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01. Januar 2016

In die Welt hinaus

Buggy der Familie Friedli
Schon länger nicht mehr in Gebrauch: Der Buggy der Familie Friedli ...

Emil hantiert umständlich an einem Kinderwagen– einem mit grossen Speichenrädern und schwarzem Sonnenverdeck. Wer kennt den Sketch nicht? Er ist noch immer umwerfend lustig, wir besuchten letzthin eine Vorstellung. Schon als Zwölfjähriger hatte ich ihn im Knie-Zelt gesehen, der Mann ist Teil meiner Biografie. Und ich weiss: So geht es vielen. Emil ist so überlebensgross, dass man sich fast die Augen reibt, ihn vor sich zu haben. Grandios, wie er die alten Nummern bringt: die «Buureregle», das Kirchlein von Wassen, den Vereinsvorstand, dessen Mitglieder er alle mimt. Beste Komik, zeitlos gut.

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) über den Buggy.

Was freilich auffällt: wie rasant sich die Welt verändert hat. Es gibt keine Telegramme mehr – «O wie Oktern» –, und Emils monströser Kinderwagen ist heillos veraltet. Heute hat man ja den Buggy. Kaum kann ein Kind halbwegs sitzen, wird es in den Buggy bugsiert. Und wie der uns zupasskam, als die Kinder klein waren! Riesige Warteschlangen konnten wir an der Expo.02 umgehen, weil unser Zweijähriger im Buggy sass und wir stets an allen Wartenden vorbeigewinkt wurden. Genauso in Paris, wo sich die Menschenschlaufe vor dem Museum «Jeu de Paume» über den Platz kringelte, das Warten hätte Stunden gedauert. Uns aber geleitete ein freundlicher Bediensteter an der Schar vorbei zu einem Spezialeingang.

Im Buggy, fällt auf, sieht das Kind in die Welt hinaus, weg von den Eltern. Vor fünfzig Jahren hat ihn der Engländer Owen Maclaren erfunden. Bald ging er in Serie und wurde hundertfach kopiert: faltbar, leicht und dank beweglicher Vorderräder wendig, frühes Symbol einer Zeit, in der sich Eltern von kleinen Kindern in keiner Weise einschränken lassen wollten. Der Buggy erlaubt, im Zug unterwegs zu sein, im Flugzeug gar. Maclaren, sein Erfinder, war schliesslich Flugzeugkonstrukteur. Wie machten unsere Eltern das bloss, vor dem Buggy? Vermutlich so wie Emil: umständlich.

Als wir neulich en famille in einer Schlange standen, meinte meine Frau: «Hätten wir doch einen Buggy dabei!» Ich weiss allerdings nicht, ob unser Fünfzehnjähriger darin noch Platz fände. 

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli