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26. Mai 2014

Innig verbunden

Vor acht Jahren hat Esther Maurer ihrem besten Freund Thomas Hunziker eine Niere gespendet. Den Entscheid bereut sie bis heute nicht. Die beiden sind immer noch eng befreundet und besitzen zusammen eine Weinhandlung. Rechts finden Sie das grosse Porträt der beiden von 2006 im Migros-Magazin («Neues Leben dank neuer Niere»).

Esther Maurer und Thomas Hunziker
Esther Maurer und Thomas Hunziker in ihrer Weinhandlung in Affoltern am Albis.

Zur Begrüssung gibts einen Schmatz auf den Mund. Hier kommen zwei Freunde zusammen, die sich einst im Fami­lienclub von Affoltern am Albis ZH kennengelernt haben, und zugleich zwei Geschäftspartner, die seit 15 Jahren zusammen eine Weinhandlung betreiben. Doch die beiden verbindet noch mehr als das: Esther Maurer (55) hat Thomas Hunziker (58) eine Niere gespendet. Thomas Hunziker leidet an der Erbkrankheit Zystennieren. Diese Wucherungen führen zu Nierenversagen und Dialysepflicht (Blutwäsche), rund 12 000 Personen in der Schweiz sind betroffen. Der Arzt riet Thomas Hunziker in seinem 48. Lebensjahr, er solle sich um eine Spenderniere bemühen. Die Alternative: drei Mal pro Woche Dialyse.

Drei Jahre später lag sein Kreatininwert bei 850. Konkret hiess das: Seine Nieren arbeiteten nicht mehr. Thomas Hunziker schlief 14 Stunden täglich, hatte Mühe zu atmen. Eine Spenderniere musste her. Thomas Hunziker fragte Esther Maurer, ob sie einen hohen Blutdruck habe. Hatte sie nicht, damit kam sie als Spenderin in Frage. Doch was, wenn Sohn Raphael (34) oder Tochter Sabrina (32) einmal eine Spenderniere benötigen sollten? Raphael ist ein Draufgänger, fährt Autorennen. Beide Kinder haben jedoch eine andere Blutgruppe – Esther Maurer kam als Spenderin nicht in Frage. So beschloss sie, ihrem besten Freund eine ihrer Nieren zu spenden.

Die Tochter hat den Schritt ihrer Mutter akzeptiert, während der Sohn noch immer nichts von der Sache wissen will. Mittlerweile klammert Esther Maurer dieses Thema vor ihrem Sohn aus. Den Entscheid, ihrem besten Freund die Niere zu spenden, bereut sie bis heute nicht. Schön sei die Operation aber nicht gewesen. «Ich wurde von den Schmerzen überrollt. Zum Glück wusste ich nicht, dass es so wehtut.» Nebenwirkungen hat sie nie gross gespürt. Nur ans regelmässige Wassertrinken muss sie sich ab und zu noch erinnern, und beim Bergauflaufen merkt sie ein Ziehen in der Bauchgegend.

Eine Sache würde sie heute anders machen: sich nach der Operation schonen. Zu sehr war sie zu jener Zeit in ein Bauprojekt mit ihrem damaligen Partner involviert, überanstrengte sich schon kurz nach dem Eingriff. Ihre Narbe platzte wieder auf, ist bis heute nicht schön verheilt. Ein Mal im Jahr bekommt sie nun ein Päckchen vom Unispital zugeschickt, mit dem sie zur Hausärztin geht und ihre Nierenwerte kontrollieren lässt. Abgesehen davon, dass ihr Blutdruck einmal zu hoch war, war bisher immer alles in Ordnung.

Bei Thomas Hunziker hingegen lief seit der Operation nicht alles rosig. Im ersten Jahr nach der OP ging es ihm gut. Dann kam die erste Abstossung. Er musste hoch dosiertes Cortison nehmen, legte innerhalb von 24 Stunden acht Kilogramm zu. Die zweite Abstossung geschah vor einem Jahr. Er musste erneut hohe Dosen Cortison schlucken, geht vier Mal jährlich zur Untersuchung. «Ich bin dem Teufel mehrmals vom Karren gefallen», sagt er.

«Es gibt immer solche, denen es noch schlechter geht»

Er knöpft sein Hemd auf und streicht über «seinen Reissverschluss», eine ­ 30 cm lange Narbe am unteren Bauch. Drei Mal wurde der Reissverschluss seit der Nierentransplantation im Januar 2006 wieder auf- und zugemacht: Als seine Zystennieren entfernt wurden, dann eine Herz-OP und vor einem Jahr der Narbenbruch, bei dem der Darm eingeklemmt wurde. Thomas Hunzikers Gesicht ist aufgedunsen, sein Bauch rundlich. Das alles wegen der Medikamente: Immunsuppressiva und Cortison haben zu Wassereinlagerungen im ganzen Körper geführt.

Doch trotz aller Rückschläge ist Thomas Hunziker ein Stehaufmännchen. «Mein Glas ist stets halb voll oder voll. Es gibt immer solche, denen es noch schlechter geht.» Er berät andere Transplantationspatienten, arbeitet in einer 100-Prozent-Stelle auf dem Tiefbauamt in Obfelden ZH, zudem amtiert er als Schulpräsident des Schulzweckverbands Affoltern. Ab und zu hilft er auch in der gemeinsamen Weinhandlung aus. Weniger arbeiten kommt für ihn nicht in Frage. «Ich habe schon auf 140 Prozent zurückgeschraubt. Vorher war ich noch Ortsparteipräsident der FDP.» Ein Mal im Jahr, zum Transplantationsjubiläum, kocht Thomas Hunziker für seine Freundin ein Fünf-Gang-Menü.

Die Freundschaft der beiden hat sich durch die Nierenspende nicht verändert. Obwohl Esther Maurer manchmal schon das Gefühl hat, dass Thomas Hunziker ihr in der Weinhandlung jetzt den einen oder anderen Gefallen tut, den er ihr sonst ausgeschlagen hätte. Nur ein Mal hat Esther Maurer ihm um die Ohren gehauen, dass er gefälligst dankbar sein solle. Im Nachhinein tut ihr das leid. «Bei uns knallen öfters die Türen. Wir sind wie ein Ehepaar, da geht es auch nicht immer harmonisch zu und her.»

Autor: Silja Kornacher