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09. Dezember 2013

Irgendwie schön

Endlich einer, der nicht behauptet, früher sei alles besser gewesen! Im Gegenteil. «Findest Du nicht auch, wir haben die gute Epoche verpasst?», schreibt mein lieber Cousin in Brüssel (und weil er noch alte Schule ist, schreibt er das «Du» höflich gross). Dann weiter: «Mein Sohn hat jetzt einen Lego-‹Star Wars›-Adventskalender bekommen, und ich finde es unfair, dass es so etwas zu unserer Zeit nicht gegeben hat.» Cousin Simon und ich, wir haben denselben Jahrgang. Und wir hatten Türchenkalender, basta. Was denn sonst?

Nostalgie macht den Advent erträglich
«Die Nostalgie macht den Advent erträglich.»

Natürlich hat unser Hans denselben «Star Wars»-Adventskalender erhalten wie sein Coucousin in Brüssel, und dazu hat er noch einen Päcklikalender. Hatten wir alles nicht. Und drittens hat er auch einen good old Türchenkalender – den wir ihm, wenn wir ehrlich sind, auch ein bisschen uns selber zuliebe geschenkt haben: Er erinnert uns an die eigene Kindheit, und er erinnert mit seinem «Petterson und Findus»-Motiv an die Zeit, da Hans noch ein -li war und sich Bilderbücher vorlesen liess. Womit wir bei der Nostalgie wären, diesem schmeichelnden Tier, das sich einem gerade zu dieser Jahreszeit um den Hals schlingt wie ein warmer Schal … Man ist ob Lichtern und Lämpchen, ob Kerzen und Kinkerlitzchen gerührt und weiss nie recht, was echte Empfindung ist und was blosses Abrufen, blosses Aufwärmen von Regungen, die man als Kind empfunden und irgendwie als «schön» abgespeichert hat.

Die Nostalgie macht den Advent erträglich.

Das Gute an der Nostalgie ist, sie macht die Vorweihnachtszeit so erträglich. Sie erlaubt einem, sich abzuschotten, zu foutieren um all den Firlefanz und die Glitzerkataloge, um Sonntagsverkauf, Hatz und Gehässigkeiten. Sie erlaubt, gleichsam wegzutauchen in die lullenden Erinnerungen an eine Weihnachtszeit, wie sie vermutlich nie war, und in der warmen Stube bei Kranzkerzenschimmer und Lämpchenduft zu schwelgen. Uns gelingt das recht gut, finde ich. Wann immer möglich, spielen wir abends zu viert ein Brettspiel. Und vermutlich werden unsere Kinder, wenn sie mal eigene Kinder haben, sich in wärmenden Erinnerungen baden an eine Adventszeit mit «Star Wars»-Kalendern, in denen man Tag für Tag ein neues Lego-Figürchen gefunden hat.

Während der Räumungsaktion in Hans' Zimmer, die mehr verloren geglaubte Kranführermobiltelefönchen zutage förderte, als wir je besessen hatten, kam mir mein Hang zur Nostalgie freilich etwas weniger zupass. Ich kann mich so schlecht trennen; ginge es nach mir, würde jede schäbige Cowboykutsche aus Plastik aufbewahrt, jeder Duplo-Stein, jeder Kobold aus einem Kinder-Überraschungsei. «Entsorgen! Verschenken! Weg damit!», sagt meine Frau dann jeweils mit Bestimmtheit. Ich hingegen: «Behalten! Für die Enkel aufbewahren!» Nur: Wohin damit? (Den letzten Teil sage ich nicht, den denke ich nur: Zuerst müsste ich ja im Keller Platz schaffen, ehe dort Kisten voller Playmobil-Figürchen Platz fänden.) Und als ich mich endlich durchringe, etwas wegzuwerfen, den Strohhut aus den Sommerferien nämlich, der bereits löchrig ist und den ich eigentlich nur gekauft habe, weil er mich an meinen Vater erinnerte, der sommers stets solche Hüte trug – wer fischt ihn aus dem Kehrichtsack? Meine Frau. Er stehe dem Hans so gut!

Bänz Friedli live: 9. 12. Arosa, Humorfestival. Und mit Tinu Heiniger: 12. 12. Zofingen, 13. 12. Olten, 14. 12. Zug.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli