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03. Juni 2013

«Berlin ist eine Stadt im Wandel»

Klaus Wowereit liebt seine Stadt. Im Interview schwärmt der Bürgermeister von der jungen Hauptstadt Deutschlands. «Berlin ist tolerant, offen, kreativ und ein Ort, wo sich Künstler entfalten können.»

Klaus Wowereit
Klaus Wowereit, Berlins Bürgermeister, im Interview mit Migrosmagazin.ch (Bild: Keystone).

Immer mehr junge Schweizer wandern nach Berlin aus. Weshalb entscheiden sich junge Menschen aus der wohlbehüteten Schweiz für die deutsche Hauptstadt?

Ich persönlich finde die Schweiz, und gerade auch Städte wie Zürich, sehr lebenswert und sympathisch. Die Entscheidung, nach Berlin zu gehen, treffen nicht nur viele Schweizer, sondern immer mehr junge Menschen auf dem ganzen Globus. Die Stadt ist tolerant und offen, hier können alle ihren eigenen Lebensstil finden und leben. Berlin ist kreativ und in zunehmendem Masse auch wirtschaftlich erfolgreich. Berlin ist der «place to be».

Mit Berlin verbindet man oft eine gewisse Sehnsucht. Woher kommt das?

Diese Sehnsucht ist Reflex der grossen, auch internationalen Ausstrahlung, die Berlin seit dem Fall der Mauer in wachsendem Umfang gewonnen hat. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Sicherlich verbindet sich mit dem Image Berlins der Begriff Freiheit, die Möglichkeit, sich zu entfalten, und zugleich für sich neue Möglichkeiten zu entdecken. Gerade das macht Metropolen aus: dass viele Menschen davon träumen und dorthin wollen, um dort mindestens einen Lebensabschnitt zu verbringen und zu arbeiten.

Ihre vor Jahren gemachte Aussage «Berlin ist arm, aber sexy» ist ein Evergreen. Was ist für Sie an Berlin heute sexy?

In Berlin wird immer noch viel verändert, das sehen Sie an den Baukränen und an den vielen neuen Gebäuden. Anziehend an der Stadt ist und bleibt, dass sie sich ständig verändert. Wir sind die «Stadt im Wandel». Und Berlin ist nach wie vor jung. Das machen auch die jungen Menschen aus, die wegen der vielen Universitäten hierherkommen. Jung ist die Stadt aber auch deshalb, weil es sie als neu vereinte Metropole ja erst seit gut zwei Jahrzehnten gibt. Die Ausstrahlung der geteilten Stadt war damals eine ganz andere. Da wäre auch niemand auf den Gedanken gekommen, dass Berlin sexy ist. Heute dagegen hat die Stadt in neuer Weise wieder die Attraktivität gewonnen, die sie zum Beispiel vor 1933 gehabt hat.

«Ich lebe sehr gerne in der Nähe des Kurfürstendamms.»

Es gibt wiederum Berliner, die aus der Grossstadt flüchten. Was missfällt Ihnen an Berlin am meisten?

Das ist weit weniger dramatisch, als Sie es in Ihrer Frage nahelegen. Wir haben eine Problematik mit steigenden Mieten. Das ist ein Faktor, aber damit setzt sich die Stadtpolitik auseinander. Ja, Berlin hat seit dem Fall der Mauer einen massiven Bevölkerungsaustausch erlebt. Das bedeutet, dass viele Menschen die Stadt verlassen haben, aber das heisst auch, dass viele hergekommen sind. Das ist insgesamt eine erfreuliche Entwicklung, insgesamt wächst die Stadt entgegen dem Trend in Deutschland, und das jedes Jahr um 40 000 Menschen. Übrigens liegt Berlin auch bei den Geburten ganz weit vorn in Deutschland, und wir haben viele junge Familien, die zuziehen. Andererseits sind die, die wegziehen, oft keineswegs auf der Flucht, sondern sie ziehen ins Umland jenseits der Stadtgrenze. Halten Sie sich vor Augen, dass das etwas ist, was mindestens die Bewohnerinnen und Bewohner des Westteils der Stadt zu Mauerzeiten ja gar nicht machen konnten.

Wie gross ist die Gefahr, dass einzelne In-Viertel wie der Prenzlauerberg mit Einwanderern aus anderen Teilen Deutschlands «yuppisiert» werden, dass das Berlin der Künstler immer mehr abhanden kommt?

Ich sehe das keineswegs so negativ, wie es die Gegner von «Yuppisierung» oder «Gentrifizierung», das ist das andere Schlagwort, gerne sehen. Wir wollen doch, dass sich Berlin entwickelt, und ich möchte auch, dass in unserer Stadt Wohlstand generiert wird. Es ist kein guter Zustand, wenn Menschen arm sind und wenn die Wirtschaft in einer Metropole wie Berlin lahmt. Dazu gehört auch, dass einzelne Stadtteile ihren Charakter ändern. Das Kreuzberg von heute ist anders als in den 70er-Jahren. Und Sie können sicher sein, dass Berlin noch genügend Potenzial hat, auch künftig Lebensraum zu sein für künstlerisch kreative Menschen.

Welches sind für Sie die grössten Baustellen Berlins neben dem Flughafen Berlin Brandenburg, der seit 2006 im Bau ist und dessen Eröffnung immer wieder verschoben werden musste.

Derzeit beginnen im Herzen Berlins die Arbeiten an zwei benachbarten Vorhaben: Wir arbeiten am Lückenschluss der Untergrundbahn im Verlauf unseres Prachtboulevards Unter den Linden, und am Schlossplatz beginnt der Neubau des Stadtschlosses unter dem Namen Humboldt-Forum. Der Flughafen ist das grösste Infrastrukturprojekt der Region, die Verschiebung ist sehr ärgerlich, wird aber an dem enormen wirtschaftlichen Schub des Projekts nichts ändern, das uns mehrere Zehntausend neue Arbeitsplätze bringen wird.

Wo gefällt es Ihnen persönlich am besten in Berlin? Wo ist Berlin für Sie am berlinerischsten?

Ich wohne sehr gern in der Nähe des Kurfürstendamms. Aber ich bin ein «Gesamtberliner». Das Schönste ist für mich, wenn ich im Anflug auf meine Stadt im Flieger sitze und von oben sehe, wie grün Berlin ist. Am berlinischsten sind für mich die Menschen: die grosse Fülle verschiedener Herkünfte, Kulturen und Religionen, die miteinander hier leben und die zusammen etwas Neues schaffen.

* Das Interview wurde schriftlich geführt.

Autor: Reto Wild