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27. Juli 2015

«Die Unterscheidung zwischen real und virtuell machen nur Menschen über Vierzig»

Kinder und Jugendliche kommen immer früher mit digitalen Geräten und Inhalten in Kontakt. Dies fordert Eltern zunehmend heraus. Medienpädagogin Sara Signer über Chancen und Gefahren der digitalen Sozialisierung.

Medienpädagogin Sara Signer
Kinder und Jugendliche kommen immer früher mit digitalen Geräten und Inhalten in Kontakt. Dies fordert Eltern zunehmend heraus. Medienpädagogin Sara Signer über Chancen und Gefahren der digitalen Sozialisierung.

Sara Signer, wie reagieren Sie, wenn Ihre vierjährige Tochter nach Ihrem Smartphone greift?
Das macht sie grundsätzlich immer, wenn sie es sieht. Das Handy wirkt auf sie wie ein Magnet. Am liebsten schaut sie sich Fotos an – und es hat auch ein paar Spiele, die sie interessieren.

Es ist also in Ordnung, wenn Vorschulkinder mit Tablets oder Handys spielen?
Wenn man Mass hält. Ich lasse meine Tochter pro Woche rund zehn Minuten an diese Geräte. Momentan mag sie Spiele, bei denen man Figuren ausmalen kann. Lustig ist, dass sie noch immer überzeugt ist, dass die Farbe aus ihrem Finger kommt. Sie fährt mir dann übers Gesicht und staunt, dass es dort nicht so farbig wird wie auf dem Bildschirm.

Bei manchen läuten hier die Alarmglocken.
Kinder staunen ständig. Sie versuchen herauszufinden, wie etwas funktioniert. Virtuelle Dinge sind dabei besonders grosse Knacknüsse – und vielleicht gerade darum so faszinierend.

Einige Medienpädagogen empfehlen die Regel 3-6-9-12. Kein Bildschirm unter 3 Jahren, keine Spielkonsole vor 6, kein Internet vor 9 und kein unbeaufsichtigtes Internet vor 12. Was halten Sie davon?
Diese Regel ist weltfremd und überholt: Heute muss man zum Gamen nicht mehr zwingend eine Spielkonsole haben. Spielen ist auf jeden Gerät denkbar, wenn die Software vorhanden ist. Und Bildschirme erst ab drei Jahren zu erlauben, ist sehr unrealistisch. Dann dürften Sie mit Ihrem Kind nie durch den Hauptbahnhof gehen. Das heisst nicht, dass man Kinder vor dem Bildschirm parkieren sollte, aber sie sollten früh lernen, dass es diese Geräte gibt – und auch, dass sie nicht immer zu ihrer Verfügung stehen.

Signer mit ihrer Tochter
Signer mit ihrer Tochter.

Wird sich die Wahrnehmung der Touch-Generation dereinst von unserer unterscheiden?
Vielleicht wird diese Generation vernetzter denken als unsere. Das könnte Auswirkungen auf die Didaktik haben. Heute wird der Schulstoff meist linear vermittelt; in Zukunft wird man Wissen eventuell als Hypertext-Struktur aufbereitet, in der alles mit allem verlinkt ist. Man hat diese These an Studenten geprüft, die bereits mit dem Internet aufgewachsen sind. Da hat sich aber gezeigt, dass zumindest die Generation der Digital Natives nach wie vor lieber eines nach dem anderen lernt. Digitale Lehrmittel bieten spannende Tools, die das Lernen zum Beispiel mit Spielcharakter unterstützen, aber sie ersetzen die soziale Interaktion nicht.

Wie gibt man Gegensteuer, wenn Kinder nur noch Handy und Co. im Kopf haben?
Die Eltern leben den Umgang mit der Technik vor. Gehen Sie mal auf den Spielplatz: Da hängen viele Eltern ständig am Handy. Und abends sitzt man in vielen Familien vor dem Fernseher. Kinder, die so aufwachsen, haben schlicht keine Ideen, was sie denn sonst noch so tun könnten.

Was wäre eine gute Balance zwischen realer und virtueller Welt?
Die Unterscheidung zwischen real und virtuell machen nur Menschen über Vierzig. Für die jüngere Generation haben sich diese beiden Welten längst vermischt. Während die älteren «ins Internet gehen», haben die heutigen Jugendlichen das Internet ständig dabei. Damit wird es schwierig, die Zeit vor dem Bildschirm klar zu begrenzen. Zudem steigt auch für Kinder der Druck, ständig erreichbar zu sein. Schliesslich könnten sie etwas verpassen. Kinder müssen lernen, damit umzugehen. Das heisst, sich Inseln schaffen, auf denen die virtuelle Welt die reale Welt nicht diktiert.

Wie schult man diese Medienkompetenz?
Kompetent wird man durch Erfahrung. Wenn Kinder sich oft im Netz aufhalten, sind sie möglichen Gefahren stärker ausgesetzt – aber nur so können sie lernen, wie sie die Technik zu ihren Gunsten nutzen können. Natürlich brauchen sie dabei die Unterstützung von Erwachsenen. Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass manche Eltern nicht einmal wissen, was ein Chat ist.

Wirklich?
Natürlich wissen sie, dass es dabei um Kommunikation geht. Aber sie kennen die Regeln nicht. Sie haben das Gefühl, ein Chat funktioniere wie ein Face-to-Face-Gespräch. Das ist falsch: Ist mir ein Chat unangenehm, antworte ich einfach nicht mehr. Auch kann ich den Gesprächspartner sperren oder sogar melden. In einem normalen Gespräch wäre ein solches Verhalten sehr unhöflich.

Es gibt ständig neue Apps, Sites und Games. Ist es da nicht verständlich, dass Eltern irgendwann nicht mehr mitkommen?
Jein. Es ist unmöglich, in jedem Bereich stets auf dem neusten Stand zu sein. Selbst ich kenne nicht alles, obwohl Medien mein Beruf sind. Aber Eltern müssen auch gar keine Experten sein. Sie sollten sich bloss interessieren, was ihr Kind im Internet treibt.

Sara Signer
Sara Signer mit ihrem MacBook.

Was heisst das konkret?
Stellen Sie Fragen: Wie funktioniert das? Was machst du genau? Mit wem unterhälst du dich? Ich verstehe nicht, wie Eltern zuschauen können, wie ihr Kind fünf Stunden pro Tag in einem Chat verbringt, ohne mal nachzufragen. Sie lassen Ihr Kind auch nicht einfach aus der Haustüre laufen, wenn Sie nicht wissen, wo und mit wem es sich in den nächsten Stunden rumtreibt. Genau so sollten Sie es mit dem Internet halten.

Aber wollen Kinder überhaupt erzählen, mit wem sie gerade chatten?
Das ist eine Frage des Vertrauens: Schaffen Sie eine gute Basis, indem Sie nicht nur Interessen zeigen, um Ihr Kind zu kontrollieren, sondern weil Sie sich wirklich für seine Welt interessieren. Natürlich ist das Ganze auch abhängig vom Alter: Je älter ein Kind ist, desto mehr will es sich abgrenzen.

25 Prozent der 9- bis 16-Jährigen kommen übers Internet in Kontakt mit Fremden. 7 Prozent haben so gar schon Fremde getroffen. Das zeigt eine Studie der Uni Zürich. Wie lässt sich das vermeiden?
Zu restriktiv sein, bringt nichts. Verbote erhöhen den Reiz und fördern das Verheimlichen. Bedenklich ist, dass 68 Prozent der Eltern nichts von diesen Treffen wissen. Darum empfiehlt sich die Haltung: Okay, lass uns mal schauen, wer diese Person ist. Du kannst sie treffen, aber an einem Ort, wo es noch andere Leute hat – oder du nimmst eine Begleitung mit.

Was halten Sie von Kinderschutzprogrammen, die man auf dem Computer installieren kann?
Das ist Grundhaltung aus der Bewahrpädagogik: Das, was mein Kind bedroht, räume ich aus dem Weg. Diese Haltung fördert aber keine Kompetenzen. Und sowieso: Wenn die Kids wollen, dann gehen sie kurz auf Youtube und wissen in zehn Minuten, wie man das Tool deinstalliert.

21 Prozent der 9- bis 16-Jährigen haben bereits sexuelle Darstellungen im Internet gesehen. Was machen diese Bilder mit den Heranwachsenden?
Pornos sind darum schwierig, weil sie sich auf den Geschlechtsakt beschränken. Die sexuelle Entwicklung umfasst aber viel mehr. Es geht darum, sich kennenzulernen, sich zu berühren, herauszufinden, was man als angenehm empfindet. Es besteht die Gefahr, dass die Heranwachsenden das, was sie im Netz gesehen haben, einfach imitieren, ohne auf ihre Bedürfnisse zu hören – weil sie denken, das wäre richtig so.

Was ist die Lösung?
Es darf kein Tabu sein. Man muss darüber reden.

Was können Eltern unternehmen, wenn sie das Gefühl haben, der Internetkonsum ihres Kindes grenze bereits an Sucht?
Da bringt nur Regulieren etwas.

Also etwa eine Woche Internetverbot?
Wenn Sie das durchsetzen können? Das Problem ist: Internet gibts ja nicht nur Zuhause, sondern auch bei den Kollegen. Realistischer ist wohl eine Proportionierung. Man schaut sich gemeinsam mit dem Kind an, wie viel Freizeit es hat, und wie viel davon medienfrei sein sollte. Bei Primarschülern kann man gut mit Bildschirmgutscheinen arbeiten, die sie zum Beispiel im Tausch gegen eine Stunde Bewegung erhalten.

Die Zeit ist das eine, das andere ist das Verhalten im Internet. Lassen sich diesbezüglich generelle Regeln definieren?
Grundsätzlich sollte der Computer an einem Ort stehen, an dem er für alle sichtbar ist. Die Geräte im Kinderzimmer sind ein grosses Problem. Teenager wollen natürlich ein eigenes Gerät, aber gerade darum ist es wichtig, dass die Kinder im Primarschulalter vor dem Computer nicht allein gelassen werden. Je kleiner sie sind, desto eher ist ein Nebenbeisitzen angebracht. Das gilt im Übrigen auch fürs Fernsehen. Viele Eltern haben das Gefühl, das Kind sei nun «versorgt», es schaut Spongebob, jetzt habe ich Zeit zum Kochen. Die emotionalen Reaktionen auf diese Figuren sind aber echt. Vorschulkinder beginnen zu weinen, wenn Spongebob etwas passiert. Damit sollten sie nicht alleine gelassen werden.

Signer und ihre vierjährige Tochter
Sara Signer und ihre vierjährige Tochter

Werden Sie später mal kontrollieren, was Ihre Tochter beispielsweise auf Instagram hochlädt?
Bei den Bildern muss man speziell sensibel sein. Instagram gehört Facebook – und somit auch jedes Bild, das ich über diesen Dienst hochlade. Das müssen Kinder wissen. Wobei sich auch viele Erwachsene nicht bewusst sind, dass sie bei Facebook ihre Bildnutzungsrechte abgeben und dass das Portal darum mit ihren Bildern zum Beispiel Werbung machen darf. Die Frage, die man sich vor dem Posten jeweils stellen sollte, ist: Wem würde ich das Bild zeigen wollen, wenn es auf Papier wäre? Wenn man zum Schluss kommt, dass das alle sehen können, ist das Hochladen okay.

5 Prozent der 9- bis 16-Jährigen wurden bereits Opfer von Cybermobbing: Was unternehme ich, wenn jemand ein Bild von meinem Kind, gegen seinen Willen ins Netz stellt.
Der erste Schritt ist sicher, das Kind oder dessen Eltern zu bitten, das Bild zu löschen. Hat man damit keinen Erfolg, kann man das Entfernen allenfalls mit Hilfe eines Anwalts durchsetzen. Da stellt sich dann allerdings die Frage, wo sind die Server, und welches Recht gilt da. Das ist kompliziert und mühsam. Darum achtet man lieber darauf, dass es gar nicht erst soweit kommt.

Wenn Sie könnten: Würden Sie lieber in einer Zeit ohne Neue Medien und die damit verbundenen Risiken leben wollen?
Nein, sicher nicht. Neue Medien bieten viele Chancen. Zum Beispiel Kontaktmöglichkeiten über riesige Distanzen. Und dann gibt es natürlich das verfügbare Wissen. Das Internet weiss praktisch alles; man muss die Information bloss finden. Wobei auch das gelernt sein will – unter anderem, weil nicht alles, was im Internet steht, auch richtig ist.

Kulturpessimisten sehen die Sprache durch den Schreibstil in Chats und Foren bedroht.
Früher beklagte man sich darüber, dass die Jugend nicht schreibt. Heute tut sie es – und in der Regel wissen die Kids auch, dass ein Motivationsschreiben einen anderen Tonfall erfordert als ein Post auf Facebook.

Sie haben selber ein Facebookprofil. Zeigen Sie Ihren Freunden dort auch Bilder von Ihrer Tochter?
Nein, für mich ist es wichtig, dass sie selber entscheiden kann, welche Bilder von ihr online sind. Im Extremfall geht so ein Bild oder Video viral und wird tausendfach kopiert – so etwas bringt man nie mehr weg.

In diesem Interview lassen Sie sich aber mehrmals zusammen mit Ihrer Tochter abbilden. Ist das nicht ein Widerspruch?
Die Bilder für diesen Artikel sind Ausnahmefälle. Es ist von öffentlichem Interesse, was ich zum Thema Kinder und Medien zu sagen habe. In diesem Fall steht meine Tochter mit mir im Kontext meiner «Öffentlichkeit».

Stimmt es, dass die heutigen Jugendlichen Facebook den Rücken kehren, weil sie dem Portal nicht mehr vertrauen?
Die Nutzerzahlen verschieben sich zu Gunsten von anderen Diensten. Fürs Chatten nutzen die Kids WhatsApp und zum Bilder posten Instagram. Ob das am Misstrauen liegt, kann ich nicht beurteilen. Was sicher eine Rolle spielt, ist, dass Jugendliche nicht unbedingt auf derselben Plattform wie ihre Eltern unterwegs sein wollen.

Wann wird Ihre Tochter dereinst Ihr erstes Smartphone erhalten?
Das weiss ich nicht. Bis sie so alt ist, kann sich noch einiges ändern. Wer weiss: Vielleicht gibt es bis dann Tools, die viel interessanter sind – zum Beispiel Smartwatches, Smartglasses oder vielleicht sogar Smartlenses.

Autor: Andrea Freiermuth, Anne-Sophie Keller

Fotograf: Christian Schnur