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02. Juni 2014

Insalata tricolore

Bänz Friedli ärgert sich darüber, unverbesserlich zu sein. Hören Sie an dieser Stelle die MP3-Version der neuen Hausmann-Kolumne und diskutieren Sie beim aktuellen Thema mit.

Wüste Szenen in Bern rund um den Cupfinal. Schlachtenbummler – welch Wort! – beider Klubs benehmen sich so unflätig, dass die Stadtregierung nie mehr etwas von einem Final wissen will. Noch schlimmer in Rom, vor dem Endspiel zur Coppa Italia: Messer, Strassenkämpfe, Schiessereien, ein Matchbesucher wird lebensgefährlich verletzt, ein landesweit bekannter Verbrecher erzwingt als Sprecher der Neapolitaner Fankurve eine Verschiebung des Spiels um fast eine Stunde. Und wir schütteln vor dem TV den Kopf. Der Präsident von Bayern München? Hinterzog zig Millionen Steuern.

«Sie könnte einem vergehen, die Freude am Fussball.»
«Sie könnte einem vergehen, die Freude am Fussball.»

Krawalle in Bremen und Hamburg, Schägereien und Steinwürfe verfeindeter Fans im Stadion von Kinshasa – die Polizei sprüht Tränengas, Panik bricht aus, 15 Menschen sterben. All diese Nachrichten stammen aus den letzten Wochen. Und einige Anhänger des Schweizer Meisters feiern den Titel mit Nazigruss und tätlichen Angriffen auf Fans des unterlegenen Teams. «Ach», nimmt ein Spieler der Siegermannschaft die Randalierer hernach in Schutz, «die wollten doch nur ihrer Freude Ausdruck geben.»

Sie könnte einem vergehen, die Freude am Fussball, ob solcher Meldungen. Und doch werde ich es mir zum WM-Start vor dem Fernseher gemütlich machen. Werde ich versuchen, nicht an die Mauscheleien im Weltverband zu denken, wo Schiebung scheints gängig ist: Die eine WM-Endrunde wird dem russischen Despoten Putin zugesprochen, die nächste dann einem Unrechtsstaat am Golf, Katar, wo bereits Hunderte der miserabel bezahlten Arbeiter beim Bau irrwitziger Stadien ums Leben gekommen sind – von Gerüsten gestürzt, bei sengender Hitze an Herzversagen gestorben, verhungert gar.

Und die WM, die ansteht? Nicht auszudenken, was geschieht, wenn die Proteste brasilianischer Bürger ausser Kontrolle geraten, die fordern, ihre Behörden sollten sich gescheiter um Spitäler, Schulen und die Bekämpfung der Armut kümmern als ums Fussballbusiness …

Wenn die Läden jetzt voller Grillgut sind und voller Landesfähnchen aller Couleur, wenn das Radio nur noch Samba spielt, wenn Bier und Flachbildschirme zu Aktionspreisen feilgeboten werden und mir dieser Shaqiri in Lebendgrösse an jeder Ecke entgegengrinst – ist es da nicht bekümmerlich, dass die Hauptsponsorin unserer Kicker, eine Grossbank, soeben zu einer Busse von 2,8 Milliarden Dollar wegen systematischer Betrugsbeihilfe verdonnert wurde? Dennoch werde ich mit diesem Shaqiri fiebern, werde ich am 14. Juni, um der italienischen Trikolore willen, ein Tomaten-Mozzarella-Salätli mit Basilikum garnieren und weiss ich schon heute, dass ich in der Nacht auf den 17. Juni in meinem USA-Dress lange wach bleiben werde.

Denn wir Fussballfans sind Verdränger, Nostalgiker, ewige Kinder. Wir haben früh gelernt, Unliebsames auszublenden. Die Geldgeber des Vereins, mit dem wir leiden, waren oft genug zwielichtige Gestalten. Und schon 1978 schauten wir zu, wie ein blutiges Regime, das argentinische, sich mit dem Weltmeistertitel schmückte. Haben wir deshalb aufgehört, Panini zu sammeln? Nur einer findet das alles albern: unser Sohn. Er wird sich, wenn spätestens ab den Halbfinals auch meine Frau interessiert mitschaut, noch immer in sein Zimmer verziehen, zeichnen, ein Comic lesen oder sich am Laptop Videos verrückter Bastler anschauen. Während des Finals wird Hans vermutlich lieber draussen skateboarden. Und wissen Sie, was? Ich finde das so was von cool!

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, wie viel Anna Luma vom WM-Fieber mitbekommt. Zum Blog

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Bänz Friedli live:5.6. Davos-Platz, 11.6. Rikon ZH

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli