zweites Haus in Istanbul eröffnen. Istanbul ist sehr beliebt. Aber langsam werden es in der Stadt zu viele Zimmer. Wir können zwar unsere Auslastung um 75 Prozent halten. Stadtweit sind jedoch nur noch 60 bis 65 Prozent der Zimmer belegt.

Wieso diese vielen neuen Hotels?

Istanbuls Kandidatur für die Olympischen Spiele 2020 führte zu einer Euphorie. Viele Investoren, die ihr Geld in Einkaufszentren stecken, investieren nun seit ein paar Jahren in Hotelprojekte. Denn Baugenehmigungen für Einkaufszentren sind heute schwierig zu kriegen.

Muss man von einem Wildwuchs in der Hotellerie sprechen?

Ja. Das Hilton Istanbul im Bomonti-Distrikt beispielsweise hat 850 Zimmer und offeriert diese zu Preisen, bei denen viele von uns nicht mitmachen wollen. Es wäre gescheiter, in bestehende Hotels zu investieren, statt noch und noch neue Häuser zu bauen.

Was schätzen Sie an Istanbul?

Die Kultur, die Einkaufsmöglichkeiten mit internationalen Topmarken, die Restaurants und das Nachtleben. Wie in jeder Weltmetropole lebt die Stadt 24 Stunden. Sie finden alles, was Sie wollen. Schuhe und Kleider kosten ein Drittel von dem, was man in Europa bezahlen müsste. Zudem sind die Türken sehr dienstleistungsorientiert. Das Leben ist hier fast angenehmer als in Europa. Istanbul und die Türkei haben sich in den letzten Jahren im Tourismus und im Geschäftsbereich sehr gut entwickelt. Das weitere Wachstum wird von der Politik respektive von den Wahlen abhängen. Für uns hatten die zwölf Jahre mit Erdogan sowohl positive wie auch negative Aspekte.

Beileibe nicht alle Türken sind mit seiner Politik einverstanden. Das zeigen die Demonstrationen am Taksim-Platz. Wie nehmen Sie die Stimmung in der Bevölkerung wahr?

Viele fühlen sich in ihrer Freiheit bedroht – beispielsweise wegen der Einschränkungen im Internet. Vor einem Jahr wurden auch die Gesetze zu Alkohol und Wein komplizierter. Meine Freunde aus dem Biergeschäft sagen mir, dass die Umsätze stark rückgängig sind, seit sie nach 22 Uhr keinen Alkohol mehr in den Läden verkaufen dürfen. Früher war das rund um die Uhr möglich. Der wirtschaftliche Boom hat zudem dazu geführt, dass Istanbul immer teurer wird. Wenn ich am Mittag zu dritt essen gehe, bezahle ich dafür 150 Lira. Ein Dinner in einem guten Restaurant kostet pro Person inklusive Weins schnell über 100 Lira (für einen Franken erhält man 2,55 Lira, Anmerkung der Redaktion). Das ist zwar noch immer günstiger als in der Schweiz, aber wesentlich teurer als vor Jahren. Die Türkei ist kein Billiglohnland mehr. In fünf Jahren sind die Lohnstrukturen im Mövenpick Istanbul nicht mehr weit entfernt von jenen in Europa.

Wo gefällt es Ihnen in der Stadt am besten?

Am Bosporus, beispielsweise im Fischrestaurant Iskele nahe der Bosporus-Brücke oder im Restaurant Zuma. Einmal pro Jahr unternehmen wir mit allen Angestellten eine Fahrt auf dem Bosporus, was ich jedem Touristen empfehlen kann. Und selbstverständlich ist auch der Grosse Bazar immer wieder ein Erlebnis. Viele Leute wissen hingegen nicht, dass es hier Richtung Schwarzes Meer anständige Strände gibt. Je nach Verkehr dauert die Fahrt dorthin 45 Minuten. Der Sand ist wie am Mittelmeer, nur das Wasser ein wenig frischer.

Was ist momentan besonders angesagt?

Die Restaurants Sunset Grill & Bar und Ulus 29, wobei das «Ulus 29» seit Jahren ein Dauerbrenner ist – weniger wegen des Essens als wegen der Aussicht und der trendigen Kundschaft. Für Drinks und Abendessen ist auch das Bebek-Viertel im Nordosten von Besiktas sehr beliebt. Dort empfehle ich das «Lucca», das Café, Restaurant und Bar in einem ist. Immer wieder sind Ferraris und Lamborghinis vor dem Lokal parkiert, was zeigt, wie viel Geld in dieser Stadt ist. Und zum Einkaufen zieht es die Leute in das Zorlu Center, den neusten Komplex, der täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet hat. Zwei Fussminuten von unserem Hotel entfernt befindet sich die U-Bahn-Station 4. Levent. Um zum Zorlu zu gelangen, muss man nur zwei Stationen bis Gayrettepe fahren. Im Zorlu gibt es neuerdings einen Italiener unter Jamie Oliver. Demnächst soll ein Michelin-Sterne-Restaurant eröffnen. Mein Geheimtipp ist aber das «Kosebase», ein typisches Koefte-Restaurant.

Das Interview wurde vor den Wahlen in der Türkei geführt.

Autor: Reto Wild