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16. Januar 2012

In guter Gesellschaft alt werden

Die gewohnte Umgebung verlassen, um zusammen mit wildfremden Menschen alt zu werden? Die Bewohner und Bewohnerinnen des Wohnprojekts «in buona compagnia» in Bonaduz GR wollen genau das. Das Migros-Magazin war dabei, als letzten Mai auf der Baustelle noch heftig diskutiert wurde. Als im Juli der Einzug anstand. Und Ende Jahr, als sich die Genossenschafter bereits etwas eingelebt hatten. In einer dreiteiligen Serie berichten wir über das Abenteuer.

Das Experiment von Bonaduz
Augenschein auf der Baustelle: Im Mai 2011 sind die Arbeiten in Bonaduz noch voll im Gang.

Wer in der Schweiz alt wird, tut das in den eigenen vier Wänden. So lange es irgendwie geht. Selbst von den über 80-Jährigen wohnen hierzulande noch 75 Prozent in ihrer angestammten Wohnung. Meist allein in wenig geeigneten Räumlichkeiten.

Genau das wollen die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner der Genossenschaftssiedlung «in buona compagnia» nicht. Sie möchten sich zwar in eine eigene Wohnung zurückziehen können, aber sie wollen auch die Gemeinschaft pflegen. Mit Leuten, die in derselben Lebensphase stecken und das gleiche Ziel vor Augen haben: in guter Gesellschaft älter werden und sich gegenseitig helfen, wenn es denn einmal nötig sein wird.

Rund zwei Dutzend Frauen und Männer im besten Alter stehen im Mai 2011 auf «ihrer» Baustelle im bündnerischen Bonaduz: Hier entstehen zwei Mehrfamilienhäuser im Minergie-P-Standard.

Elf Banken lehnten es ab, 8,6 Millionen zu investieren

«Eigentlich eine Unverfrorenheit», sagt Ruedi Jecklin (62), «zusammen mit Leuten, die man kaum kennt, ein Zwölf-Millionen-Projekt aus dem Boden zu stampfen.» Ruedi Jecklin ist eine der treibenden Kräfte hinter «in buona compagnia». Er wundert sich bisweilen bis heute über seinen Mut. Der bald pensionierte Sekundarlehrer und seine Frau Barbara Buol Jecklin (65) kamen zum Grossprojekt wie die Jungfrau zum Kind. Vor ein paar Jahren machten sich die beiden Gedanken darüber, wie sie im Alter einmal wohnen möchten. Ihre Wohnung in der Altstadt von Chur war nach dem Auszug der Kinder zu gross geworden, die steilen Treppen und der fehlende Lift machten sie zum denkbar ungünstigen Altersdomizil.

Generalversammlung
Generalversammlung der Genossenschaft: Zukünftige Nachbarn üben sich in Einstimmigkeit.

Allein in eine kleinere Wohnung ziehen wollten Jecklins aber auch nicht. So machten sie sich auf die Suche nach Gleichgesinnten, um ihren Traum vom Wohnen im Alter zu realisieren: In einer Wohngemeinschaft, die gleichzeitig Privatsphäre und Gemeinschaft bietet. Gefunden haben sie ihre Mitstreiter durch Infoabende in Chur und eine früh aufgeschaltete Website zum Projekt. In Bonaduz entdeckten sie mitten im Dorf ein Grundstück, das alles bot, was sich Jecklins und ihre Mitstreiter wünschten: Einkaufsmöglichkeiten, Bahnhof und Naherholungsgebiet in nächster Nähe. Die Wagemutigen gründeten eine Genossenschaft, engagierten einen Architekten und versuchten, eine Bank von ihrer Idee zu überzeugen — erfolglos. Erst das zwölfte der angefragten Geldinstitute versprach einen Kredit in der Höhe von 8,6 Millionen Franken. Den Rest brachten Spender und die 35 Genossenschaftsmitglieder im Alter zwischen 50 und 76 Jahren selber auf.

Für François Höpflinger, Bevölkerungssoziologe und Autor des Age-Reports 2009, sind die «in buona compagnia»-Bewohnerinnen und -Bewohner eigentliche Trendsetter. Zwar sei es immer noch ein kleiner Teil der sogenannten Baby-Boomer-Generation, für den gemeinschaftliches Wohnen in Frage käme. Aber: «Es werden mehr.»

Vor allem für gut ausgebildete Frauen und Männer, häufig aus sozialen Berufen, die schon während ihrer Jugendzeit in gemeinschaftlichen Wohnformen gelebt haben, seien solche Projekte attraktiv. «Gewisse Unterstützungsleistungen lassen sich so kostengünstig organisieren, und der Einsamkeit wird entgegengewirkt.»

Tatsächlich ist «in buona compagnia» nur eines von vielen Wohnprojekten, die im Moment überall in der Schweiz entstehen. «Die Individualisierungswelle hat ihren Höhepunkt überschritten», ist Höpflinger überzeugt. «Zwar wird Selbständigkeit immer noch hoch gewichtet, aber die Gemeinschaft gewinnt nicht nur bei älteren Leuten wieder an Stellenwert.»

«Können wir uns abgrenzen?»

Anna Flury Sorgo (51), Psychotherapeutin, und Klaus Sorgo (73), pensionierter Bauingenieur, Hausmann und Autor, Mönchaltorf ZH.Klaus Sorgo: «Bevor ich pensioniert wurde, sagte ich immer: Wenn ich einmal nicht mehr arbeite, ziehe ich in die Berge. Ausserdem wollte ich anders leben, als wir es hier in dieser Eigentumswohnung bisher getan haben: gemeinschaftlicher. Wir lebten schon als junge Familie in einer Hausgemeinschaft und haben damit gute Erfahrungen gemacht. ‹In buona compagnia› kam gerade richtig. Unsere jüngere Tochter ist ausgezogen, und wir sind weniger ortsgebunden. Ich freue mich auf den Umzug, weiss aber auch, wo die Tücken dieser Wohnform liegen: Es wird für mich eine Herausforderung sein, mich genügend abzugrenzen. Schaffe ich es zu sagen: Ich zieh mich jetzt lieber in meine Wohnung zurück?»
Anna Flury Sorgo: «Ich bin noch einige Jahre berufstätig und in einer ganz anderen Situation als mein Mann. Meine Psychotherapiepraxis hat einen wichtigen Stellenwert in meinem Leben, nicht zuletzt, weil ich damit den Lebensunterhalt der Familie bestreite. Daher konnte ich nicht einfach in ein entlegenes Bergdorf ziehen. Für ‹in buona compagnia› konnte ich mich aber sofort begeistern. Chur ist in nächster Nähe. Dort eine Praxis aufzubauen, konnte ich mir vorstellen. Eine Hausgemeinschaft hat für mich einen besonderen Stellenwert. Denn ich muss realistischerweise damit rechnen, im Alter alleine zu sein. Darum ist es mir wichtig, an einem Ort zu leben, an dem ich sozial integriert bin. Ich engagiere mich in der Arbeitsgruppe Innere Organisation und kümmere mich um so profane Dinge wie den Putz- oder Waschplan. Einfach ist das nicht, aber interessant. Wir sind fast 40 Leute mit höchst unterschiedlichen Vorstellungen.»

«Alle fangen bei Null an»

Willy (61) und Doris Moser (60) haben in Flims 25 Jahre lang ein Hotel geführt. «Als Hoteliers fehlte uns die Zeit, Freundschaften zu pflegen oder einem Verein beizutreten. Wir sind also in Flims nicht vernetzt. Die Vorstellung, in irgendeinem Block alt zu werden, in dem wir nicht einmal die Nachbarn kennen, fanden wir grässlich. Darum haben wir uns schon vor längerer Zeit Bücher zum Thema ‹Wohnen im Alter› gekauft. Wir hatten uns eigentlich dafür entschieden, nach Thailand auszuwandern. Als dann just an dem Tag, an dem wir das Wohnprojekt in Thailand besichtigen wollten, politische Unruhen ausbrachen, hatten wir diesen Traum wieder begraben. ‹in buona compagnia› hat uns vor allem wegen der guten Lage überzeugt. Die Häuser stehen mitten im Dorf, und wir könnten sogar auf das Auto verzichten. Was uns auch gefallen hat, ist, dass alle, die einziehen, bei null anfangen. Niemand kennt sich schon lange, alle sind Neulinge und müssen sich erst kennenlernen.
Wir haben uns bereits mit ein paar unserer neuen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner zu einer Wanderung getroffen. Wir hatten ein bisschen Angst davor, weil wir das Gefühl hatten, alle anderen seien Akademiker und wir würden als Büezer etwas abseitsstehen. Die Bedenken waren aber völlig unbegründet. Wir haben uns mit allen sofort gut verstanden. Natürlich wird es auch Leute im Haus haben, mit denen wir das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben, aber die gibt es wohl überall.»

«Uns verbindet das Herzblut»

Elisabeth Röllin in ihrer Alphütte.
Elisabeth Röllin in ihrer Alphütte.

Elisabeth Röllin (63), pensionierte Lehrerin und Heilpädagogin, gönnt sich vor dem Umzug nach Bonaduz eine Auszeit auf der Alp.
«Ich bin ein sehr geselliger Mensch. Nach dem Auszug meiner Kinder und der Scheidung habe ich begonnen, mir über die Zeit nach der Pensionierung Gedanken zu machen. Mir war immer klar, dass ich weder alleine wohnen noch meine Kinder belasten will, falls ich einmal auf Hilfe angewiesen sein sollte. Die Idee, in guter Nachbarschaft zu leben und sich gegenseitig beizustehen, wenn es nötig ist, gefällt mir. Jetzt, wo das Berufsleben zu Ende ist, freue ich mich darauf, mich in diesem Wohnprojekt engagieren zu können.
Ich versuche, meine Energien in einer ersten Phase für eine gute Hauskultur einzusetzen, Fragen zu klären, wie zum Beispiel: Wie gehen wir mit Konflikten um? Wie tauschen wir uns aus, wie treffen wir Entscheidungen? Daneben verspüre ich Lust, Verschiedenes zu organisieren: einen Lesezirkel zum Beispiel, eine Meditationsgruppe oder einen Abend, an dem wir gemeinsam kochen. In diesem Haus kommen so viele gelebte Jahre zusammen, so viele Erfahrungen und Fähigkeiten. Das ist fantastisch. Auch wenn wir alle sehr verschieden sind und unterschiedliche Vorstellungen vom Leben haben, so verbindet uns doch das Herzblut für unser Wohnprojekt. Das habe ich bei jeder Begegnung mit meinen zukünftigen Nachbarinnen und Nachbarn gespürt.»

«Ich gebe mir ein Jahr Zeit»

Marianne Fink (62), Ethnologin, hat lange im indischen Himalaya gelebt. Jetzt wohnt sie in Zürich. «Vorletzten Sommer zeigte mir eine gute Freundin Chur. Ich wusste sofort, dass ich nach meiner Pensionierung in die Nähe dieser Stadt ziehen möchte. Als ich dann auf ein Inserat von ‹in buona compagnia› stiess, war ich begeistert. Dieses Projekt vereinigt alles, was ich mir wünsche: gemeinschaftliches Wohnen, Minergiebauweise und die Nähe zu Chur. Als ich den Vertrag für meine 2½-Zimmer-Wohnung unterschrieben hatte, war ich einfach nur glücklich.
Bis zu jenem Tag, an dem ich den betonierten Platz vor meiner Wohnung gesehen und erfahren habe, dass dort noch ein Velohaus zu stehen kommt. Mir kamen die Tränen. Hätte ich das gewusst, hätte ich die Wohnung nicht genommen. Ich habe sofort den Kontakt zum Vorstand gesucht, und sie haben mir versprochen, nach einer Lösung zu suchen. Bis dahin behalte ich meine Wohnung in Zürich und zügle nur eine Matratze, einen Tisch und ein paar Stühle nach Bonaduz. Ich gebe mir und dem Projekt ein Jahr Zeit. Danach werde ich entscheiden, ob ich diese Wohnung behalte oder nicht.»

Giulio und Lany Giovanoli auf der Baustelle.
Giulio und Lany Giovanoli auf der Baustelle.

«Angst vor Konflikten habe ich nicht»

Lany (60) und Giulio Giovanoli (65), ehemalige Laborantin und pensionierter Servicetechniker, leben in einem kleinen Dorf im Bergell.
Lany Giovanoli: «Ich bin Holländerin und passionierte Velofahrerin. Obwohl ich unser verwinkeltes Haus im Bergell liebe, habe ich mich in diesem steilen Tal nie so richtig wohlgefühlt. Ich bin ein kontaktfreudiger, aktiver Mensch, und es war manchmal schwierig für mich, für jeden Besuch in der Stadt eine dreistündige Anfahrt in Kauf zu nehmen. Jetzt freue ich mich wahnsinnig aufs flache Bonaduz und die Herausforderung, mit anderen Leuten etwas auf die Beine zu stellen. Angst vor Konflikten habe ich nicht. Wir sind doch alle in einem Alter, in dem wir vernünftig miteinander reden können, und wir alle wissen, dass wir in absehbarer Zeit aufeinander angewiesen sein werden.»
Giulio Giovanoli: «Wenn Lany hier zufriedener wäre, würde ich wohl im Bergell bleiben. Ich bin gern hier, so nahe an den Bergen. Aber es stimmt schon, was meine Frau sagt. Die Gefahr zu vereinsamen ist hier gross, vor allem wenn man älter wird. Die Wohnung in Bonaduz gefällt mir, und wir behalten ja das Haus im Bergell. Wenn ich Sehnsucht nach den Bergen habe, kann ich ins Postauto steigen und hierher zurückkommen. Wenigstens für ein paar Tage.»

Umzug nach Bonaduz.
Umzug nach Bonaduz.

Lesen Sie in der Ausgabe 4 vom Umzug von Lany und Giulio Giovanoli nach Bonaduz.

Autor: Tanja Polli

Fotograf: Siggi Bucher