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13. Juli 2015

Ist Lichtverschmutzung ein Problem?

Die Nächte müssen wieder dunkler werden, findet die Organisation Dark Sky. Denn Mensch, Tier und Pflanze leiden bei zu viel nächtlichem Licht. Das Problem: Beleuchtungen wiegen Menschen in Sicherheit und werden zudem immer günstiger.

Wird die Lichtverschmutzung immer stärker?
Wird die Lichtverschmutzung immer stärker? (Bild: Keystone/Allesandro Della Bella)

Die Nacht braucht ihre Dunkelheit»: So der Titel der Flyer, die zurzeit in einige Schweizer Briefkästen flattern. Die Non-Profit-Organisation Dark Sky Switzerland möchte damit die Bevölkerung auf die sogenannte Lichtverschmutzung aufmerksam machen – auf Licht-Emissionen, die nachts Lebewesen und Pflanzen stören, im Sommer besonders die Tiere. Ziel ist es, Beleuchtungen zeitlich und räumlich auf ein Minimum zu reduzieren und sinnvoll zu kanalisieren. Die Bemühungen tragen erste Früchte. Bei Rolf Schatz (51), dem Schweizer Geschäftsführer von Dark Sky, fragen immer mehr Private an, was sie gegen lästige Beleuchtung tun können. Gemeinden laden ihn zu Informationsveranstaltungen ein. Gerade wurde ein Deal mit den Zürcher Elektri-zitätswerken ausgehandelt, die nun vermehrt Strassenlampen mit teureren, aber weniger hellen Leuchten einsetzen, ohne die Gemeinden zusätzlich zur Kasse zu bitten.

Grosser Knackpunkt ist das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung. Das vorherrschende Gefühl «Licht gleich Sicherheit» trüge aber, so Rolf Schatz. Allerdings wird der Zusammenhang zwischen Beleuchtung und Kriminalität gerade erst untersucht, wie Alexander Reichenbach vom Bundesamt für Umwelt erklärt.

Rolf Schatz reist derweil durch die ganze Schweiz. Als Nächstes soll der Naturpark Gantrisch BE/FR verdunkelt werden, ein beliebter Ort für Astronomen. Damit die Himmelskörper zum Sternenguckertreff im August optimal sichtbar sind.

«Viele Menschen fühlen sich von Licht gestört»

Alexander Reichenbach (40) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesamtes für Umwelt
Alexander Reichenbach (40) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesamtes für Umwelt.

Alexander Reichenbach, wer leidet am meisten unter nächtlichem Licht: Menschen, Pflanzen oder Tiere?

Im Sommer die nachtaktiven Tiere wie Fledermäuse und Insekten. An einer einzigen Strassenlaterne können in einer Nacht 150 Falter verbrennen. Anderen Tieren beschneidet das Licht den Lebensraum, weil sie die Helligkeit meiden. Oder sie erwachen zu spät und haben dann zu wenig Zeit für die Nahrungssuche und die Paarung. Im Frühling und Herbst kann Kunstlicht den Orientierungssinn der Zugvögel stören.

Spüren auch Pflanzen die Lichtverschmutzung?

Ja, einige Pflanzen bekommen in Dunkelphasen zu viel Licht ab. Bei gewissen Gewächsen wird die Blütenbildung verhindert, bei anderen fälschlicherweise angeregt. Man hat auch beobachtet, dass Bäume da, wo sie von einer Strassenlampe beleuchtet werden, im Herbst die Blätter später abwerfen als am restlichen Baum.

Inwiefern ist nächtliches Licht für den Menschen schädlich?

Von schädlich kann man nicht sprechen, aber von lästig. Eine Umfrage zeigt, dass sich fast ein Viertel der Bevölkerung nachts von Licht gestört fühlt. Einige klagen über Schlafstörungen, andere fühlen sich von hell erleuchteten Objekten übermässig geblendet und abgelenkt, wenn sie spätabends unterwegs sind.

Seit Jahrzehnten steigen die Licht-Emissionen. Warum?

Hauptsächlich wegen der wachsenden Siedlungsgebiete. Wo Leute sind, braucht es Licht. Die Topografie der Schweiz verschärft das Problem. Beleuchtung, die auf Anhöhen angebracht wird, streut weiter als nötig.

An beleuchteten Orten fühlen sich die meisten Menschen nachts sicherer. Zu Recht?

Das ist eine komplexe Frage, der wir gerade nachgehen. Klar ist, dass Sicherheit nicht nur mit Licht zu tun hat, sondern auch mit der Einsehbarkeit eines Ortes und mit sozialer Kontrolle.

Das BAFU bekämpft Lichtverschmutzung seit ein paar Jahren. Mit welchem Erfolg?

Beleuchtungen, die nicht der Sicherheit dienen, müssen heute zwischen 22 und 6 Uhr ausgeschaltet werden. Einige Gemeinden haben sich einen sogenannten Plan Lumière verordnet und verbieten Lichtquellen wie Skybeamer. Einzelne Städte, etwa Luzern, haben ihre Beleuchtung reduziert und neu ausgerichtet, sodass nicht mehr in den Himmel oder auf Vogelnester geleuchtet wird.

Werden wir eines Tages weniger Licht einsetzen?

Ich denke, dass dank neuer Technologien in Zukunft tatsächlich unnötiges Licht vermieden wird, bei gleichbleibendem Komfort für den Menschen.

Alexander Reichenbach (40) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesamtes für Umwelt.

Autor: Yvette Hettinger