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20. Januar 2014

Irgendwo in Kentucky

All die Holzklötze, die Kinderzeichnungen … Gewiss hat das Ausmisten des Kellers mich an viele unwiederbringliche Augenblicke erinnert. Aber seien wir ehrlich: Manchen Momenten trauert man nicht nach. Die Besuche beim Kindercoiffeur? Waren meist keine Freude. Denn obgleich die Kleinen sich wahlweise auf ein Rössli oder in ein Rennauto setzen, Popcorn mampfen, Donald-Duck-Filme gucken und zuletzt gar einen Ballon mit nach Hause nehmen durften – sie trötzelten und liessen sich ungern frisieren. Wie cool war es da, vorige Woche mit meinen grossen Kindern in den Salon meines Vertrauens zu gehen, wo wir uns parallel von zwei Friseusen und einem Friseur herrichten liessen, und, hey: Wir sehen nun alle ziemlich gut aus.

Himmel, wenn ich an Frau Seelhofer denke! Sie wirkte als Putzfrau im Dorf. Und sie fungierte als meine erste Coiffeuse. Sie denken bestimmt, ich übertriebe, aber Frau Seelhofer setzte mich in ihrer Stube, in der es nach Schweineschmalz und Pitralon und Radio Beromünster roch, auf den Tisch, stülpte mir einen Topf über den Kopf und schnitt meine Haare unten dem Rand entlang ab. Die Frisur, die ich als Fünfjähriger trug, liefe heute unter Verstümmelung … Nein, es war früher nicht alles besser, und Bubenfrisuren waren es bestimmt nicht. Okay, ich schweife ab. Das Schöne am Ausmisten ist: Man sieht die Winterjacke, die man in der Nachbarschaft weitergereicht hat, dann noch viele Saisons durch den Siedlungsgarten spazieren, und ich Kurzsichtiger sehe durchs Fenster dann stets unseren Hansli in seiner gelben Daunenjacke, dabei ist es der Aaron, der Finn – und bald schon der Max, der die Jacke erben wird. Und wer sitzt dort drunten mit der wohlbekannten geblumten Snowboardjacke auf dem Riitiplampi? Alma, Elena, Rosina? In meinen Augen ists die kleine Anna Luna von einst.

Am Tag der Abreise hab ich mich gefreut.

Gepäck: DaKine Rollkoffer, Rucksack und Reisetasche.
«Am Tag der Abreise hab ich mich gefreut.»

Aber, ach, ich lenke nur ab. Davon, dass seit Mittwoch nur noch drei Joghurtsorten im Kühlschrank stehen. Schoggi für Hans, Heidelbeere für meine Frau, Zwetschgen für mich. Und Anna Lunas Teddybär, der Willi, sitzt auf einem Bett irgendwo in Kentucky. Sie hat uns für Monate verlassen, besucht austauschweise eine High School in den USA. Es hat mich so sehr beschäftigt, dass ich Sie nicht in die Vorbereitungen eingeweiht habe. Mir reichten schon die wohlmeinenden Ratschläge von Bekannten: «Väter müssen loslassen», «Weisst, sie wird als Mädchen abreisen und als junge Frau zurückkommen», «Ja, ja, Bänz, Abschied will gelernt sein!», und so weiter. Natürlich ist einem, als wärs gestern gewesen, da man sie als Bébéli in den Armen gewiegt und zum ersten Mal gebadet hat … Und schon geht sie allein hinaus in die Welt. Wer sagt nun zu mir: «Deine Sporttasche ist sehr stylish, Vati, aber viel zu feminin!»? Wer trällert mir den neusten Katy-Perry-Hit vor, fragt frech «Sy mer chli gamesüchtig, Herrfriedli?» und beantwortet unnötige Fragen mit «Nei, weisch!»? (So hat sie zuletzt immer geantwortet: «War die Physikprüfung schwierig?» – «Nei, weisch!» Sprich: Sie war sauschwierig.)

Vor der Abreise war ich oft traurig. Aber am Tag ihres Abflugs hab ich mich nur noch gefreut. Gefreut für diese mutige junge Frau, die irgendwo im Herzen, in meinem und vielleicht auch in ihrem, noch immer unser kleines Bébéli ist. Und bleiben wird.

Friedli live: 24. 1. Schöftland AG (ausverkauft), 25. 1. Schwarzenburg BE, 26. 1. Mönchaltorf ZH.


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli