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25. November 2013

Invasion der Samichläuse

Am 30. November findet in Samnaun der ClauWau, die Weltmeisterschaft der Samichläuse, statt. Da werden die Nüssli fliegen. Davon konnte sich das Migros-Magazin überzeugen. Es hat 2012 das Siegerteam der letzten drei Jahre begleitet.

Samichläuse in Aktion
Die Samichläuse in Aktion!

Die Ski- und Snowboardfahrer am Alp Trida Sattel ob Samnaun GR staunen nicht schlecht: Ein Samichlaus nach dem andern entsteigt der grossen Gondelbahn und marschiert rüber zum Sessellift zur Alp Trida: kleine Kläuse, grosse Kläuse, Kläuse mit prächtigem Bart, Kläusinnen mit grimmig aussehenden Schmutzlis, Kläuse mit Leiterwagenschlitten, Musikanlage und Glühweinvorräten. Die braucht es auch, denn der ClauWau 2012 hätte sich kaum besseres Wetter wünschen können. Nach ein paar Tagen Schneefall hat sich prächtiges Winterwetter eingestellt — sonnig und eisig kalt.

Gummipuppen-Wettrennen (Bild: Keystone).

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72 Kläuse, verteilt auf 17 Teams, sind angetreten, um Weltmeister der Nikoläuse zu werden. Wobei der WM-Titel 2012 etwas grossspurig klingt, denn es nehmen nur Teams aus der Schweiz und den Nachbarländern teil. In früheren Jahren gab es auch schon welche aus Japan, den USA oder Australien. Erstmals findet der Wettbewerb nicht in Samnaun Dorf, sondern direkt im Skigebiet statt, das vom Moderator mehrfach als «schönstes der Alpen» gepriesen wird. Der ClauWau ist nicht nur eine Hommage an den Samichlaus, er gibt gleichzeitig den Startschuss für die lokale Wintersportsaison und soll der Region mediale Aufmerksamkeit sichern.

Samichläuse demonstrieren schneesportliches Geschick

Philipp Rebsamen
Philipp Rebsamen und sein Team - die Auwer-Chläuse - sind auch dieses Jahr die grossen Favoriten.

Über die können sich die sportlichen Kläuse wahrlich nicht beklagen. Fotografen und TV-Crews umschwärmen die Teams mit Namen wie Appenzeller Powerchläuse, die Klaustrophoben, The Holy Strawbags oder Nightmare before Christmas. Diese kämpfen sich über vier Stunden durch diverse sportliche Parcours, in denen es meist darum geht, schneesportliche Geschicklichkeit zu demonstrieren und dabei kleine Geschenkpäckchen in Jutesäcke zu stecken.

Die grossen Favoriten sind die Auwer Chläuse, die 2010 erstmals teilgenommen und seither jedes Mal gewonnen haben. Das vierköpfige Team um den 37-jährigen Kaufmann Philipp Rebsamen kommt aus dem kleinen Aargauer Dorf Auw und repräsentiert den lokalen Samichlaus-Verein. «Anfang Dezember sind wir jeweils in unserem Dorf unterwegs und besuchen die zahlreichen Familien.» Rebsamen ist schon seit über 20 Jahren als Chlaus aktiv.

Vier Samichläuse schreiten unter einem Riesenhut daher.
Geschenkpäckli einsammeln unter dem grossen Hut.
Ein Samichlaus beim Besteigen der Kletterwand.
Ersteigen einer komplizierten Kletterwand.

Gleichzeitig ist das Team aber auch im lokalen Turnverein, und der Ehrgeiz, den ClauWau ein weiteres Mal zu gewinnen, ist so gross, dass sie einige der Disziplinen seriös trainiert haben. Etwa einen Parcours, bei dem die Kläuse gemeinsam unter einer riesigen Samichlausmütze Geschenke einsammeln und in einen Sack stecken müssen. «Den haben wir in Auw auf dem Sportplatz nachgebaut und geübt», sagt Rebsamen.

Chefchlaus Thomas Müller mit dem Bischofsgewand unter dem Publikum.
Chefchlaus Thomas Müller ist auch dieses Jahr wieder mit prächtigem Bischofsgewand im Skigebiet unterwegs.

Hoffnungen machen sich auch die Schongi-Chläuse, eine Gruppe aus dem Luzerner Seetal, die 2011 den zweiten Platz erobert hat. Sie sind nicht nur mit einem Wettbewerbsteam angetreten, sondern haben einen prächtig kostümierten Samichlaus im Bischofsgewand dabei, der von zwei Schmutzlis begleitet den ganzen Tag durch das Skigebiet stapft und Nüssli, Grittibänzen und Schokolade verteilt. Hinter dem eindrücklichen Echthaarbart steckt Thomas Müller (44), Freizeitparkbetreiber und Chef der Chlausgruppe in Schongau. «Mit diesem Kostüm bin ich bei uns auch im Dorf als Samichlaus unterwegs.» Und das seit 25 Jahren. Anders als in Auw allerdings, wo der Turnverein die Samichläuse stellt, ist es in Schongau der Handwerkerverein. «Wir sind weniger sportlich und haben auch kein bisschen trainiert», räumt Müller lachend ein. Prompt fallen die Schongi-Chläuse schon in der Vorrunde aus dem Rennen, derweil es die Auwer Chläuse am Abend ins Final in Samnaun Dorf schaffen.

Zwei Arten von Teams: «Echte» Chläuse und Partychläuse

Dort steht dann nicht nur die Siegerkür auf dem Programm, sondern gleich noch eine Partynacht, die direkt am Skihang beginnt und anschliessend in den diversen Bars und Clubs des Dorfs weitergeht. Die Samichlausteams lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: solche, hinter denen «echte» Samichläuse stehen wie jene aus Auw und Schongau, und solche, die dabei sind, um Spass zu haben und Party zu machen, wie die jungen Appenzeller Powerchläuse oder die lokalen Mexikaner-Chläuse Santos is Backos.

Müller und Rebsamen haben auch ihren Spass, stehen aber gleichzeitig fest hinter dem Samichlaus-Gedanken. «Früher galt der Samichlaus ja als böse, und man drohte den Kindern mit ihm, das war bei mir damals noch so», erzählt Müller. «Aber das ist vorbei, heute ist er ein lieber Mann, der Lob und Tadel ausspricht und Geschenke verteilt», ergänzt Rebsamen. Beide vertreten einen gewissen Chlaus-Ehrenkodex und betrachten die reinen Partychläuse am ClauWau mit gemischten Gefühlen. Sie freuen sich dennoch sichtlich mit, als einer der «Mexikaner» auf der Bühne vor versammeltem Publikum seiner Freundin eine Heiratsantrag macht — und ein enthusiastisches Ja erhält.

Ein Samichlaus auf dem Schlitten, der Geschenke einsammelt und in den Sack steckt.
Multitasking: Schlitteln und Päckli einsammeln.
Ein Samichlaus nterwegs auf altertümlichen Fassdauben-Ski.
Unterwegs auf altertümlichen Fassdauben-Ski.

Noch mehr allerdings freuen sich Rebsamen und sein Team über ihren erneuten Sieg am ClauWau — und mutieren anschliessend doch auch noch zu Partychläusen: Bis morgens um fünf Uhr ziehen sie durch die Samnauner Bars und feiern ihren dritten Triumph.

Den ClauWau 2013 (siehe Kasten) müssen die dreifachen Weltmeister aber auslassen. Auslandabwesenheiten sowie Weiterbildungen verhindern eine Teilnahme, was den anderen Teams eine Chance lässt. Auch die Schongi-Chläuse stellen dieses Jahr kein Team, Thomas Müller ist lediglich wieder als Samichlaus mit seinen Schmutzlis unterwegs. Allzu sicher sollten sich die anderen Teams jedoch nicht fühlen, denn die Auwer Chläuse planen keinen permanenten Rückzug, wie Teamleiter Philipp Rebsamen erklärt. «Ich werde alles unternehmen, damit wir nächstes Jahr den Titel wieder zurückholen können.»