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30. Dezember 2013

«In Wirklichkeit bringt die Zukunft keinen Mangel, sondern neue Möglichkeiten»

Zukunftsforscher Matthias Horx über die unsinnige Angst vor dem Umweltkollaps, die Macht der Medien und inwiefern sich seine Gilde von derjenigen der Astrologen und Wahrsager unterscheidet.

Zukunftsforscher Horx im Interview
Zukunftsforscher Horx im Interview

Matthias Horx, das Wohlstandswachstum der Welt generiert Umweltprobleme, und die lösen aktuell viele Ängste aus. Müssen wir uns angesichts von schmelzenden Gletschern, Überfischung und Smogalarm in asiatischen Metropolen nicht tatsächlich Sorgen machen?

99 Prozent der Menschheitsgeschichte hat der Homo sapiens in lebensgefährlichen Umwelten gelebt. Jederzeit konnte das Essen aufgebraucht sein, konnten wir an Infektionen sterben oder konnte der feindliche Nachbarstamm uns angreifen. Deshalb haben wir eine massive Knappheitsangst, und eine immerwährende Fremdenfurcht. Die Frage ist jedoch, ob diese Furcht uns in einer globalen Netzwerkkultur und einer sich ausbreitenden Wohlstandswelt nicht in die Irre führt. Ist Knappheit wirklich das kommende Superproblem? So denken wir instinktiv, aber vielleicht stecken die wahren Probleme ganz woanders. 700 Millionen Menschen haben heute zu wenig Nahrung, aber schon mehr als 1,2 Milliarden leiden an gefährlichem Übergewicht. Die Probleme verschieben sich, und die Modelle, mit denen wir die Zukunft sehen, sind veraltet. Zum Beispiel die Modelle des Club of Rome, dessen Studien in den 70er-Jahren die Umweltbewegung angetrieben haben – aus heutiger Sicht, aus der Warte der systemischen Zukunftsforschung, sind die viel zu simpel. Diese «alte Ökologie» dachte ausschliesslich in Knappheitsmodellen, in geschlossenen Systemen, aber die Welt ist kein geschlossenes System und die Umwelt schon gar nicht.

Aber einige Umweltprobleme sind doch sehr real.

1951 starben in London wegen Smogs 10’000 Personen, das ist gerade mal ein halbes Jahrhundert her. China wird die Umweltprobleme genauso in den Griff bekommen wie wir, sie arbeiten bereits daran. Die Energie, die von der Sonne jeden Tag zur Erde gelangt, ist zehntausendfach mehr, als wir jemals brauchen werden, um die technische Zivilisation aufrechtzuerhalten – jedenfalls wenn wir damit weitermachen, Effizienz und Effektivität zu erhöhen. Das Ende des fossilen Zeitalters ist durchaus gestaltbar, und wir sind längst auf dem Weg. Ähnliches gilt für die «Rohstoffkrise». Die Steinzeit ist auch nicht aus Mangel an Steinen zu Ende gegangen. Wenn ein Rohstoff rarer und folglich teurer wird, entwickelt sich sofort eine Recyclingindustrie; wird er viel teurer, finden wir unter Garantie einen Ersatz. Auch das Bevölkerungswachstum geht seit Längerem zurück, wir werden wohl auf der Erde nie mehr als 10 Milliarden Menschen haben. Und wenn wir aufhören würden, Lebensmittel im Übermass zu verschwenden, könnten wir diese Anzahl Menschen problemlos ernähren. Der Ökonom Julian Simon, der in den 80er-Jahren eine ketzerische Wette gegen die Weltuntergangspropheten des Club of Rome wagte – ich erzähle die Geschichte im Buch – , hat den Begriff der «Füllhorn-Zukunft» geprägt. In Wirklichkeit bringt die Zukunft keinen Mangel, sondern neue Möglichkeiten. Natürlich ist das in unserem Zukunftsdiskurs eine reine Ketzerei – aber eine spannende!

Mit anderen Worten: Solange wir gesellschaftliche Bedingungen schaffen, damit die technologische Kreativität der Menschheit sich weiterhin entfalten kann, müssen wir uns keine grossen Sorgen machen.

Man «muss» sich immer Sorgen machen, denn so ist unser Hirn nun mal geeicht. Aber es gibt gute Argumente, dass wir uns neben Sorgen auch Hoffnungen machen können. Die Technik schreitet voran, und sie verfeinert sich ständig. Neue Technologien allein nützen allerdings nichts, wir müssen auch die sozialen Beziehungen neu gestalten. Denken wir an die «Share-Economy», die neue Ökonomie des Teilens, in der immer mehr Menschen die Nutzung dem Besitz vorziehen. Warum muss in einem Wohlstandsland jeder Einzelne ein Auto haben? Es geht ja nicht um Verzicht, sondern um intelligente Wohlstandskonzepte. Und jeder sollte sich fragen: Wie kann ich als Mensch ein bisschen zum Wohlergehen der Welt beitragen?

Eine grosse Mitschuld beim Verängstigen der Menschen orten Sie bei den Medien, denen Sie vorwerfen, sie hätten die «Krise» als neues Geschäftsmodell entdeckt. Aber gilt das nicht eher für die Boulevard- und Gratismedien, und werden die überhaupt ernst genommen? Ist das nicht auch eher Unterhaltung?

Das mag teilweise so sein. Aber hier sehe ich eine neue Gefahr: Dass die Leser irgendwann gar nichts mehr ernst nehmen – unsere Kinder verhalten sich teilweise ja schon so: Wenn sie über die neueste angebliche Öko-Apokalypse lesen, halten sie das eher für eine Unterhaltungsstory. Sie durchschauen die Medien, aber misstrauen jeglicher Deutung, und irgendwann interessieren sie sich für gar nichts mehr. Ich war ja früher selbst Journalist und habe in der «Zeit» geschrieben, ein Medium der Reflektion und der Debatte. Und mir scheint auch, dass es in der Schweiz noch immer eine Dominanz seriöser Medien gibt. Aber wenn wir mal das Fernsehen betrachten oder auch weite Teile des Webpublishings – das ist schon gruselig, wie da übertrieben, skandalisiert, zugespitzt, gehetzt wird. Wer nicht mit Ängsten spielt, verliert Auflage oder Klickraten. Mir macht also weniger die wirkliche Welt Sorgen als unser mentaler Umgang mit ihr.

Für die Zeit bis 2100 gehen Sie von einer «Zukunft der Kontinuität» aus: also alles wie heute, aber etwas besser und moderner – kein Raumschiff «Enterprise», keine Androiden, keine Apokalypse. Ein sehr entspannter Ansatz.

Den man aber nicht verwechseln darf mit Konfliktfreiheit. Alles kehrt zurück, auch Konflikte oder Nationalismus. Aber es besteht Hoffnung, dass sie in einer nicht ganz so mörderischen Form zurückkehren. Die Erfahrung zeigt, dass die Geschichte sich nicht wiederholt, sondern eher eine Art Schleifenprozess durchmacht. Zum Beispiel die Kriegsgefahr: Heute sterben so wenige Menschen auf dem Planeten an kriegerischen Konflikten wie nie zuvor – obwohl wir einen ganz anderen Eindruck haben. Was heisst das? Gibt es da womöglich eine pazifizierende Macht, die in der Vernetzung des Planeten liegt? Lernen wir dazu? Ich würde das zumindest nicht ausschliessen. Sind Diplomaten und Politiker heute schlauer als Kaiser Wilhelm beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor genau 100 Jahren? Ja! Schon in den 20er-Jahren gab es die Utopie einer Weltregierung. Und so sehr darüber heute gespottet wird, sind wir dem doch ein Stück nähergekommen: Es gibt einen internationalen Gerichtshof, es gibt die Uno – und ihre erstaunlich vielen erfolgreichen Missionen. Leider werden die Erfolge kaum wahrgenommen. Wir registrieren nur, wenn ein Friedenseinsatz scheitert. Wir sollten lernen, mehr auf das Gelingen zu achten.

Was unterscheidet Zukunftsforscher wie Sie von Astrologen und Wahrsagern? Auf welcher Basis machen Sie Ihre Prognosen?

Ich sehe mich als Universalist mit einem Hang zu trockenen, aber spannenden neuen Wissenschaftsdisziplinen: Sozioökonomie, Systemtheorie, Probabilistik, Spieltheorie bis hin zu Evolutionspsychologie, Neurologie und Quantenphysik. Ich versuche, die Erkenntnisse dieser Disziplinen neu zu sortieren und zu kombinieren und sehe mich in der Tradition jener Denker, die versuchen, über ihren Fachbereich hinauszudenken. Das sprengt natürlich das Korsett der akademischen Disziplinen, und deshalb kommt immer der Vorwurf der «Unwissenschaftlichkeit». Aber Wissenschaft muss sich, wie alles andere auch, ändern. Die Ökonomie zum Beispiel galt lange Jahre als «harte» Wissenschaft mit ewigen Wahrheiten. In der Finanzkrise haben wir nun den Salat: Ökonomie ist alles andere als eine exakte Disziplin! Wirtschaft kann man nur verstehen, wenn man auch über Gesellschaft, über Psychologie, über Chaostheorie nachdenkt.