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18. Juli 2016

In Fort Knox

Fleissig wird weiter geerntet
Fleissig wird weiter geerntet, aber der ungetrübte Spass nimmt ab, wenn der Bauer in Sachen Bezahlung und Ordnung aufrüsten muss. (Bild: Getty Images)

Weil selbst gepflückte Erdbeeren immer noch am besten schmecken, gehe ich mit meinen Kindern mindestens ein Mal pro Saison aufs Erdbeerfeld. Bewaffnet mit zwei kleinen Schüsseln und einer grossen arbeiten wir uns von Ackerfurche zu Ackerfurche, wuscheln durch die Stauden, schieben Blätter beiseite und halten nach roten Früchten Ausschau. Dieses leise Ploppen, das ertönt, wenn eine Erdbeere vom Stiel gelöst wird? Herrlich! Der Früchteberg in den Schüsseln wächst – und ich sehe Konfi, Erdbeerkuchen und Glace vor meinem geistigen Auge.

Dass bei unserem Trip im Schnitt jedes zehnte Beerchen in Idas oder Evas Bauch landet, macht alles noch viel schöner. Sagen zumindest meine Töchter. Und da wir jeweils mit mehreren (unzerkauten) Kilos zur Kasse laufen, hält sich mein schlechtes Gewissen einigermassen in Grenzen.

Es gibt jedoch Eltern, denen diese Gefühle gänzlich abhanden gekommen zu sein scheinen. Als ich im vergangenen Jahr eine Familie sah, die am Rande des Erdbeerfelds picknickte (Erdbeeren) und dann mit vollen Bäuchen und leeren Taschen davonradelte, dachte ich mir noch nichts dabei. Schräger war da schon die Sippe, die vor Ort Würstli, Nudelsalat und Brot auspackte, während sich die zugehörigen Kinder die Früchte an den Kopf warfen. Besonders lebhaft in Erinnerung ist mir folgende Episode geblieben: Ein Vater ermahnte seine Kinderschar: «Ihr müsst euch hier satt essen, ich nehme sicher keine Erdbeeren mit heim!»

Genau deswegen kann ich den Bauern irgendwie verstehen. Er hat aufgerüstet. Seit diesem Jahr ist sein Feld von einem mannshohen Elektrozaun umgeben. Die Schnüre verlaufen auf drei Etagen, damit auch wirklich niemand durchschlüpft. Und auf der Preisliste steht neben dem Erdbeer-Kilopreis neu auch die Position «Nur essen: Fr. 4.–».
Ausserdem gibt es neu eine Tafel mit Regeln. Beispiel gefällig? Erdbeeren sind keine Wurfgeschosse. Das Feld ist kein Abenteuerspielplatz. Hunde bleiben bitte draussen. Und: Wer mal muss, der suche bitte das blaue WC-Hüsli am Feldrand auf (und «seiche» nicht übers Feld – okay, dieser Zusatz stammt jetzt von mir, aber sinngemäss bedeutet es ja genau das, oder?).

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin kein Fan des neuen Regimes. Aber weil ich gesehen habe, was sich manche Leute herausnehmen (und, noch schlimmer: ihren Kindern vorleben), verstehe ich, warum das Erdbeerfeld nun besser als Fort Knox gesichert wird. Die diesjährige Ernte hat übrigens noch immer Spass gemacht. Aber der Zauber von früher, der ist irgendwie verflogen.

Autor: Bettina Leinenbach