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30. Januar 2012

«Investieren wir nicht in die Ausbildung, schafft sich die Schweiz Probleme»

Heidi Wunderli-Allenspach ist die erste Rektorin in der Geschichte der ETH Zürich. Ende Juli tritt die 65-jährige Professorin nach fünfjähriger Amtszeit ab. Im Interview zieht sie Bilanz und erklärt, warum die ETH mehr Geld braucht und ausländische Studierende ein Gewinn sind – und dass Frauen genauso gut Roboter bauen können wie Männer.

Heidi Wunderli-Allenspach
Für ETH-Rektorin Heidi Wunderli-Allenspach ist eine massive Erhöhung der Studiengebühren nicht vertretbar.

Heidi Wunderli-Allenspach, von den über 17 000 Studierenden an der ETH Zürich stammt gut ein Drittel aus dem Ausland. Gibt es immer weniger intelligente Schweizer?

Das würde ich in dieser Form auf keinen Fall bestätigen. Man muss die Zahlen relativieren, denn der Anteil an Studierenden mit ausländischem Ausweis variiert sehr stark: Bei den Bachelorstudiengängen liegt er tief, bei den Masterstudiengängen bei etwa 35 Prozent. Die englischsprachigen Masterstudiengänge haben wir bewusst eingeführt, um ausländische Talente anzuziehen. Das erweitert zum einen den Horizont der Schweizer Studierenden, zum andern bietet es Chancen für den Werkplatz Schweiz.

Zwei Drittel der ETH-Professoren stammen ebenfalls aus dem Ausland.

Das war schon bei der Gründung der ETH vor über 150 Jahren so. In diesem Zusammenhang darf erwähnt werden, dass die Schweiz den Browns, Boveris, Nestlés, Maggis und Bühlers ihre Industrialisierung verdankt. Erst die gesunde Mischung mit klugen Köpfen aus dem Ausland machte aus unserem einstigen Agrarland das, was es heute ist. Die Internationalität ist eine Stärke der ETH.

In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Studierenden an der ETH Zürich um die Hälfte gestiegen. Wie packt die Hochschule das?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung, weil sich die Schere zwischen Studierendenwachstum und Bundesmitteln immer weiter öffnet. Die ETH Zürich hat zwar in den letzten Jahren den Drittmittelanteil markant erhöht. Das heisst, wir erhielten zum Beispiel mehr Geld vom Schweizerischen Nationalfonds, von der EU oder über Donationen. Nur sind diese Mittel oft projektgebunden, und sie kommen nicht direkt der Ausbildung zugute. Die ETH-Schulleitung hat seit 2010 mit Einsparungen in den Departementen und der Verwaltung reagiert, aber der Spielraum ist ausgereizt.

Wir müssen vermehrt Lobbyarbeit machen.

Weshalb erhöhen Sie nicht einfach die Studiengebühren?

Eine Verdoppelung der Studiengebühren auf rund 2400 Franken pro Jahr wäre tatsächlich vertretbar. Dies würde zu einer gewissen Erleichterung der finanziellen Situation führen. Aber nur eine massivere Erhöhung würde das Problem wirklich lösen, und dies darf nach meiner Meinung nicht geschehen. An amerikanischen Universitäten bezahlt man für Bachelorstudiengänge jährlich 30 000 bis 40 000 Dollar. In der Schweiz engagiert sich der Staat sehr stark im Bildungssektor. Das duale Bildungssystem mit dem ganzen Spektrum von der Berufslehre bis zum Universitätsstudium ist für die Schweiz ein Gewinn.

Sind denn die finanziellen Engpässe der Hochschule kein Thema in Bundesbern? Was unternimmt die ETH, um darauf aufmerksam zu machen?

Wir werden unsere Lobbyarbeit in Bern noch verstärken müssen, um den Politikern zu erklären, weshalb wir mehr Geld benötigen: Bis 2020 rechnet das Bundesamt für Statistik nochmals mit gut 20 Prozent mehr Studierenden. Das können wir nicht ohne Weiteres verkraften. Doch die Zahl der Studierenden einfach zu reduzieren, kann für den Werkplatz Schweiz meines Erachtens keine Option sein .

Warum ist diese Botschaft bei den Politikern noch immer nicht angekommen?

Bildungspolitik ist leider ein Thema, mit dem man sich kaum Lorbeeren holen kann. Trotzdem zähle ich darauf, dass sich das Parlament bewusst ist: Investieren wir nicht in die Ausbildung, schafft sich die Schweiz langfristig Probleme.

Bis heute wurden 21 Nobelpreise an Forscher vergeben, die mit der ETH Zürich in Verbindung standen oder stehen. Wie stolz sind Sie über diese Ausbeute?

Das ist wunderbar und gibt der Schweiz ein internationales Renommee. Unsere Stärke zeigt sich aber auch im Transfer von neuem Wissen in Wirtschaft und Gesellschaft. Die wohl wichtigste Form des Wissenstransfers stellen unsere Absolventinnen und Absolventen dar. So sind 45 Prozent von ihnen fünf Jahre nach ihrem Abschluss an der ETH bereits in Führungsfunktionen, und immer mehr entschliessen sich, eine eigene Firma zu gründen.

Mit Bildungspolitik holt man sich kaum Lorbeeren.

Sie wollen die ETH also trotz Sparmassnahmen in der Champions League positionieren?

Aber natürlich! Die Schweiz nimmt heute bezüglich Innovationskraft eine Spitzenstellung ein. Die Schweiz als Land ohne Bodenschätze muss deshalb weiterhin in die Ausbildung ihrer jungen Leute investieren. Ich meine: Wir dürfen ruhig ein bisschen stolz darauf sein, seit 157 Jahren eine Eidgenössische Hochschule zu haben, die eng verbunden ist mit der Wohlfahrt und Innovation dieses Landes.

Immer mehr Fachhochschulen wollen eine zweite ETH werden. Wird das zum Problem?

Für die ETH ist das kein Problem, aber allenfalls für die Fachhochschulen. Deren Ingenieurausbildungen überzeugen durch ihren starken Praxisbezug. Bei einer Akademisierung ihrer Ausbildung besteht die Gefahr, dass sie eben diese Stärke verlieren. Die Fachhochschulen sollten diese jedoch unbedingt bewahren, sonst drohen der Schweiz mittelfristig die Fachkräfte auszugehen. Gerade im technischen Bereich wäre dies fatal.

Heidi Wunderli-Allenspach
Heidi Wunderli-Allenspach ist eine leidenschaftliche Leserin und Opernliebhaberin.

Inzwischen besuchen mehr Mädchen als Jungen das Gymnasium. An der ETH aber machen Frauen auch heute noch nur 31 Prozent aus. Was läuft hier schief?

In der Pharmazie haben wir 75 bis 80 Prozent Frauen, in der Biologie 50 Prozent. Das Problem bei uns ist, dass wir in den Ingenieurwissenschaften einen Frauenanteil von nur 10 Prozent ausweisen. Wir unternehmen grosse Anstrengungen mit Informationstagen für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Zudem sind wir in der Gymnasiallehreraus- und -weiterbildung tätig, damit diese den Schülerinnen und Schülern die Faszination für Naturwissenschaften und Technik in Zukunft noch besser vermitteln können.

Sind Frauen für Ingenieurwissenschaften weniger geeignet?

Mädchen bauen genauso gut und gern wie junge Männer kleine Roboter oder konstruieren eine Dosierspritze für Medikamente. Ich sehe das immer wieder während unseren Studienwochen. Junge Frauen sollten offen sein für technische und naturwissenschaftliche Berufe. 


Sie selbst haben Biologie studiert. Warum?

Ich ging sehr gern zur Schule und besuchte deshalb die Kantonsschule. Das war damals in der Ostschweiz für Mädchen eher selten, sodass ich zum Dorfgespräch wurde. Das beeindruckte meine Eltern zum Glück nicht. Nachher wollte ich studieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Mädchen interessierte mich das gesamte Spektrum der Naturwissenschaften.

Und Sie studierten gemeinsam mit Ihrem Mann?

Ja, wir waren in der Abteilung Naturwissenschaften an der ETH Zürich und gingen nach dem Doktorat in die USA an die Duke University in Durham in North Carolina. 1986 wurde ich die erste Assistenzprofessorin und die zweite Professorin der ETH überhaupt.

In Ihrer Freizeit lesen Sie gerne, vor allem Biografien. Welche Bücher liegen derzeit auf Ihrem Nachttisch?

Zum einen «Universität», das Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte, mit Beiträgen zur Hochschulentwicklung. Zum anderen habe ich soeben den Roman «Gerron» von Charles Lewinsky gelesen. Als leidenschaftliche Leserin entspanne ich mich bestens bei der Lektüre. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens eine halbe Stunde vor dem Einschlafen lese. Ich bin noch nie über einem Buch eingeschlafen, sondern muss mich jedes Mal disziplinieren, weil mich der Wecker um 5.45 Uhr weckt.

Sie sind auch als Opernliebhaberin bekannt. Werden Sie zukünftig mehr Zeit dafür aufwenden?

Ich hoffe es. Ich möchte neben der Oper auch öfters Konzerte in der Tonhalle in Zürich oder im KKL in Luzern besuchen.

Ihr Vorgänger Konrad Osterwalder ist eigentlich pensioniert, aber als Rektor arbeitet er an der United Nations University in Tokio. Was machen Sie nach Ihrer Zeit als ETH-Rektorin?

Ich bin an der ETH quasi die Innenministerin und wurde fast 60 Jahre alt, ohne im Schaufenster der Öffentlichkeit zu stehen. So möchte ich das auch nach meiner Pensio- nierung handhaben. Jetzt habe ich aber noch immer einen 150-Prozent-Job. Ich werde diesen bis Ende Juli mit Vergnügen ausüben. Und ab August werde ich mit meinem Mann zuerst einmal die Festwochen in Luzern besuchen. Zudem sitze ich in einigen kleineren Stiftungen. Darum werde ich mich auch 2013 kümmern. Ich freue mich auf jeden Fall auf das, was kommen wird.

Autor: Reto Wild, Almut Berger

Fotograf: Siggi Bucher