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28. Oktober 2013

Ist die Jugend zu brav?

Die heutige Jugend ist leistungsorientiert, sie steckt ihre Kraft und Zeit in gute Noten. Zum Rebellieren bleibt kaum Platz.

Lernen statt aufbegehren: Nur wer gute Noten hat, kommt an Ziel. (Bild: Getty Images)

Jugendliche sind zahm, zupackend und leistungsorientiert. In der Schule gute Noten zu haben, steht für sie im Vordergrund. Denn sie glauben zu wissen, dass sie in der Hackordnung um gute Jobs und eine sichere Zukunft nur so optimal gerüstet sind. Dieses Bild zeichnet die kürzlich veröffentlichte deutsche Studie «Jugend.Leben», für die 6000 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren befragt wurden. Ähnliche Resultate hatte das Jugendbarometer 2012 für die Schweiz zutage gefördert.

Die Heranwachsenden wissen, dass sie sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen müssen. «Die Jugendlichen sind sehr angepasst und versuchen, ihr Leben zu maximieren», sagt die Professorin Ulrike Ehlert (53). Der überragende Stellenwert dieses Maximierungsprinzips ist für die Abteilungsleiterin am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Zürich ein Problem. Mitverantwortlich seien die Eltern. «Wir vermitteln unseren Kindern: Ihr müsst nur wollen, dann geht es», sagt Ulrike Ehlert. Dabei kämen andere wichtige Bedürfnisse zu kurz. «Statt bloss anzutreiben, sollten die ehrgeizigen Eltern auch nach den Sorgen der Kinder fragen. Und wie sie ihnen helfen können, Selbstvertrauen zu entwickeln.» Und eine realistische Einschätzung davon, was im Leben möglich ist. «Denn es gibt nicht nur Überflieger-Kinder», sagt Ulrike Ehlert.

Und was ist mit der anderen wichtigen Aufgabe junger Menschen, nämlich Motor für die Erneuerung und Weiterentwicklung der Gesellschaft zu sein, indem sie hinterfragen, aufbegehren und auch mal Nein sagen? Wenn die Jugend nur noch brav, fleissig und angepasst ist, bleibt für Rebellion weder Raum noch Zeit. Ulrike Ehlert: «Es bewegt sich schon etwas: Bei den 25- bis 35-Jährigen zeichnet sich nämlich ein gewisser Wertewandel ab. Es gilt nicht mehr nur Karriere und Erfolg um jeden Preis.»