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04. April 2016

«In der Politik wird Sprache regelmässig genutzt, um zu manipulieren»

Der Sprachforscher Anatol Stefanowitsch über Vor- und Nachteile der Leichten Sprache und wie wir alle mittels Sprache jeden Tag manipuliert werden können.

Anatol Stefanowitsch, für wie wichtig halten Sie die sogenannte Leichte Sprache?

Die Grundidee ist sicher richtig – also, dass man sämtliche Informationen, die es für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben braucht, in einer allgemein verständlichen Sprache zur Verfügung stellt. Ob das aber gelingt und sinnvoll ist, hängt von der Zielgruppe ab.

Anatol Stefanowitsch (46) ist Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin.
Anatol Stefanowitsch (46) ist Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Welche Zielgruppen gibt es denn?

Die klassische, auf die in der Schweiz meines Wissens auch fokussiert wird, sind Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Lernbehinderungen. Für sie eignen sich Systeme wie Leichte Sprache durchaus, wobei es kaum vorstellbar ist, dass sie durch solche Texte ohne zusätzliche Hilfe etwa eine Steuererklärung ausfüllen oder einen Antrag beim Amt stellen können. Äusserst problematisch finde ich es, wenn der Fokus darüber hinaus ausgeweitet wird, wie das in Deutschland teilweise passiert. Da will man mit Leichter Sprache auch Migrantinnen und Migranten, Jugendliche und Leute mit geringem Bildungsgrad erreichen, Menschen also, die grundsätzlich für komplexe Zusammenhänge und Hintergründe zugänglich sind.

Man kann Sprache zwar vereinfachen, aber entweder gehen dabei Inhalte verloren oder die Texte werden episch lang.

Wo liegt das Problem?

Man kann Sprache zwar vereinfachen, aber entweder gehen dabei Inhalte verloren oder die Texte werden episch lang, was die Leser dann auch wieder überfordert. Die Vorstellung, dass man die Komplexität reduzieren kann und dennoch die gleichen Informationen ankommen, ist völlig unrealistisch. Sprachliche Komplexität hat sich ja nicht einfach so entwickelt, sie bildet gesellschaftliche Vielschichtigkeit ab. Deshalb ist Leichte Sprache nicht als allgemeines Werkzeug geeignet, um komplexe Inhalte auf breiter Ebene verständlich zu machen. Stattdessen würden wir besser in der Allgemeinen Schulbildung darauf achten, den Umgang mit der regulären Sprache umfassender zu vermitteln.

Aber für die klassische Zielgruppe funktioniert Leichte Sprache?

Wenn man die Ziele realistisch definiert schon. Daraus entsteht nicht dieselbe gesellschaftliche Teilnahme wie bei jemandem mit einer hohen formalen Bildung. Auch wenn ich kein Klimawissenschaftler bin, kann ich mich auf relativ hohem Niveau in die Materie einlesen, kann mitdiskutieren, mir eine Meinung bilden. So weit geht die Teilhabe mit Leichter Sprache nicht, weil Vorwissen und Zusammenhänge nicht vermittelt werden. Ziel muss sein, dass sich alle Menschen auf der für sie höchstmöglichen Ebene beteiligen können, doch da wird es immer Unterschiede geben.

Wäre den Menschen mit kognitiven Einschränkungen geholfen, wenn es neben Informationstexten von Ämtern auch mehr Nachrichtenbeiträge und Romane in Leichter Sprache gäbe?

Wünschenswert wäre das. Aber es ist gar nicht so leicht. Nachrichten in Leichter Sprache können zwar Fakten bieten, aber selten Zusammenhänge und Hintergründe erklären. Sie bleiben also in der Regel oberflächlich und sind oft unabsichtlich politisch einseitig. Bei Romanen geht durch die Übersetzung das eigentliche Kunstwerk verloren, denn die Sprache ist in der Literatur natürlich bewusst gewählt; greift man dort ein, fehlt etwas. Übrig bleibt der Kern, die Geschichte an sich. Trotzdem lohnt es sich, finde ich. Noch besser wäre allerdings, wenn man nicht nur bestehende Romane übersetzt, sondern von Anfang an Geschichten in Leichter Sprache erzählt. Man könnte sich dafür sogar Autorinnen und Autoren aus der Zielgruppe selbst vorstellen, das wäre echte Teilhabe.

Auch wer mit komplexer Sprache klarkommt, fühlt sich im Alltag immer mal überfordert. Als Kunde wird man dauernd mit Allgemeinen Geschäftsbedingungen konfrontiert, seitenlanges Kleingedrucktes, oft in sehr formalistischer Sprache. Die meisten klicken einfach auf «Akzeptieren» und hoffen das Beste. Sie auch?

Das kommt darauf an. Wenn ich ein Konto bei einem sozialen Netzwerk eröffne, lese ich die Geschäftsbedingungen nur quer, weil ich davon ausgehe, dass der Gesetzgeber mich im Zweifelsfall schützt, wenn ich etwas zustimme, das nicht korrekt ist. Unterschreibe ich aber einen Kreditvertrag, lese ich alles sehr genau durch, auch wenn es anstrengend ist und ich Wörter nachschlagen und Hintergrundinformationen recherchieren muss. Es gibt ja auch in dem Bereich gute und schlechte Texte, solche, die mit der Zielgruppe im Hinterkopf formuliert wurden, und solche, die nur Fachleute verstehen.

Schreiben ist ein Kunsthandwerk, man kann vom durchschnittlichen Banker oder Juristen nicht erwarten, das einfach so zu beherrschen.

Man wird ja den Verdacht nicht los, dass diese Texte absichtlich so formuliert sind, um abzuschrecken, damit das Unternehmen Dinge reinschmuggeln kann, zu denen man als Kunde sonst vielleicht nicht Ja sagen würde.

Den Vorwurf hört man immer wieder, und natürlich kann es das geben. Aber mit pauschalen Verdächtigungen wäre ich vorsichtig. In den meisten Fällen wird es sich schlicht um Gedankenlosigkeit handeln. Das sind Leute, die zwar Expertise im Bankenrecht haben, sich aber mit Sprache nicht auskennen. Sie selbst verstehen diese Texte mühelos, aber sie haben nie gelernt, sich in eine andere Zielgruppe hineinzuversetzen und ihre Sprache entsprechend anzupassen. Schreiben ist ein Kunsthandwerk, das fällt einem nicht in den Schoss, und man kann vom durchschnittlichen Banker oder Juristen nicht erwarten, das einfach so zu beherrschen. Man muss lernen, für das Gegenüber zu schreiben und nicht für sich selbst.

Auch bei einigen akademischen Werken scheint es, als wenn mit komplizierter Sprache Erkenntnisse wichtiger klingend gemacht werden, als sie eigentlich sind – gleichzeitig schliesst man einen grossen Leserkreis von vornherein aus. Weshalb passiert das?

Den Verdacht, dass wissenschaftliche oder politische Eliten bestimmte Leute mittels Sprache bewusst ausschliessen wollen, gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert. Und es ist gut möglich, dass das passiert. Auch ich habe den Eindruck, dass in der Wissenschaft manchmal schwache Ergebnisse mit Wortbombast überdeckt werden, in der Hoffnung, dass es niemand merkt. Hauptsächlich ist es aber auch hier ein Problem von Innenkommunikation und Aussenkommunkation. Innerhalb der Soziologie versteht man sich bestens mit dichten Sätzen und vielen Fachausdrücken, und man kann so auch komplexe Sachverhalte effizient kommunizieren. Formuliert man das verständlicher, geht für Fachleute oft auch etwas verloren, zum Beispiel die Einordnung in ein Denkmodell, das mit ganz bestimmten Begriffen verbunden ist. Dennoch sollte in der Wissenschaft die Bereitschaft vorhanden sein, die Kerninhalte der eigenen Forschung in einer allgemein verständlichen Sprache zu formulieren – in den Sozial- und Geisteswissenschaften fällt dies möglicherweise leichter als zum Beispiel in der Kernphysik.

Mit Sprache wird auch gern manipuliert, insbesondere im Konsumbereich: Offenbar schmeckt der gleiche Tee den Leuten ganz anders, je nachdem, ob «Tropical Feeling» oder «Vor dem Kamin» auf der Verpackung steht. Die Sprache beeinflusst unsere Wahrnehmung?

Absolut. Die Werbeindustrie manipuliert sehr gezielt und bewusst mit Sprache, um Bedürfnisse zu wecken und Qualitätswahrnehmungen zu beeinflussen. Sprache lässt komplexe Vorstellungen entstehen, auch völlig erfundene Gestalten und Geschichten erscheinen uns dann ganz real. Das ist auch die Grundlage für Religion oder für Fabelwesen wie Einhörner. Tropical Feeling löst einen Schwarm von Assoziationen aus, die mich in eine entsprechende Stimmung versetzen und so den Geschmackseindruck des Tees beeinflussen.

In der Politik geht es meist darum, von den Dingen abzulenken oder Vorstellungen zu bedienen, die mit der Realität bestenfalls am Rande etwas zu tun haben.

Manipulation gehört zur Werbung, das wissen alle. Werden wir auch in Bereichen durch Sprache manipuliert, wo wir nicht damit rechnen?

Das kommt darauf an, wie naiv wir sind. Wir erwarten vermutlich nicht, von uns nahestehenden Menschen oder unserem Partner manipuliert zu werden, natürlich kann es trotzdem vorkommen. Klar ist: Je wichtiger etwas ist, desto weniger goutieren wir Manipulation. In der Politik wird Sprache regelmässig benutzt, um zu manipulieren. Angela Merkel macht das zum Beispiel gerade sehr geschickt. Sie redet herzlich und freundlich über Flüchtlinge und ihre Willkommenspolitik, gleichzeitig ist ihre reale Politik überhaupt nicht flüchtlingsfreundlich – das Asylgesetz wurde zweimal verschärft, es gibt zweifelhafte Deals mit der Türkei, und de facto ist der Weg nach Deutschland mittlerweile ziemlich blockiert. Sie manipuliert aber mit guten Absichten: Sie möchte dem Land ein freundliches Gesicht geben und dafür sorgen, dass die Flüchtlinge gut behandelt werden. AfD und CSU manipulieren zum gleichen Thema ebenfalls mit Sprache, aber in die andere Richtung und im Sinne ihrer Zielgruppe. In der Politik geht es meist darum, von den Dingen abzulenken oder Vorstellungen zu bedienen, die mit der Realität bestenfalls am Rande etwas zu tun haben.

Sie sind auf den Missbrauch der Sprache spezialisiert – was genau passiert da?

Sprache ist letztlich nichts anderes als eine durch die Evolution entwickelte Technologie, die uns ermöglichen soll, die eigene Vorstellungswelt mit jener des Gegenübers zu synchronisieren. Ich will dem anderen jenen Inhalt vermitteln, den ich gerade im Kopf habe. Sobald ich versuche, meinem Gegenüber eine Vorstellung zu vermitteln, die ich selbst gar nicht teile, wird es potenziell unethisch. Ich riskiere, das Vertrauen zu missbrauchen, das man in mich hat. Sprache ist deshalb so mächtig, weil jedes Wort beim Gegenüber sofort Gedanken oder Assoziationen auslöst. Besonders verdammenswert wird der Missbrauch, wenn ich etwas sage, weil ich möchte, dass der andere in einer bestimmten Weise handelt, die noch dazu vielleicht gar nicht in seinem Interesse liegt. Zum Beispiel wenn ein Politiker bewusst etwas Falsches behauptet, nur damit die Leute ihn wählen.

Sprachliche Manipulation in der Politik: Donald Trump bewirbt sich, um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner. Sein Slogan «Make America Great Again» insinuiert, dass es den USA heute schlecht geht – und nur er das ändern kann.
Sprachliche Manipulation in der Politik: Donald Trump bewirbt sich, um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner. Sein Slogan «Make America Great Again» insinuiert, dass es den USA heute schlecht geht – und nur er das ändern kann.

Offenbar eignen wir uns schon von klein auf mit der Muttersprache bestimmte Denkmuster an, die uns später prägen.

Es gibt tatsächlich strukturelle Unterschiede bei Sprachen. Während wir zum Beispiel an jedes Verb eine Zeitform anhängen, gibt es Sprachen, die an jedes Verb eine Form ranhängen, die kennzeichnet, woher die Information stammt, die man gerade äussert – das passiert etwa im Tschetschenischen, im Tuyuca in Lateinamerika oder im Hopi in Nordamerika. Man muss also ständig wissen, woher man etwas hat, und solche Strukturen können sich dann auf Verhaltensweisen auswirken.

Es erschwert Hörensagen und Klatsch, nicht?

Genau. Dafür spielt Zeit eine ganz andere Rolle, morgen und gestern sind nicht so wichtig, stattdessen liegt der Fokus mehr auf dem Zyklus der Jahreszeiten. Es gibt auch Sprachen, die mit dem Raum anders umgehen als Deutsch oder Englisch. Wir haben rechts und links, definieren die Position eines Gegenstands im Raum immer relativ zu uns selbst. Andere Sprachen, etwa die der Maya im mexikanischen Yucatan, kennen das nicht, die haben nur absolute Richtungen wie Norden und Süden – ein Gegenstand befindet sich also immer am gleichen Ort, egal, wo man selbst steht.

Denkt also ein Schweizer anders als zum Beispiel ein Japaner? Bei Letzteren spielt ja die Hierarchie in der Sprache eine grosse Rolle.

Im Japanischen wird die soziale Hierarchie in jeden Satz eingebaut, man muss also ohne Unterlass darüber nachdenken, in welcher Beziehung man zum Gegenüber steht. Im Deutschen gibt es lediglich du und Sie, im Englischen nur you. Gleichzeitig ist in Japan auch der Umgang untereinander formalisierter, allerdings sind mittlerweile auch dort einige Hierarchie-Pronomen weggefallen oder werden kaum mehr verwendet, weil sie im Alltag an Relevanz verloren haben. Es ist also nicht so, dass Japan wegen der Sprache eine hierarchischere Gesellschaft ist, sondern dass Hierarchie im Alltag wichtig ist und das deshalb auch sprachlich seinen Ausdruck findet. Dadurch allerdings bleibt es im Denken auch ständig präsent und trägt vielleicht ein bisschen zum Erhalt des Status quo bei.

Autor: Ralf Kaminski