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19. Oktober 2015

Den Sommer verlängern in Zypern

Die drittgrösste Mittelmeerinsel hat drei warme Jahreszeiten. Doch Zypern hat viel mehr zu bieten als nur Badeferien, meint der ehemalige Berner Radprofi Thomas Wegmüller, der hier eine Radsportstation betreibt.

Zypern
Zypern hat mehr als nur Badeferien zu bieten.

Der Wind pfeift über die Klippen, die Sonne taucht langsam am Horizont ab, das Meer funkelt silberblau. Thomas Wegmüller (55) sitzt auf einem Felsen, schaut den Schafen beim Grasen zu und lächelt versonnen. Die Pissouri Heights, hoch über Pissouri, sind sein Kraftort, hier lässt er am liebsten seinen Tag ausklingen.

Seit gut 20 Jahren lebt der ehemalige Radprofi aus Bern auf Zypern. Er ist gekommen, um für einen Reiseveranstalter attraktive Velorouten zu entdecken – und ist geblieben, weil er viel mehr als das gefunden hat. In Captain’s Bay, einer luftigen Taverne am Strand von Pissouri, schwärmt er von Velorouten, auf denen er stundenlang keinem Auto begegnet, der vielfältigen Fauna und Flora, der Gastfreundschaft der Zyprioten, dem reichen kulturellen und kulinarischen Erbe der Insel. «Zypern ist keine Massendestination für Veloferien, Zypern ist eine Perle», sagt er.

Auf Zypern können Velofahrer stundenlang keinem Auto begegnen.
Auf Zypern können Velofahrer stundenlang keinem Auto begegnen.

Nach vielen Stationen auf der drittgrössten Insel des Mittelmeers betreibt Thomas Wegmüller nun eine Radsportstation in der ruhigen Pissouri Bay. Unter den fast 100 Rädern, die er vermietet, hat es top BMC-Rennvelos und -Mountainbikes sowie einige E- und auch Kinder-Bikes. Jeden Morgen ab 9.30 Uhr tauscht er die beigen Leinen- gegen schwarze Velohosen und nimmt Kunden in Empfang. Einige möchten bloss ein Velo mieten, die meisten aber entscheiden sich für eine Fahrt in der Gruppe mit dem Profi.

Trauben und Feigen – frisch gepflückt

Diese manchmal untrainierten und manchmal ambitionierten Fahrer so zu leiten, dass alle auf ihre Kosten kommen, fasziniert ihn. «Jede Tour ist wie ein Musikstück, das ich während der Fahrt komponiere.» Gerne pflückt er unterwegs für seine Gruppe wilde Trauben oder Feigen, zeigt ihnen abgelegene Buchten, wo sie sich abkühlen können, und nimmt sie mit in seine liebsten Tavernen. Wegmüller spricht etwas Zypriotisch, ist bestens vernetzt mit den Einheimischen und wird an viele Hochzeiten eingeladen. «Ich tanze sehr gern Sirtaki, zumindest meine Version davon.»

Auch wenn 77 Prozent der Inselbewohner Griechisch sprechen, ist Zypern nicht Griechenland. Der Dialekt der Zyprioten ist für die Griechen in etwa so verständlich wie Walliserdeutsch für einen Berliner. Da viele Mächte die strategisch gut gelegene Insel in ihrer 9000-jährigen Geschichte besetzt hatten, sind neben antiken griechischen Tempeln ebenso römische Theater, frühchristliche Basiliken, byzantinische Kirchen, Moscheen aus der osmanischen Zeit sowie venezianische Festungsanlagen zu sehen. In Zypern gilt Linksverkehr – ein Erbe aus der Zeit, als Zypern eine britische Kolonie war.

Die Vielfalt der Meze auf Zypern ist köstlich.
Die Vielfalt der Meze auf Zypern ist köstlich.

Besonders genussvoll kommen die vielfältigen Kultureinflüsse auf dem Teller zur Geltung. Wer Meze bestellt, kriegt etwa 30 kleine Gerichte aufgetischt, die sich je nach Region und Lokal unterscheiden: Tzatziki, Auberginensalat, gefüllte Weinblätter, Artischockenherzen, Zucchiniblüten, Halloumi, mit Feta gefüllte Blätterteigtaschen, Humus, Taboulé, marinierter Oktopus, frittierte Fischchen, Hackfleischbällchen, Schweinefleisch-Spiesschen, Lammkoteletts, Bratkartoffeln.

500 Rosen für einen Tropfen Öl

Immer mehr Touristen verbringen auch einen Tag in Nikosia, der einzigen noch existierenden geteilten Stadt der Welt. Die Grüne Linie, die den von der Türkei besetzten nördlichen Teil vom südlichen freien griechischen Teil der Insel trennt, ist rund 200 Kilometer lang und verläuft mitten durch die Hauptstadt. Touristen, die an der Ledrastrasse in internationalen Geschäften shoppen, landen unvermittelt bei der UN-Pufferzone. Manche schauen sich kurz die türkische Seite der Strasse an. Sie ist von vielen leeren Ladenlokalen gesäumt. Ein Spaziergang durch das Quartier Chrysaliniotissa nahe der Grünen Linie auf der griechischen Seite lohnt sich hingegen: Nach der türkischen Invasion 1974 war das Gebiet lange verlassen. In den vergangenen Jahren wurde viel investiert, um wieder Leben in die pittoresken Gässchen zu bringen. Im Crafts Centre kann man Künstlern zuschauen, wie sie Ledertaschen fertigen oder Ikonen malen. In der Nähe findet sich die älteste byzantinische Kirche von Nikosia, 1450 erbaut.

Die Grenze zwischen griechischem und türkischem Teil verläuft mitten durch Nikosia.
Die Grenze zwischen griechischem und türkischem Teil verläuft mitten durch Nikosia.

Während Nikosia die türkische Besetzung von rund einem Drittel der Mittelmeerinsel Zypern sichtbar macht, ruft Lefkara eine längst vergangene Besetzung in Erinnerung. Das idyllische Bergdorf im Süden des Troodos-Gebirges ist berühmt für seine Spitzen und Stickereien.

An den beiden Hauptstrassen befindet sich in fast jedem Haus ein Souvenirladen. Davor sitzen grauhaarige Frauen mit gesenktem Kopf. Sie sticken, sticken, sticken. «Heute lohnt sich unser Handwerk nicht mehr», sagt Ploutarchia Constantinou. Eine Woche arbeite sie an einem Spitzen-Deckeli. Niemand sei mehr bereit, dafür mehr als 50 Euro zu bezahlen. Die Billigware aus Taiwan habe das Geschäft zerstört.

Insel der Aphrodite

Dafür floriert das Geschäft 60 Kilometer weiter im Troodos-Gebirge. Der Weg dorthin führt vorbei an mächtigen Eichen, Kiefern, Pinien, Mandelbäumen, Pfirsich-, Pflaumen- und Mirabellenplantagen. Im Rosendorf Agros baut die Familie Tsolakis in dritter Generation Damaszener-Rosen an. Anfang Mai beginnt die Ernte der kostbaren Blüten. Sie werden in einem Kupferkessel mit Dampf destilliert. Um nur einen Tropfen ätherischen Rosenöls zu gewinnen, braucht es 500 Rosen. Als Nebenprodukt entsteht Rosenwasser.

Die Familie Tsolaki produziert vor Ort auch Tages- und Nachtcrèmes, Gesichtsmasken, Körperlotionen, Kerzen, Konfitüre und Tee aus Rosen. Das Thema Schönheit ist in Zypern allgegenwärtig, soll doch Aphrodite östlich von Paphos den Wellen des Mittelmeers entstiegen sein. Die Legende besagt: Wer bei Vollmond sieben Mal gegen den Uhrzeigersinn um den Felsen Petra tou Romiou schwimmt, der sieht nachher sieben Jahre jünger aus. Das lockt viele: In sommerlichen Vollmondnächten geht es am Aphrodite-Felsen zu wie in der Badi.

In Zyperns westlichem Zipfel, auf der Halbinsel Akamas, befindet sich das Bad der Aphrodite. Hier soll sich die Göttin der Liebe und Schönheit mit Adonis vergnügt haben. Von der kleinen Grotte aus starten grossartige Wanderungen im Naturschutzgebiet. Hier wachsen rund 600 Pflanzenarten, darunter wilde Orchideen, Alpenveilchen, Johannisbrot- und Eukalyptusbäume. Am abgelegenen Strand von Lara legen Meeresschildkröten ihre Eier.

Jungbrunnen: Wer sieben Mal um den FElsen Petra tou Romiou (hinten Mitte) schwimmt, soll danach sieben Jahre jünger aussehen.
Jungbrunnen: Wer sieben Mal um den FElsen Petra tou Romiou (hinten Mitte) schwimmt, soll danach sieben Jahre jünger aussehen.

Der Blick auf die mit Kiefern bewachsenen Klippen, die steil ins türkisfarbene Meer abfallen, ist besonders spektakulär. Das wunderschön gelegene 5-Sterne-Hotel Anassa grenzt unmittelbar ans Naturschutzgebiet.

Fast zweieinhalb Millionen Touristinnen und Touristen besuchten Zypern im vergange­nen Jahr, davon fast 50 000 Schweizer. Die Insel ist besonders beliebt bei Engländern, Deutschen und Russen.

Die meisten peilen die heisseste Zeit im Sommer an. «Schade», findet Thomas Wegmüller, der bis Mitte Dezember täglich im Meer badet. Im November ist das Wasser noch 20 Grad, im Dezember kühlt es auf 18 Grad ab. «Wir haben drei warme Jahreszeiten.

In der Nebensaison ist Zypern am schönsten.» Den Winter verbringt er in Bern – oder in Moskau. Seine Freundin Tatyana Elokhina ist Russin. Kennengelernt haben sie sich natürlich auf einer seiner Velotouren. 

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt von der Fremdenverkehrszentrale Zypern ( www.visitcyprus.com ) und den Thanos Hotels ( www.thanoshotels.com ).

Autor: Monica Müller