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25. März 2013

Insel der Gelassenheit

Grüne Reisterrassen, traumhafte Strände, Tempel an allen Ecken und überall freundliche, entspannte Menschen: Das ist Bali. Monica Peter und Roman Gerber haben ihren Traum verwirklicht und leben auf der indonesischen Insel.

Insel der Gelassenheit
Mit den kilometerlangen Stränden und dem wellenreichen Meer ist Bali ein Mekka für Surfer.
Ein Komodowaran
Ein Komodowaran

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Dunkel ist es, die Luft warm und feucht. Menschen schwatzen, kichern. Leuchtreklamen erhellen die Nacht, auf der Strasse wird gehupt, und die Motoren kleiner Töffs heulen auf. Wir sitzen in Roman Gerbers Balcony-Restaurant in Kuta, das — wie in Bali üblich — offene Fenster hat, also eine gedeckte Veranda ist.

«Als ich erstmals hierherkam, gab es nichts als Palmen und Strand. Es waren Hippies da und Surfer. Hotels gab es keine, man übernachtete in Gästezimmern», erzählt der Hausherr. Der Thuner war 1974 zum ersten Mal in Bali, inzwischen lebt er seit 35 Jahren auf der Insel, ist Indonesier geworden und dreifacher Grossvater, Hotelier und Gastronom. Da, wo einst ein Palmenwald stand, liegt heute die Stadt Kuta, die ­voller Touristen und Angebote für sie ist: Bars, Restaurants, Läden, Diskotheken.

Die Touristen kehrten nach den Anschlägen zurück nach Bali

Der Thuner Roman Gerber besitzt den indonesischen Pass. Seit 35 Jahren lebt er im balinesischen Kuta,wo er ein Surfer-Hotel führt.
Der Thuner Roman Gerber besitzt den indonesischen Pass. Seit 35 Jahren lebt er im balinesischen Kuta,wo er ein Surfer-Hotel führt.

Der 63-Jährige erzählt mit leiser Stimme seine Geschichte auf Bali. Bald nach seinem ersten Besuch auf der Insel begann der gelernte Maschinenmechaniker, indonesische Stoffe in die Schweiz zu importieren: Batikmuster, wie sie die Hippies liebten. Er liess sich in Bali nieder, heiratete eine einheimische Frau. Man gründete eine Familie und bald eine Fabrik, um selbst Kleider zu produzieren, beschäftigte bis zu 60 Näherinnen. Ende der 80er-Jahre eröffnete Gerber dann sein erstes Restaurant. «Ich hatte keine Ahnung von Gastronomie», sagt er. Entsprechend harzig war der Beginn, und weil er die Fabrik vernachlässigte, ging diese «den Bach runter». Als sein Hotel Un’s 1991 im Rohbau stand, brach der Erste Golfkrieg aus — und der Tourismus zusammen. Gerbers Projekt überlebte, weil er den Bau nicht mit Krediten, sondern aus Eigenmitteln finanziert hatte. Bald aber besuchten die Westler Bali wieder — so zahlreich wie nie zuvor. Bis im Oktober 2002: Da tötete ein Bombenanschlag vor der Diskothek Sari über 200 Menschen. Gerbers Hotel liegt ganz in der Nähe. «Alle Gäste reisten ab. Im Hotel waren nur noch zwei Zimmer besetzt», erinnert er sich. Als es drei Jahre später endlich wieder aufwärtsging, folgten weitere Attentate. Manche gaben Kuta Beach keine Chance mehr. Gerber schon. Für wenig Geld kaufte er Land. 2011 reisten rund 2,8 Millionen Touristen nach Bali — mehr als doppelt so viele wie vor den Anschlägen. Entsprechend sind die Grundstückspreise gestiegen.

Kuta Beach, dieser endlose Sandstrand, vor dem sich die Wellen brechen, ist ein beliebter Surfspot. Nicht weit davon entfernt liegt Gerbers Hotel. Es ist der Ort, wo die Surfer logieren. Das hat viel mit dem braungebrannten jungen Mann zu tun, der an unseren Tisch kommt. «Mein Sohn Marlon», stellt ihn Gerber vor. Marlon ist Profisurfer.

Tänzerin in einem traditionellen Barong-Theater
Tänzerin in einem traditionellen Barong-Theater.

Surfbretter zieren auch die Restaurantwände. Zahllose Fotos hängen da, auf denen gut gebaute junge Männer zu sehen sind, wie sie tollkühn auf Wellen reiten. Stars wie Kelly Slater oder der verstorbene Andy Irons — alles Freunde und Bekannte von Marlon.

Geführt wird das Restaurant von Gerbers älterer Tochter, die mit einem Ex-Profisurfer verheiratet ist. «Wir betreiben ein Familiengeschäft», sagt Gerber. Er erzählt, wie er sich von der jungen Generation zu einem neuen Vorhaben hat inspirieren lassen: einem Resort an der Südküste der Nachbarinsel Java. «Die Wellen dort seien Weltklasse, sagen meine Surfer», erzählt Gerber.

Ein typisches Strassenbild auf Bali: Das Leben spielt sich im Freien ab.
Ein typisches Strassenbild auf Bali: Das Leben spielt sich im Freien ab.

Er sieht aus, wie einer, der sich gerne draussen bewegt: drahtige Gestalt, ledrige Haut. Roman Gerber ist eher Bergler als Surfer. Seine Leidenschaft sind die Vulkane. Allein 50 Mal hat er den ­Gunung Agung bestiegen, den mit 3142 Metern höchsten Gipfel Balis. «Das ist der Schweizer in mir», sagt der gebürtige Berner Oberländer — und empfiehlt weniger geübten Berggängern, den weniger hohen Gunung Batur zu besteigen.

Die Reise geht nach Kintamani im Nordosten der Insel. Hier findet man sich am Rand eines riesigen Kraters wieder, in dem ein See glitzert, aus dem sich wiederum ein Vulkan erhebt, dessen Spitze von Wolken vernebelt ist: der Gunung Batur. Mit einem Führer ist er in zwei Stunden zu Fuss erreichbar, am besten frühmorgens, um bei Sonnenaufgang und klarer Sicht auf dem Gipfel zu sein.

Farbenprächtige Zeremonien, Opfergaben für die Götter

Traditionelles Gamelan-Orchester auf Bali.
Traditionelles Gamelan-Orchester auf Bali.

Kintamani ist touristisch, auf der Fahrt dorthin durchquert man aber das alltägliche, ländliche Bali. Man sieht grüne Reisfelder, in denen bunte Fahnen wehen, welche die Vögel vertreiben sollen, Büffel, die angebunden auf Wiesen grasen. In jeder Häusergruppe steht mindestens ein mit Fabelwesen verzierter Tempel — die Balinesen sind zu 90 Prozent Hindus. An Strassenrändern, vor Hauseingängen und bei Geschäften liegen Opfergaben: Schälchen mit Blumen und Esswaren. Am Boden jene für die bösen, erhöht jene für die guten Geister. An der Route liegt auch der Tirta-Empul-Tempel mit dem heiligen Wasser. Und immer wieder begegnet man Zeremo- nien: mit farbig leuchtenden Gewändern festlich herausgeputzten Menschen.

«Diese Zeremonien sind irrsinnig schön, und die Farben hauen mich heute noch um», sagt Monica Peter. Vor zehn Jahren weilte die Zürcherin erstmals auf Bali und stellte fest: «Ich fühle mich hier wie zu Hause — als hätte ich immer hier gewohnt.»

Monica Peter war begeistert von der Exotik der hinduistischen Kultur. Sie war beeindruckt davon, dass die Leute «immer happy sind — zumindest vermitteln sie diesen Eindruck». Sie suchte nach Möglichkeiten, regelmässig auf die Insel zu reisen, und begann, Möbel und Accessoires in die Schweiz zu importieren. Sie verkaufte ihre Eventagentur und eröffete einen Laden für balinesische Accessoires. Vor vier Jahren zog sie definitiv nach Bali.

Monica Peter aus Zürich liebt das balinesische Handwerk. Seit vier Jahren wohnt sie in Bali und sucht für westliche Kunden Einrichtungsobjekte.
Monica Peter aus Zürich liebt das balinesische Handwerk. Seit vier Jahren wohnt sie in Bali und sucht für westliche Kunden Einrichtungsobjekte.

Die 47-jährige, gross gewachsene Frau arbeitet hier als Sourcing Manager: Sie sucht Möbel und Wohnaccessoires für Grosskunden wie Globus und Manor, Inneneinrichter und Private. My Home heisst ihre Firma. Die Chefin empfängt uns in ihrem Wohnzimmer, das zugleich Showroom ist: Holzlampen stehen herum, ein Sonnenschirmständer aus Kalk in Form eines Elefanten ist zu sehen, getrocknete und golden ausgemalte Schalen von Baumwoll- und Lotusblüten liegen am Boden. «Ich liebe es, selbst Objekte zu entwickeln», sagt Monica Peter. Bald will sie mit ihrer eigenen Marke starten. Sie zeigt uns verschiedene Varianten eines geflochtenen Korbes; sie ist auf der Suche nach der perfekten Form.

«Wer stresst, macht Zweiter – dann lächeln sie dich einfach an»

Im Tirta-Empul-Tempel im Inselinnern reinigen die Gläubigen Geist und Körper mit heiligem Quellwasser.
Im Tirta-Empul-Tempel im Inselinnern reinigen die Gläubigen Geist und Körper mit heiligem Quellwasser.

Handwerk hat auf Bali Tradition. Produkte wie die Körbe sind Gemeinschaftswerke ganzer Dörfer, die wie Genossenschaften funktionieren. Die Techniken werden von Generation zu Generation weitergegeben. Vielerorts werden Holz- und Steinskulpturen an Strassenrändern zum Verkauf angeboten — alles Handarbeit. «Maschinen wären viel zu teuer», sagt Monica Peter.

Der Thuner Roman Gerber besitzt den indonesischen Pass. Seit 35 Jahren lebt er im balinesischen Kuta,wo er ein Surfer-Hotel führt.
Der Thuner Roman Gerber besitzt den indonesischen Pass. Seit 35 Jahren lebt er im balinesischen Kuta,wo er ein Surfer-Hotel führt.

«Die Menschen hier sind unglaublich kreativ, es ist wunderbar, mit ihnen zusammenzuarbeiten.» Sie seien gelassen, was sehr angenehm ist, aber auch anstrengend sein könne. Etwa dann, wenn sich eine Lieferung nach dem Motto «wenn nicht heute, dann morgen» verspätet. Oder wenn ein Objekt anders als besprochen eintrifft. Da müsse man ebenfalls Gelassenheit zeigen, sagt Monica Peter. «Wer stresst, macht Zweiter. Dann lächeln sie dich einfach an.» Unterstützung erhält sie von ihrem Mann Dewa Artawan, den sie auf Bali kennengelernt hat. Er kümmert sich um die Kommunikation mit den Leuten in den Dörfern. Monica Peter spricht zwar Indonesisch, nicht aber Balinesisch, die Sprache der Einheimischen.

Bali ist eine der vielen Inseln Südostasiens, die zu Indonesien gehören. Sie liegt neben der Hauptinsel Java im Indischen Ozean
Bali ist eine der vielen Inseln Südostasiens, die zu Indonesien gehören. Sie liegt neben der Hauptinsel Java im Indischen Ozean.

Das Paar lebt zurzeit im schicken Seminyak neben Kuta, denn Südbali ist das Handelszentrum für Handwerkskunst. Doch ihre Sehnsucht nach dem Inselinnern, der Heimat von Dewa Artawan, ist gross. Pendeln geht in Bali nicht, trotz kleiner Distanzen: Die Strassen sind jeden Tag verstopft. Doch die beiden haben vor, in der Stadt Ubud ein Haus zu bauen. «Dort ist Bali noch ursprünglicher. Es ist grün, man hört die Frösche quaken und die Grillen zirpen», sagt sie.

Die Insel begeistert an vielen Orten mit ihren sattgrünen Reisfeldern. Am schönsten sind sie in der Region Gianyar, wo ihr Mann herkommt, findet Monica Peter. «Vor den Hängen des Vulkans Gunung Agung durch die Reisfelder zu spazieren, ist wunderbar», schwärmt sie.

Diese Reise wurde ermöglicht durch das indonesische Tourismusministerium.

Autor: Michael Lütscher

Fotograf: Tanja Demarmels