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27. März 2017

Inseln für die Paarzeit in den Familienalltag integrieren

Paartherapeut Mark Froesch rät Eltern, sich auf den Auszug der Kinder frühzeitig vorzubereiten. Dann bestünden gute Chancen, dass sich auch der nächste Lebensabschnitt positiv entwickle.

Mark Froesch
Mark Froesch-Baumann (50) ist Fachpsychologe für Psychotherapie und Paartherapeut mit eigener Praxis in Bubikon ZH. (Bild zVg)

Wie bedeutend in der persönlichen Entwicklung ist der Moment, wenn die Kinder das Haus verlassen und die Eltern plötzlich wieder auf sich allein gestellt sind?

Das ist ein wesentlicher Übergang im Leben von Eltern – ähnlich bedeutend wie das Erwachsenwerden, die Familiengründung oder das Ausscheiden aus dem Berufsleben. Und wie man ihn bewältigt, kann Einfluss darauf haben, wie es einem im Rest des Lebens geht. Es ist deshalb wichtig, sich darauf vorzubereiten, auch wenn man sich natürlich nie auf alles vorbereiten kann. Meist ist die Ablösung von den Kindern heute ein gleitender Prozess, der auch noch weitergeht, wenn die Kinder bereits ausgezogen sind.

Früher passierte der Übergang abrupter?

Ja, und oft auch früher. Heute sind Kinder länger in Ausbildung und bleiben entsprechend länger zu Hause. Es gibt sogar richtige Nesthocker, in der Regel sind sie männlich und aus höheren Einkommens- und Bildungsschichten.

Es hilft auch, wenn die Sexualität nicht einschläft, was während der Familienphase nicht selten der Fall ist.

Wie leicht oder schwierig ist es für Paare, sich quasi wiederzuentdecken nach dem langen Fokus auf die Kinder?

Das hängt sehr davon ab, wie intensiv die Paarbeziehung schon während der Familienphase gepflegt worden ist. Manche identifizieren sich so stark mit der Elternrolle, dass sie sich gegenseitig als «Mami» und «Papi» ansprechen. Aber wem es gelingt, trotz Familien- und Berufsstress Inseln für die Paarzeit zu finden und sich so gar nicht erst aus den Augen zu verlieren, der hat es auch nach dem Auszug der Kinder leichter. Es lohnt sich also, solche Inseln bewusst in den Alltag zu integrieren und sich füreinander zu interessieren – was den anderen beschäftigt, seine Wünsche, Ängste und Träume. Es hilft auch, wenn die Sexualität nicht einschläft, was während der Familienphase nicht selten der Fall ist. Dafür sind Unterstützungssysteme hilfreich, also zum Beispiel Nachbarn, Kinderkrippen oder Grosseltern, die sich mal einen Tag um den Nachwuchs kümmern.

Um Paarzeit muss man sich also konkret bemühen und darf nicht davon ausgehen, dass sie sich automatisch einstellt?

So ist es. Familien müssen in dieser Lebensphase alles planen. Und einige finden dann, dass sie Paarzeit nicht auch noch planen wollen. Aber wenn man sie nicht plant, findet sie nicht statt oder kommt zu kurz. Doch selbst wenn man sich in dieser Zeit aus den Augen verloren hat, heisst das nicht, dass man sich nicht wiederfinden kann. Es braucht einfach mehr Beziehungspflege.

Gelingt das meistens?

Wenn es beide wollen, ja. Manchmal entdecken Partner dabei aber auch nicht das, was sie sich erhofft haben – oder realisieren, dass sie sich sehr stark auseinanderentwickelt haben. Wenn die Kinder das einzige noch Verbindende waren, dann wird es sicher schwieriger. Manchmal ist es im Laufe des Beziehungslebens auch zu Verletzungen gekommen, die einer Wiederannäherung im Weg stehen und erst bewältigt werden müssen. Dann kann eine Paartherapie helfen.

Manchmal realisieren Partner, dass sie sich sehr stark auseinanderentwickelt haben.

Wenn die eine will und der andere nicht, dann besteht kaum Hoffnung?

Ja, das wird dann schwierig. Zum Gelingen einer Beziehung braucht es beide.

Wie oft kommt es durch den Auszug der Kinder zu Krisen? Allenfalls sogar zu Trennungen?

Generell gibts eher weniger Krisen als früher. Einige Untersuchungen kommen sogar zum Schluss, dass sich die Ehezufriedenheit nach dem Auszug der Kinder verbessert, weil Stress und Meinungsverschiedenheiten im Umgang mit dem Nachwuchs wegfallen.

Wer kommt gut mit der neuen Freiheit klar, wer weniger?

Studien aus den 60er- und 70er-Jahren zeigen, dass der Auszug der Kinder bei den Müttern oft zu einer Lebenskrise führte, weil ihre zentrale Lebensaufgabe quasi zu Ende war. Das findet man heute kaum noch, weil das Leben der Frau aus mehr besteht als Kinder und Haushalt. Dafür leiden die Väter stärker als früher, weil sie heute eine engere Beziehung zu den Kindern haben. Die Mütter hingegen haben weniger Probleme mit dem Loslassen und freuen sich oft sogar auf die nächste Lebensphase. Sie halten aber nach dem Auszug meist einen engeren Kontakt zu ihren Kindern als die Väter. In meiner Praxiserfahrung ist es wirklich sehr individuell, wer wie reagiert. Klar ist nur: Je stärker jemand sein Leben auf die Kinder fokussiert hat, desto schwerer fällt es, die neue Freiheit positiv zu sehen. Auch hier gilt deshalb: Wer schon während der Familienphase soziale Kontakte und Hobbys pflegt, dem fällt der Übergang deutlich leichter.

Erwischt viele in dem Moment die Midlife-Crisis? Die Frage: Und jetzt? Das kann es doch noch nicht gewesen sein?

Das hängt stark von der eigenen Lebensgeschichte und den verfügbaren Ressourcen ab: beispielsweise Fähigkeiten, soziale Kontakte, materielle Sicherheiten. Und es spielen natürlich noch andere Faktoren rein als nur der Auszug der Kinder, wie Krankheiten und Tod der eigenen Eltern, Jobsituation, das verstärkte Wahrnehmen des Alterungsprozesses. Oft ist es aber auch ein Alter, in dem man anfangen kann zu ernten, was man bisher erreicht hat.

Es kann eine gute Gelegenheit sein, nochmals etwas zu wagen, ein gemeinsames Projekt anzugehen, Träume zu verwirklichen oder sich sozial zu engagieren.

Ist es ein guter Moment, um lang gehegte Ideen und Träume umzusetzen? Um nochmals ein Risiko einzugehen, nochmals ganz neu anzufangen?

Das hängt stark von der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben ab. Es kann eine gute Gelegenheit sein, nochmals etwas zu wagen, ein gemeinsames Projekt anzugehen, Träume zu verwirklichen oder sich sozial zu engagieren. Das geschieht auch dann, wenn man merkt, dass man mit 50 oder 55 noch zu jung ist, um sich einfach nur aufs Alter vorzubereiten. Beispielsweise steigen Frauen, die bisher auf die Familie fokussiert waren, wieder in ihren alten Beruf ein oder machen nochmals eine neue Ausbildung. Im Hintergrund steht oft die Frage: Was gibt meinem Leben Sinn? In diesem Lebensabschnitt sucht man vermehrt eine Antwort darauf und handelt danach.

Wie hoch ist die Zufriedenheit mit dieser neuen Lebensphase?

Insgesamt wächst die Zufriedenheit mit zunehmendem Alter. Die anspruchsvollste Lebensphase ist die Familienzeit, insbesondere nach der Geburt des zweiten Kindes. Das wird zwar auch als schön und erfüllend erlebt, aber die Belastung ist hoch. Die Zeit danach wird deshalb von vielen als positiv empfunden, was natürlich auch daran liegt, dass heute mehr Menschen gesund und finanziell gut situiert sind als früher. Ein schwieriger Moment ist dann oft noch der Ausstieg aus dem Arbeitsleben, darunter leiden vor allem Männer.

Insgesamt wächst die Zufriedenheit mit zunehmendem Alter.

Machen viele weiter wie bisher, einfach ohne Kinder? Oder geht das gar nicht?

Bei Paaren in der klassischen Rollenverteilung kommt es vor, dass der beruflich schon bisher stark eingespannte Mann gern einfach so weitermachen würde wie bisher. Das kann funktionieren oder auch nicht, je nachdem wie die beiden als Paar damit umgehen. Die Herausforderung kommt dann spätestens mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben. Das ist dann der nächste Lebensabschnitt, in dem man das Altern stärker zu spüren beginnt. Und auch der kann mehr als 20 Jahre dauern.

Gibt es eigentlich einen vergleichbaren Zäsurmoment für Paare ohne Kinder in der Mitte des Lebens?

Nur bedingt, denn die Ablösung von den eigenen Kindern entfällt. Solche Paare setzen sich oft schon früher mit der Frage auseinander, wie sie ihrem Leben einen Sinn geben sollen – gerade weil sie keine Kinder haben. Ansonsten sind sie mit den gleichen altersgemässen Entwicklungsthemen konfrontiert wie Elternpaare.

Autor: Ralf Kaminski