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06. August 2012

Interesse zählt

Kinder profitieren, wenn Eltern sich für die Schule interessieren, sagt Maya Mulle (59), Leiterin der Fachstelle Elternmitwirkung, Geschäftsführerin von Elternbildung Schweiz und Mutter zweier Kinder. Sie erklärt, wie man sich sinnvoll einbringt und wie Schulen mit der Einmischung umgehen.

Maya Mulle (59), Leiterin der Fachstelle Elternmitwirkung
Maya Mulle (59), Leiterin der Fachstelle Elternmitwirkung, Geschäftsführerin von Elternbildung Schweiz und Mutter zweier Kinder. (Bild zVg)

Maya Mulle, Eltern werden seit Jahren zunehmend mit dem Thema Mitwirkung konfrontiert. Gibt es eine offizielle Definition dafür?
Ja, wobei man unterscheiden muss: Einerseits die individuelle Ebene, wo es nur ums eigene Kind geht. Dazu gehört etwa die Teilnahme an Infoabenden, die in vielen Kantonen Pflicht sind.
Das zweite ist die institutionalisierte Ebene, die allgemeine Elternmitwirkung. Hier bittet die Schule Elterndelegierte an den runden Tisch, um herauszufinden: Was macht uns zu einer guten Schule, was kann die Schule selber dazu beitragen, was können die Eltern und was können die Schüler und Schülerinnen tun?
In Zürich, Basel-Stadt und Thurgau ist die institutionalisierte Elternmitwirkung gesetzlich verankert. Heisst das, die Eltern sind verpflichtet, sich einzubringen?
Nein, für die Eltern ist es immer ein Recht, keine Pflicht. Die Schulen hingegen müssen in diesen Kantonen eine Form von Elternmitwirkung anbieten. Sie müssen erklären, wie sie die Zusammenarbeit umsetzen und reglementieren wollen.
Zürich hat Elternmitwirkung 2005 als erster Kanton gesetzlich eingeführt. Hat sich seither an den Zürcher Schulen etwas verändert?
Ja, im neusten Bericht der Fachstelle für externe Schulbeurteilung wird die Zusammenarbeit mit den Eltern ausführlich besprochen. Das Fazit: Eltern sind heute besser informiert. Das wirkt sich positiv aufs Klima in der Schule aus und steigert bei den Schülerinnen und Schülern die Akzeptanz der Schule.
Sollte sich der Einsatz der Eltern nicht auch in besseren Leistungen niederschlagen?
Schüler, die in einer guten Atmosphäre zur Schule gehen, haben eine positivere Einstellung zum Lernen und das wirkt sich auf die Leistung aus. Aber das ist noch nicht belegt. Wir sind daran, zusammen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz eine Wirkungsstudie zu machen, die diesen Zusammenhang zeigen soll.
Warum sollen Eltern sich überhaupt einbringen? Sie sind ja keine Fachleute.
Weil der Erziehungsauftrag ein gemeinsamer Auftrag an Eltern und Schule ist. Die Schule definiert gewisse Werte, und Eltern haben ihre Werte. Es ist von Vorteil, sich auf einen minimalen gemeinsamen Nenner zu einigen, damit gibt man dem Kind Orientierungshilfe. Zudem ist die Schule darauf angewiesen, dass Eltern ihre Philosophie unterstützen, indem sie der Schule positiv gegenüber stehen. Dazu kommt, dass Väter und Mütter nicht mehr einfach blind darauf vertrauen, dass die Schule es schon richten wird.
Warum nicht? Früher war das doch auch so.
Weil früher eine gute Ausbildung der Garant dafür war, dass man einen Job fürs Leben fand. Der Schule als unfehlbare Institution traute man zu, das auf den Weg zu bringen. Aber die wirtschaftlichen Anforderungen haben sich geändert. Die Kinder von heute haben wenig Chancen, dereinst mehr zu erreichen und zu verdienen als ihre Eltern. Das treibt die Eltern um. Sie informieren sich und wissen zum Teil mehr als gewisse Lehrer.
Freuen sich die Schulen über das Mitwirken der Eltern?
Viele sind dankbar, wenn sie von den Eltern Unterstützung bekommen. Besonders kleine Schulen haben nicht die Ressourcen, um alle Vorhaben umzusetzen. Immer mehr Schulen schätzen auch die Eltern als so genannte «Critical Friends», also als wohlwollende, konstruktive Gesprächspartner.
Wo sollen Eltern mitreden?
Überall, wo es um Erziehung geht. Ob am Kiosk Cola verkauft werden soll etwa, oder wie der Schulweg gestaltet werden kann.
Empfinden Schulen die Elternmitwirkung nicht als Einmischung?
Das kommt vor. Dann braucht es von beiden Seiten noch einen Lernprozess. Eltern sollten mit der Haltung auf die Schule zugehen: «Wir finden dies und das schwierig. Was könnte man tun?» Und Schulen sollten sich wertschätzend auf den Dialog einlassen – dieser Teil steht und fällt mit der Schulleitung.
Wann wird die Einmischung heikel?
Wenn Eltern bei der Wahl von Lehrmitteln mitreden wollen oder bei der Beurteilung, Anstellung und Entlassung von Lehrpersonen.
Geht es vor allem darum, dass Eltern die Schule transparent erleben?
Genau. Oft genügt es, dass sie die Grenzen des Machbaren sehen und sich ernst genommen fühlen. Die Schulen würden viele Ideen gern umsetzen, aber es gibt kein Geld oder keine gesetzliche Grundlage dafür. Wenn Eltern das sehen, verstehen sie Entscheidungen besser und tragen sie eher mit. Und sie sind eher bereit, selber etwas zu organisieren, ein Skilager etwa.
Ist es einfach, Eltern zu finden, die sich in einem Gremium engagieren?
Nein. Das ist in der ganzen Schweiz ein Problem, ich würde sogar sagen in ganz Europa.
Sitzen am Ende in den Elterngremien nicht wieder jene, die ohnehin schon engagierte Eltern sind?
Doch, hundertprozentig. Aber das ist okay, wenn die anderen Eltern nicht ausgeschlossen bleiben. Es braucht ja neben dem Vorstand auch jene, die in den Projekten und Arbeitsgruppen mitmachen. Und die, die am Ende den Kuchen mitbringen. Eltern sollen selber entscheiden, was sie können und wollen. Interessant ist, warum einige nicht mitmachen. Die Fachhochschule Nordwestschweiz hat das untersucht und festgestellt, dass oft Angst dahinter steckt. Die Angst, ausgegrenzt zu sein, in der Ecke zu stehen, weil sie etwas nicht verstehen oder nicht können. Das betrifft vor allem Migranten-Eltern. Für sie braucht es Anlässe, bei denen sie ihre Kultur positiv präsentieren können, etwa indem sie Essen aus ihrer Heimat mitbringen.
Sollten in die Elternmitwirkung so viele Eltern wie möglich eingebunden sein?
Ja, denn das Ziel ist, dass möglichst viele Kinder das Gefühl haben, mein Papi und meine Mami interessieren sich für mich und finden es gut, dass ich hier zur Schule gehe. Manche Eltern können das allerdings ihren Kindern auch im privaten Rahmen vermitteln.
Was kostet Elternmitwirkung?
Im Schnitt, je nach Schulgrösse, 1000 bis 1800 Franken pro Jahr und Schule. Das meiste geht für Projekte weg, ein Teil auch für Getränke an Sitzungen – als eine Geste der Wertschätzung gegenüber den Eltern.

Autor: Yvette Hettinger