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16. Februar 2015

«In der Szene wird das Buch belächelt»

Hat die Sadomasowelt in «Fifty Shades of Grey» irgendetwas mit der Realität zu tun? Szenekenner Geronimo (55) über Klischees, Grenzen und Doppelmoral. Dazu besuchte das Migros-Magazin mit Fans der Romanserie die Vorpremiere zum ersten «Fifty Shades of Grey»-Film («Sex im Graubereich»).

Geronimo, BDSM-Kenner, mit venezianischer Maske
Geronimo, Kenner der BDSM-Szene

Geronimo*, was halten Sie von der Geschichte um Christian Grey und Anastasia Steele?
Ich habe das Buch nicht komplett gelesen, es war mir schlicht zu langweilig. Mit BDSM (Bondage and Discipline, Dominance and Submission, Sadism and Masochism, Anm. d. Red.) hat es aber nur am Rande zu tun. Zentral ist die klassische Klischestory: hübsche, mittellose, jungfräuliche Studentin verliebt sich in superreichen, mächtigen, erfahrenen Schönling, der normalerweise unerreichbar wäre. Die Geschichte ist in erster Linie eine Romanze, wie man sie an jedem Bahnhofskiosk findet, ein Märchen. Als Kick kommen dann ein paar BDSM-Szenen hinzu.

Sind die wenigstens halbwegs realistisch?

BDSM ist eine sehr individuelle Sache, jeder hat davon eine andere Auffassung. Auch so was wie im Buch ist durchaus vorstellbar. Oft wird diese Art von Sexualität jedoch sehr viel subtiler ausgelebt und braucht enormes Einfühlungsvermögen. Und die Geschichte drum herum im Buch ist reine Fantasie.

«50 Shades of Grey» als Hörbuch
Ganz schön an der Realität vorbei: «50 Shades of Grey», hier als Hörbuch.

Im Buch besteht ein enormes Machtgefälle zwischen ihm und ihr. Ist das üblich?
Meiner Meinung nach sollte das in der Realität nicht so sein. BDSM ist ein Spiel von Macht und Ohnmacht, aber eben nur ein Spiel – zwischen zwei Personen, die ein einvernehmliches Interesse daran haben.
Dieses Machtspiel geht im Buch auch im Alltag weiter. Kann es das geben?
Es gibt nichts, was es nicht gibt, aber als ideal empfinde ich das nicht. Ich halte es sogar für sehr wichtig, dass das Spiel ein klares Ende hat. Problematisch finde ich im Buch, dass Christian Grey ganz klar die Notlage seiner Geliebten ausnützt. Sie würde von sich aus wohl kaum BDSM-Spiele machen wollen und tut das nur, weil es der einzige Weg ist, damit er sich auf sie einlässt. Einvernehmlichkeit sieht für mich anders aus.
Und der Vertrag der beiden?
Das gibt es, aber so was habe ich nie gebraucht. Wichtig ist, dass man vorher ganz klar die Tabus abklärt. Wo sind die Grenzen, was geht nicht – physisch und psychisch! Das ist nicht immer ganz einfach, weil manche Leute es schlicht gar nicht wissen. Als Aktiver trägt man die Verantwortung und ist gefordert, das herauszuspüren. Es geht um Grenzerfahrungen, man will die Grenzen erforschen und höchstens anritzen, aber lieber nicht überschreiten. Es braucht unbedingt ein Codewort, mit dem das Spiel sofort beendet werden kann.
Dass Grey nicht offen zu seinen Vorlieben stehen kann, scheint aber recht realistisch.
Klar (lacht). Wenn man bedenkt, was für einen Medienzirkus nur schon die Nacktselfies von Geri Müller ausgelöst haben … Man stelle sich einen Bundesrat oder CEO vor, der zugibt, dass er BDSM-Spiele mag. Bei der Doppelmoral unserer Gesellschaft ist die Zurückhaltung doch sehr nachvollziehbar.

Was hält man in der Szene vom Buch?
Zum Teil wird es schon eher belächelt.

Ihr Fazit zur Story?

Ich gönne der Schriftstellerin ihren grossen Erfolg. Und Hut ab vor dem cleveren Marketing: Es ist alles drin, was in der heutigen Zeit im Mainstream funktioniert. Auch das Merchandising ist beeindruckend: In jedem Sexshop findet man mittlerweile «Fifty Shades»-Produkte, die sich offensichtlich hervorragend verkaufen. Positiv am ganzen Rummel könnte sein, dass jene Leute, die schon lange solche geheimen Fantasien in sich tragen, den Mut finden, ihre eigenen Wünsche zu erforschen.

Auch Geronimo schlüpft für S/M-Spiele in eine Rolle.

«Niemand möchte solche geheimen Fantasien zugeben»

Geronimo (55)*, selbständiger Designer aus dem Kanton Zürich und Kenner der BDSM-Szene, über ...... das Klischee von BDSM (Bondage and Discipline, Dominance and Submission, Sadism and Masochism) in der Öffentlichkeit:

«BDSM ist eine sehr individuelle und vielseitige Geschichte. Jeder hat davon ein anderes Bild, eine andere Auffassung. So sind hartgesottene SM-ler, professionelle Dominas oder prüde Durchschnittsbürger sicher nicht gleicher Meinung wie ich. Das ist okay so, denn jeder Mensch lebt auch seine eigene Sexualität sehr unterschiedlich aus. Viele denken bei BDSM zuerst an herrische Dominas, kriechende Sklaven, Peitschen und Ketten: Dieses Bild von BDSM haben unter anderem die Medien geprägt. Oft sind Techniken und Spielsachen nur das Beigemüse in einem bizarren Spiel. Zentral sind immer die Spielpartner und das, was sie verbindet. Egal, welcher Fetisch bedient wird, wie die Spannung aufgebaut und verstärkt wird, ein tiefgehendes SM-Spiel kann durchaus ohne Tools und spezielle Infrastruktur intensiv ausgelebt werden. Das klischierte Bild ist auch der Doppelmoral unserer Gesellschaft zu verdanken: Niemand möchte zugeben, dass er solche geheimen Fantasien hat, egal in welcher Form und Intensität. BDSM wird als abartig betitelt, und trotzdem schauen die meisten hin. Ein Freund von mir findet es zum Beispiel toll, wenn seine Frau ihn mit Samttüchern ans Bett fesselt und sich an ihm vergnügt, sagt aber, Sado-Maso-Geschichten seien für ihn pervers. Dabei ist das, was er mag, doch nichts anderes als ein lustvolles Spiel von Macht und Ohnmacht.»
... die Psychologie von BDSM:

«BDSM hat sehr viel mit Psyche und Emotionen, mit Lust, Fantasien und mit Kopfkino zu tun. Beim Spiel von Macht und Ohnmacht gibt es den aktiven Part, den Dom, und den passiven, den Sub, der sich dem anderen hingibt und unterwirft. Die Geschichte des BDSM ist Hunderte von Jahren alt, und schon immer ging es um das Ausleben von Fantasien, Wünschen und Verlangen und um Emotionen. Die Frage ist, wie weit lässt jemand diese zu und wie weit ist man bereit, sie zu erforschen. Ob jemand diese Fantasien auch auslebt, ist eine Frage seiner Erziehung, seiner Kultur, seines Intellekts und natürlich seiner Neugier. Bei der Umsetzung dieser Fantasien geht man gemeinsam auf eine Reise, Spannung baut sich auf, die in einer sexuellen Erfüllung enden kann. Der eigentliche sexuelle Akt spielt oft eine untergeordnete Rolle. Das Ausleben eines Fetisch wie zum Beispiel Schuhe, Leder oder Latex, das Verlangen nach Lustschmerz und Unterwerfung haben für einen Devoten einen sehr hohen Stellenwert, während es dem Masochisten eher um den physischen Kick geht, wenn er Schmerz empfindet.»
... die Realität:

«Weit mehr Menschen, als wir glauben, haben geheime Fantasien, die man der Welt des BDSM zuordnen könnte. Ich bin mir sicher, dass ein grosser Teil der Frauen devote Wünsche und Träume hat – ob sie das zugeben und ausleben, ist eine andere Frage. Der klassische Fall ist wohl die Vergewaltigungsfantasie: Sie ist weit verbreitet, aber die Fantasie allein reicht meistens und muss nicht ausgelebt werden. Männer mit devoten Fantasien gibt es vielleicht etwas weniger, allerdings haben sie mehr Möglichkeiten, diese auszuleben, denn sie können zu professionellen Dominas gehen, um ihre bizarren Wünsche zu befriedigen - für Frauen gibt es diese Angebote weniger. Oft haben passive Frauen und Männer viel extremere Vorstellungen und Fantasien, als was sie im realen Spiel ausleben möchten. Und meistens läuft das dann sehr sinnlich und sanft ab. So werden auch bei den ‹Fifty Shades of Grey›-Merchandise-Artikeln vorwiegend samtig weiche Peitschen und Seidenfesseln verkauft.»
... ungesunde Auswüchse:

«Sado-Maso-Spiele gibt es in allen Facetten, von sogenanntem Vanille-, also Blümchensex, bis zur Hardcore-Session – wobei es Ansichtssache ist, was wo dazugehört. Für die einen ist ein Klaps bereits zu heftig, und für andere ist hartes Auspeitschen das Normalste der Welt. Ich finde, alles, was einvernehmlich passiert und nicht auf einer Abhängigkeit beruht, ist legitim. Für mich wird BDSM zu ernst- und zu zwanghaft, wenn es den Spielcharakter verliert und auf einer 24/7-Beziehung basiert, also einer Beziehung, bei der die Sub dem Dom 24 Stunden am Tag, sieben Tage pro Woche zur Verfügung stehen muss. Diese Fantasie ist wohl sehr verbreitet und beliebt, doch die Realität ist oft eine andere. Ganz klar distanziere ich mich von Spielen mit Kindern, Tieren und Menschen, die den physischen Schmerz suchen, um einen psychischen Schmerz zu kompensieren, wie es zum Beispiel bei Frauen mit einem Borderline-Syndrom der Fall ist. Auf keinen Fall darf eine Notlage oder Abhängigkeit ausgenützt werden.»
... die Regeln:

«Vertrauen ist die Basis einer guten BDSM-Session, dennoch sollten Spielregeln vereinbart werden. Es gibt Tabus, die strikte eingehalten werden müssen, und man kann ein Codewort festlegen, mit dem das Spiel jederzeit abgebrochen werden kann. Es kann durchaus sein, dass der devote Part die Leitplanken zum Spiel vorgibt, innerhalb derer der Dom seine Regeln setzt und somit indirekt die Fantasien des Subs bedient. Der Dominierende begleitet den Passiven stets mit Respekt. Er übernimmt die Verantwortung für das Spiel und die ihm anvertraute Hingabe des Subs. Es ist auch sehr wichtig, die Sub am Ende des Spiels wieder sanft aufzufangen. Ein guter Dom kann seine Sub lesen, sich in sie einfühlen und wird die Frau, die ihm ihre Demut anvertraut, ehren, respektieren und schützen wie eine wertvolle Perle. Wenn er seine Rolle nur ausübt, um seine eigene sadistische Lust zu befriedigen, ist das ein massiver Vertrauensmissbrauch.»
... seinen persönlichen Zugang zur BDSM-Welt:

«Mein Schlüsselerlebnis hatte ich mit etwa 20 Jahren, als ich mit einer Frau Sex hatte und sie auf mir war. Ich fand es toll, die Kontrolle abzugeben. Später hatte ich eine Partnerin, die als professionelle Domina arbeitete, aber gleichzeitig auch devot war. Dass sie sich mir anvertraute, war eine Offenbarung, ein Geschenk, ein Vertrauensbeweis. Ich habe mich vorsichtig an meine Rolle als dominierender Part herangetastet und als Erstes eine ganz lange Geschichte inszeniert, an deren Ende es zur eigentlichen Session kam. Es war eine sehr subtile Angelegenheit, mit der ich eine Saite in dieser Frau zum klingen bringen konnte, die sie selber noch gar nicht kannte. Heute bin ich mit meiner geliebten Frau verheiratet, die zum Teil als Domina arbeitet und mit der ich Rollenspiele im Rahmen unseres Liebeslebens dann und wann praktiziere, wobei ich manchmal der aktive und manchmal der passive Teil bin. Ansonsten leben wir eine ganz klassische Paarbeziehung.»
... das Buch:

«Wenn ‹Fifty Shades of Grey› ein Türöffner ist für Menschen, die sich bisher nicht an das Thema BDSM herangetraut haben, dann finde ich das gut. Viele Menschen brauchen ja irgendeine Art von Legitimation, um ihre heimlichen Wünsche zuzulassen. Für sie kann der Roman eine Hilfe sein. Einige Szenen sind, isoliert betrachtet, auch gar nicht so schlecht beschrieben – etwa dass Grey mal liebevoll und mal etwas brutal zu Werke geht. Anderes ist eher unrealistisch. Zum Beispiel zieht sich jedes Mal Anastasias Unterleib zusammen, wenn sie Grey nur sieht – beeindruckend, was der Junge auslöst (lacht)! Gefährlich finde ich es, wenn gerade junge Frauen glauben, ein Machtgefälle oder gar eine emotionale Abhängigkeit wie zwischen Christian Grey und Anastasia Steele gehöre zu einer BDSM-Beziehung. Das hat meiner Meinung nach in einer erfüllenden BDSM-Sexualität nichts zu suchen.»
*Name der Redaktion bekannt.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Holger Salach