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31. Oktober 2016

Wird interaktives Kino zum Trend?

Der neue Schweizer Film «Late Shift» erlaubt es dem Publikum, im Kinosaal an vielen Stellen mitzuentscheiden, wie die Story weitergeht. Filmexperte Emmanuel Cuénod sieht im Interview eine Innovation mit Zukunft für die hiesige Filmbranche. Welches Filmende hätten Sie denn gern?

Han Solo in «Star Wars: The Force Awakens»
Hätte Han Solo in «Star Wars: The Force Awakens» überlebt, wenn das Publikum hätte mitentscheiden dürfen? (Bild: Lucasfilm Ltd.)

Für viele Fans war es ein Schock, als ihr Kindheitsheld Han Solo gegen Ende von «Star Wars: The Force Awakens» (2015) getötet wurde. Wie hätten sie wohl entschieden, wenn die Filmemacher ihnen die Wahl gelassen hätten: Tod oder Leben für Han Solo?
Eine solche Wahl bietet der Zürcher Regisseur Tobias Weber (39) dem Publikum in seinem Thriller «Late Shift», der am Donnerstag in den Kinos anläuft. An zahlreichen Stellen werden die Zuschauerinnen und Zuschauer gefragt, ob es nun so oder so weitergehen soll: weglaufen oder stehen bleiben? Mit der gestohlenen Schale zur Polizei gehen oder zu Mr. Wu? Fünf Sekunden Zeit bleibt für die Entscheidung via App, dann passiert nahtlos das auf der Leinwand, wofür sich die Mehrheit im Saal entschieden hat.

Im 70 bis 90 Minuten langen Film geht es um einen Studenten, der in einen Kunstraub verwickelt wird, und es gibt sieben verschiedene Varianten, wie die Story enden kann. An Film- und Gamefestivals lief der Thriller bereits und stiess auf weitgehend positives Echo. Man kann aber auch online schauen und spielen.

Den Film zu drehen, war ein komplexes Unterfangen, erzählt Regisseur Weber: «Einerseits musste die Technik funktionieren, sodass es im Film keinerlei Unterbrüche oder Irritationen gibt, andererseits waren Drehbuch und Dreharbeiten natürlich komplexer als üblich.» Das Ergebnis macht Spass; Weber arbeitet bereits am nächsten Film. 

Late Shift startet am 3. 11. im Kino

Emmanuel Cuénod (41) ist Direktor des Genfer Filmfestivals Tous Ecrans
Emmanuel Cuénod (41) ist Direktor des Genfer Filmfestivals Tous Ecrans (Bild: Magali Girardin)

DAS EXPERTENINTERVIEW

«Die Filme der grossen Regisseure werden kaum je interaktiv werden»

Emmanuel Cuénod (41) ist Direktor des Genfer Filmfestivals Tous Ecrans (4.–12. 11.). Auch «Late Shift» wird dort gezeigt.
www.tous-ecrans.com

Emmanuel Cuénod, beim interaktiven Film werden die Zuschauer zum Regisseur. Wie funktioniert das?
Zuerst muss man eine App auf sein Handy oder Tablet laden. Während des Films kann man auswählen, wie die Handlung weitergehen soll. Für einmal bleibt das Handy also angeschaltet. Wenn man die Stimme abgegeben hat, wertet eine Box die Ergebnisse aus. Dieser Server ist mit dem Projektor synchronisiert, der Aufwand für das Kino also klein.

Wird man durch das Abstimmen nicht aus der Handlung gerissen?
Genau das ist die grosse Herausforderung. Im Film «Late Shift» wurde sie gut gemeistert: Die Handlung läuft jeweils weiter, während die verschiedenen Möglichkeiten eingeblendet werden, wie es weitergehen könnte. Unterbrechungen gibt es also keine.

An der Weltausstellung 1967 konnten Zuschauer erstmals mit dem «Kinoautomat» die Handlung eines Films mitbestimmen. Warum hat es bis zum Durchbruch noch ein halbes Jahrhundert gedauert?
In der Zwischenzeit wurde viel Recherche betrieben. Bis jetzt gab es tatsächlich noch kein zuverlässiges System, das dem Publikum auf einfache Weise Interaktion erlaubt. Die Magie des Kinos liegt in der Passivität; dass man in ein Universum eintauchen und abschalten kann. Interaktives Kino muss also das Eintauchen trotz Interaktion bieten. Denn das Publikum interessiert sich primär für die Handlung, nicht für die Technik.

Man könnte es auch als Kino für die Gamer-Generation bezeichnen. Schreckt das ältere Kinobesucher nicht eher ab?
Die Gamer-Generation ist daran gewöhnt, ständig zu interagieren, und wäre wohl frustriert, so wenig mitentscheiden zu können. Interaktive Filme richten sich an das breite Publikum: also in erster Linie Filmliebhaber, die zwar gamen, aber keine Profis sind. Senioren werden meiner Meinung nach eher wenig Lust auf dieses Experiment haben. Wenn doch, umso besser!

Ist die neue Technologie eine Chance für den Schweizer Film?
Ja, die Schweiz ist sehr innovativ, was neue Technologien betrifft, und hat viele gute Filmschulen. Soeben wurde die Genfer Firma Apelab damit beauftragt, ein begleitendes Virtual-Reality-Kinderspiel für den Animationsfilm «Ma vie de courgette» zu entwickeln.

Ich denke, dass die Technologie ein Nischenprodukt bleiben wird.

Werden in zehn Jahren alle Filme interaktiv sein?
Ich denke, dass die Technologie ein Nischenprodukt bleiben wird. 3-D ist ja heute auch möglich, dennoch blieb 2-D die Norm. Und die Filme der grossen Regisseure werden kaum je interaktiv werden, weil sie die Handlung nicht aus der Hand geben wollen.

Aus Berufsstolz?
Mehr wegen der Lust am Erzählen. Und weil es immer ein Publikum geben wird, das Geschichten erzählt haben möchte.

Das Schweizer Start-up «CtrlMovie» hat eineinhalb Millionen Franken in die Produktion von «Late Shift» investiert. Das ist eigentlich gar nicht so viel Geld.
Nun, die haben auch wie die Verrückten gearbeitet. In den USA hätte der Film wohl zehnmal mehr gekostet. Junge Produktionsfirmen geben viel, damit ein solcher Film entsteht. Oft zahlt sich das erst nachträglich aus.

An einer Pressevorführung wählte das Publikum aus sieben möglichen Varianten das einzige Happy End. Überrascht Sie das?
Ich glaube, das ist immer ein Zufall; bei einem anderen Publikum wäre wohl ein anderes Ende entstanden. Es besteht aber schon die Tendenz, dass man den Held reüssieren sehen will – insbesondere wenn man sich mit ihm identifiziert. 

Autor: Anne-Sophie Keller, Ralf Kaminski