Archiv
04. Mai 2015

Ist der Muttertag noch zeitgemäss?

Seit fast 100 Jahren feiert die Schweiz ihre Mütter. Doch die Bedeutung des «schönsten Jobs der Welt» ist umstritten. Sogar bezüglich der Notwendigkeit des Feiertags sind sich viele uneinig. Eine Bestandesaufnahme.

Überraschung am Muttertag
Seit fast 100 Jahren feiert die Schweiz ihre Mütter.

Um den Austausch unter Müttern zu fördern, rief die US-Amerikanerin Ann Maria Reeves Jarvis 1865 eine Bewegung namens «Mother’s Friendship Day» ins Leben. Im Mai 1914 machte der US­Kongress den Muttertag zum nationalen Feiertag. 1917 wurde der Muttertag in der Schweiz eingeführt – diesen Sonntag ist es wieder so weit.

Die Mutter von heute muss einiges einstecken: das Unverständnis von Vorgesetzten, wenn sie die Schwangerschaft verkündet. Den Vergleich mit unrealistischen «After Baby Bodys» in den Medien. Das Stöhnen der Mitpendler, wenn ein Buggy den Weg versperrt. Das erhöhte Armutsrisiko am Ende des Lebens. «Heimchen» zu sein ist verpönt, das neue Leitbild ist die Alleskönnerfrau. Angesichts der wachsenden Ansprüche an die Frauen scheint der Muttertag ein schönes Ritual zu sein, um Dankbarkeit und Wertschätzung auszudrücken.

Doch gefeiert wird in der Schweiz hauptsächlich der Tradition wegen. Viele halten die einseitige Huldigung der Mutter für veraltet. So auch «Wir Eltern»-Chefredaktorin Karen Schärer: «In vielen Familien sind auch Väter belastet. Diese Leistungen werden nicht in gleichem Masse anerkannt», sagt sie im Interview. Pro Juventute fordert eine Neudefinierung des Muttertags: Er soll der Stärkung der Familien in Politik und Arbeitswelt dienen. In Österreich würde laut einer Umfrage ein Viertel den Muttertag abschaffen. Der deutsche Verband Unterhalt und Familienrecht schlägt sogar vor, neben dem Muttertag auch den Vatertag zu streichen, weil mit beiden Rollenklischees kultiviert würden.

Karen Schärer (38) ist Chefredaktorin von «Wir Eltern» und zweifache Mutter.

Experteninterview

«Es bringt nichts, wenn man alles daran setzt, ein perfektes Bild abzugeben»

Karen Schärer, was bedeutet der Muttertag für Sie?

Für mich persönlich ist er der Tag, an dem die Geheimniskrämerei meiner Kinder ein Ende hat. Sie können mir ihre selbst gebastelten Geschenke geben, die sie in Kindergarten und Spielgruppe gemacht haben. Ihre Freude dabei rührt mich. Darüber hinaus hat der Tag keine Bedeutung für mich.

Was halten Sie von einem Elterntag?

Die einseitige Huldigung der Mutter finde ich veraltet. In vielen Familien sind auch Väter doppelt und dreifach belastet. Diese Leistungen werden nicht in gleichem Masse anerkannt. Ein Elterntag wäre zeitgemässer. Er könnte dazu genutzt werden, die gesellschaftliche Situation von Eltern und die Familienpolitik ins Zentrum zu rücken – und nicht den Konsum.

Welchen Herausforderungen müssen Mütter sich heutzutage stellen?

Der Druck auf Mütter, im Arbeitsleben zu bleiben, steigt. Die gesellschaftlichen Strukturen sind aber nach wie vor darauf ausgerichtet, dass nur ein Elternteil arbeitet. So gibt es an vielen Schulen weder Blockzeiten noch Tagesstrukturen. Das erschwert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei einem Teil der Mütter schwingtauch ein ungutes Gefühl mit, wenn siebei der Arbeit sind: So ist ein Drittel der Frauen in der Schweiz der Ansicht, dass Kinder unter fünf Jahren leiden, wenn die Mutter berufstätig ist.

Wie und wo können sich Mütter Unterstützung holen?

In Haushalten mit zwei Elternteilen selbstverständlich zuerst mal beim Partner. Generell sollte man sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten. Es bringt nichts, wenn man sowohl in der Nachbarschaft als auch in der Arbeitswelt und der Beziehung alles daran setzt, ein perfektes Bild abzugeben. Die Belastungen sind vielfältig, und es ist wichtig, seine Energien einzuteilen. Man muss nicht für jeden Kindergartenanlass einen selbst gebackenen Apérosnack beisteuern.

Opfern sich Mütter zu sehr auf?

Ich habe Mühe mit dem Begriff «Opfer». Manche Mütter könnten lernen, mehr Verantwortung abzugeben. In den ersten Lebensmonaten eines Kindes wachsen Mutter und Kind eng zusammen; Väter, die keine Auszeit nehmen oder Teilzeit arbeiten können, sind an den Rand gedrängt. So getrauen sich viele Väter gar nicht zu entscheiden, ob das Kind Strumpfhosen braucht oder nicht. Würden Mütter die Väter mehr einbeziehen und sie machen lassen, wären diese mehr als bloss Juniorpartner in Kinderfragen.

Interessieren sich Männer heute mehr für die Betreuung der Kinder?

Viele Männer möchten heute nicht mehr nur das Geld heimbringen, sondern präsente Väter sein. Der Anteil der Männer, die Teilzeit arbeiten, steigt denn auch. Doch noch wendet nur ein Teil von ihnen die gewonnene Zeit für die Kinderbetreuung auf. So sind unter der Woche hauptsächlich nach wie vor die Frauen für die Familienarbeit zuständig. Am Wochenende holen die Männer auf. Insgesamt kommen Väter und Mütter von Kindern unter sieben Jahren auf dieselbe durchschnittliche Gesamtbelastung durch Erwerbs- und Familienarbeit. Diese liegt bei je fast 70 Stunden pro Woche.

In welche Richtung wird sich die Familienpolitik entwickeln?

Wir haben eine enorme Vielfalt an Familienformen. Sie reicht von der alleinerziehenden Mutter über den Mann-Frau-Kind-Haushalt in traditioneller Rollenteilung bis hin zu Eltern, die beide in hohen Pensen arbeitstätig sind. Politisch und gesellschaftlich ist die grösste Herausforderung derzeit, Rahmenbedingungen zu schaffen, die all diesen Familienformen gerecht werden. Das ist nicht einfach. Bei Abstimmungen wäre es hilfreich, wenn sich Familien miteinander solidari­sieren würden, anstatt nur auf Vorteile für das ­eigene Familienmodell aus zu sein. Nur dann kann es familienpolitisch überhaupt vorwärtsgehen.

Autor: Anne-Sophie Keller