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16. April 2012

«In der Schweiz spricht man nicht über Armut»

Mit «Home» wurde sie für den Oscar vorgeschlagen. Ihr neuster Film «Sister», ein Drama über Armut und Familienbande, erhielt einen Sonderpreis am Filmfestival in Berlin. Die Schweizer Regisseurin Ursula Meier eilt von Erfolg zu Erfolg. Am 26. April startet «Sister» in den Kinos.

Ursula Meier
Sie habe die Selbstsicherheit der Franzosen und die nüchterne Gründlichkeit der Deutschschweizer in den Genen, 
sagt Filmregisseurin Ursula Meier über sich selbst.

Ursula Meier, Sie zeigten «Sister» bereits als Vorpremiere am Originalschauplatz in Verbier. Wie waren die Reaktionen?

Grossartig! Die Zuschauer, darunter Behördenvertreter, waren begeistert — und tief berührt. Es ist halt ein Film, der ans Herz und unter die Haut geht.

Keine Klagen, weil Sie zeigen, wie in einem mondänen Walliser Skiort geklaut wird?

Gestohlen wird in allen Skigebieten. Nicht nur in Verbier. Ausserdem achtete ich darauf, dass die Handlung keinem konkreten Ort zugeordnet werden kann. Es war mir aber wichtig, «Sister» in der Schweiz anzusiedeln. Ich wollte ein Gesicht unseres Landes zeigen, das man nur selten sieht.

Ein armer Junge bestiehlt die Reichen, um sich und seine Schwester durchzubringen. Wie realistisch ist das?

«Sister» ist ein modernes Märchen in einem realistischen Umfeld. Ein Film über Oben und Unten. Nicht nur geografisch, sondern auch im übertragenen Sinn.

Ist sichtbare Armut in der Schweiz ein Tabu?

Es ist eine Seite, über die man kaum spricht. Bei der Vorpremiere kam eine Frau auf mich zu. Sie war ziemlich aufgelöst und sagte, sie sei als Arbeitertochter in genau jener Region aufgewachsen, aber aus Geldmangel habe sie nie nach oben in die Skistationen gehen können. Sie fand, dass ich einen wunden Punkt getroffen hätte. In der Schweiz spreche man nicht über Armut. Ja, sie ist ein Tabu.

Trotzdem ist «Sister» keine anklagende Sozialstudie.

Ich wollte auf keinen Fall einen düsteren Film machen, nicht das Elend ausbreiten. Meine Protagonisten amüsieren sich, haben Spass und zeigen durchaus Stolz. Er ist trotz der Bergwelt das Gegenteil eines Heimatfilms. Im Vordergrund steht ohnehin nicht der Geldmangel, sondern das Verhältnis von Bruder und Schwester, diesem Duo Infernale, und der tiefe Mangel an Liebe, unter dem meine Hauptfigur leidet.

«Sister» ist das Gegenteil eines Heimatfilms.
«<Sister> ist das Gegenteil eines Heimatfilms.» Filmregisseurin Ursula Meier.

Wie sind Sie auf die Idee dieser Story gekommen?

Ich wuchs am Jurafuss auf und ging oft Skifahren. Als ich das Szenario entwickelte, dachte ich, ich würde eine fiktive Geschichte erfinden. Erst Monate später, mitten im Schreiben des Drehbuchs, erinnerte ich mich an einen Jungen, der in meiner Jugend in unserem eher bescheidenen Skiort im Jura herumlungerte. Es hiess, er klaue Portemonnaies. Offenbar reimte ich mir im Unterbewusstsein seine Geschichte zusammen.

Sie sind in einem gutbürgerlichen Milieu aufgewachsen. Woher wissen Sie, wie es bei armen Leuten zugeht?

«Sister» ist kein Dokumentarfilm. Im Nachhinein vermute ich, dass wohl etwas von den Kindheitserinnerungen meines Vaters eingeflossen ist. Er wuchs als Arbeitersohn in der Nähe von Zürich auf und hatte zwar sehr liebevolle Eltern, die Familie lebte aber in äusserst bescheidenen Verhältnissen. Primär schrieb ich jedoch ein Script für Kacey Mottet Klein, weil ich unbedingt wieder mit ihm arbeiten wollte.

Sie schrieben für einen Zwölfjährigen ein Drehbuch?

Absolut. Es hatte mich sehr viel Arbeit gekostet, ihm für meinen letzten Film «Home» die Schauspielerei beizubringen — eine sehr schwierige Sache bei einem Kind —, und ich war neugierig, ob er alles verlernt hatte oder nicht. Das war gewagt, um nicht zu sagen frech. Zumal ich nach «Home» mit den berühmtesten Schauspielern Frankreichs an anderen Projekten hätte arbeiten können. Stattdessen «Sister» zu machen, liess mir keine Chance, mich auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Meine Erleichterung war gross, als ich am ersten Drehtag mit Kacey dort weitermachen konnte, wo wir aufgehört hatten.

Verstand er seine Rolle?

Er ist sehr vif und sagte gleich zu Drehbeginn zu mir: Der Junge, den ich spiele, ist für seine Schwester nicht wie ein jüngerer Bruder, sondern eher wie ein Vater, nicht wahr? Er verstand nicht nur die Komplexität, er setzte sie auch spielend um. Er ist tatsächlich aussergewöhnlich.

Und steht bemerkenswert oft nur in Unterhosen da.

In diesen Szenen sieht man gut, wie zerbrechlich Simon eigentlich ist. Mit seinen staksigen Beinen wirkt er wie ein mageres Vögelchen, das man in die Arme nehmen möchte. Damit will ich den Zuschauern immer wieder in Erinnerung rufen, dass er sich zwar wie ein Erwachsener benimmt und sehr forsch ans Werk geht, aber eigentlich nur ein verschupfter, liebesbedürftiger kleiner Kerl ist, der viel zu viel Verantwortung tragen muss. Gleichzeitig ist Simon intelligent und hat kapiert, wie das Wirtschaftssystem und der Kapitalismus funktionieren.

Er gibt sich im Bergrestaurant als Junge aus gutem Haus aus – bloss, um dann genau diese Klientel zu bestehlen.

Er ist clever und hat gemerkt, dass sich Diebstahl im Tal nicht lohnt. Das Geld liegt oben auf dem Berg. Dort ist man unter seinesgleichen, denn nicht jeder kann sich Skiferien leisten. Darum herrscht ein gewisses Vertrauensverhältnis. Das nützt Simon schamlos aus.

Wie brachten Sie «Akte X»-Star Gillian Anderson dazu, eine Nebenrolle zu übernehmen?

Sie verkörpert in den Augen von Simon die perfekte Wunschmutter. Für diese Rolle wollte ich einen Star. Aber jemanden, den das Publikum nicht auf Anhieb erkennt. Wir schickten also Gillian Anderson das Drehbuch — und sie war begeistert! Die Arbeit mit ihr war sehr unkompliziert und hochprofessionell. Dasselbe gilt übrigens für den Engländer Martin Compston, den man aus Ken Loachs Film «Sweet Sixteen» kennt. Auch ihn konnte ich für «Sister» gewinnen.

Der Film wird in Südkorea, Europa und den USA gezeigt.

Pures Entzücken über ein gutes Script – oder haben Sie einfach exorbitant hohe Gagen gezahlt?

Ganz und gar nicht! Wir schauten, was ungefähr in unserem Budget lag, machten Gillian Anderson ein faires Angebot — und sie hat es akzeptiert. Schauspieler aus dem angelsächsischen Raum kosten übrigens generell weniger als französische. Gillian Anderson liebt das Resultat und wird darum versuchen, an die Vorpremiere nach Zürich zu kommen. Sie dreht gerade in Irland, und wir hoffen, es klappt.

Ihre Mutter ist Französin, Ihr Vater Schweizer. Sie leben in Brüssel. Als was fühlen Sie sich?

Als Franko-Schweizerin. Ich wuchs praktisch auf der Grenze bei Genf auf. Ich studierte absichtlich in Belgien, einem Drittland. Ohne Einflüsse meiner Herkunftsländer konnte ich mich am freiesten entfalten. In Belgien entdeckte ich eine weitere Seite, die ich ebenfalls habe: diese kleine Prise Verrücktheit, eine sanfte Verschrobenheit, gepaart mit grossem Sinn für schwarzen Humor. Ich bin französisch geprägt, fühle mich aber stark zur Deutschschweizer Kultur hingezogen, obwohl ich als Einzige von uns vier Geschwistern nicht Schweizerdeutsch spreche.

Wie ist Ihr Kontakt zu anderen Schweizer Filmemachern?

Sehr eng ist er natürlich mit meinen drei Freunden aus der Romandie, mit denen ich die Produktionsgesellschaft «Bande à part Films» gründete. Alles Männer. In der Deutschschweiz stehe ich interessanterweise vor allem mit Filmemacherinnen in gutem Kontakt. Mit Andrea Staka, Bettina Oberli, Stina Werenfels oder Anna Luif. Es sind Frauen mit starker Persönlichkeit, die sich nicht alles bieten lassen. Ich bin auch ein bisschen so, darum verstehen wir uns wohl.

Für «Sister» bekam Ursula Meier im Februar auf der Berlinale den Sonderpreis der Jury.
Für «Sister» bekam Ursula Meier im Februar auf der Berlinale den Sonderpreis der Jury.

«Sister» wurde in Berlin mit einen Silbernen Bären ausgezeichnet. Wo steht er?

Wieder in Berlin. Er brauchte eine kleine Schönheitsoperation. Als Spezialpreis der Jury, der extra für mich geschaffen wurde, musste es schnell gehen. Nun bekommt er ein ordentliches Finish sowie die Plakette mit der Inschrift.

Sind Ihnen Preise wichtig?

Sie sind eine hochwillkommene Anerkennung. Nur schon die Einladung nach Berlin war grossartig. Immerhin wurden von 6000 eingereichten Filmen nur 18 nominiert. Im Verlauf des Festivals wurde «Sister» zu einer Art Insidertipp. Die Leute sagten sich gegenseitig, es sei einer jener Filme, die man unbedingt gesehen haben müsse. Ich war hingerissen. Zumal er sich sofort im grossen Stil verkaufte und bald auf der ganzen Welt gezeigt wird: von Südkorea über Europa bis in die USA.

Gehen Sie noch zu Ihrem privaten Vergnügen ins Kino?

Natürlich. Den letzten «Mission: Impossible» habe ich mir angeschaut, weil Léa Seydoux mitspielt, die ja die Titelrolle in «Sister» verkörpert. Ich fand Tom Cruise grossartig, obwohl ich nicht gerade sein grösster Fan bin. Während unserer Dreharbeiten musste Léa Seydoux mehrmals für einige Nachdrehs ans Set von «Mission: Impossible» nach Toronto fliegen. Sie machte also einen Spagat zwischen einer grossen Hollywood-Kiste und einem Franko-Schweizer-Film. Und sie wechselte fliegend zwischen Tom Cruise und Kacey Mottet Klein als Partner.

Ein schlechtes Omen für Tom Cruise oder ein gutes für Kacey?

Für Kacey bin ich sehr zuversichtlich, und Léa ist gerade auf dem Weg zum Superstar in Frankreich, wo sie sämtliche Titelseiten pflastert. Ihr Agent hat kürzlich Kacey unter Vertrag genommen. Man darf also gespannt sein.

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Herbert Zimmermann