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11. März 2013

«In der katholischen Kirche gibt es einen zunehmenden Trend zum Exorzismus»

Georg Otto Schmid (46) ist Mitarbeiter der Evangelischen Informationsstelle (Relinfo) in Rüti ZH. Er ist verheiratet und lebt und arbeitet in einem ehemaligen Gebäude der Heilsarmee. Im Interview spricht er über die Glaubenstendenzen in der Schweiz. (Bild: zVg.)

Wie bedeutend sind in der Schweiz konservative, traditionalistische und fundamentalistische Strömungen?

Der konservative Protestantismus, der sich in Freikirchen und der Landeskirche manifestiert, befindet sich in einem Schrumpfprozess. Radikal-fundamentalistische christliche Gruppen sind insgesamt nicht gewachsen, viele schrumpfen ebenfalls. Hingegen wächst der islamische Fundamentalismus ebenso wie der katholische Traditionalismus dank der Migration. Dass säkulare Menschen den Weg in fundamentalistische Gruppen finden, kommt vor, aber es sind Einzelfälle. Der umgekehrte Trend ist deutlich stärker, dass also Menschen aussteigen, die in solchen Gruppen aufgewachsen sind. Bei den Freikirchen steigen mehr so aus, als durch Mission neu reingeholt werden können.

Gibt es konkrete Zahlen?

Wie siehts mit der Esoterik aus?

Da ist es mit Zahlen noch schwieriger. Was man sagen kann, die Esoterik hatte um 1990 ihren Höhepunkt in der Schweiz, damals gab es am meisten Veranstaltungen, Magazine und Besucherzahlen. Bis 2000 hat es abgenommen, seither ist es etwa stabil. Intensive Esoteriker gibts vielleicht 200'000 bis 300'000.

Gibt es in irgendwelchen Bereichen auch klare Zunahmen?

Wenn es heute einen Druck gibt, dann jenen, nirgends dazuzugehören. Das bekommen ja auch andere Organisationen zu spüren: Parteien, Gewerkschaften, Vereine. Religiöse Gemeinschaften wachsen ansonsten nur durch Migration, selbst der Islam würde schrumpfen, wenn es die Migration nicht gäbe, weil auch junge Moslems vermehrt aufhören, sich als Moslems zu verstehen. Die Migration wiederum führt zu einem gewissen konservativen Trend, so gibt es in der katholischen Kirche zunehmend den Wunsch nach Exorzismus. Diese Menschen kennen das von zu Hause und würden das hier nun ebenfalls gerne in Anspruch nehmen, was unter hiesigen Theologen, wie man so hört, zu einigen Irritationen führt.

In der Schweiz werden Exorzismen durchgeführt?

Selbstverständlich. Der katholische Exorzismus nach dem Rituale Romanum wird zunehmend in Anspruch genommen. Er wird allerdings relativ restriktiv praktiziert: Es braucht zuvor ein psychiatrisches Gutachten, dass keine psychische Störung vorliegt – und es ist nicht gerade häufig der Fall, dass eine solche Störung ausgeschlossen wird. Und es braucht Anzeichen vom Übernatürlichen, da sind also schon gewisse Hürden. Der Exorzismus in der charismatischen, pfingstlichen Szene, der Befreiungsdienst, hingegen kommt sehr viel häufiger vor. Dort wird bei zahlreichen Befindlichkeiten eine Beeinflussung durch böse Geister für möglich gehalten: Wenn ich morgens immer Kaffee brauche, dann könnte ich den Geist des Koffeins in mir haben. Oder wenn ich immer fremdgehe, den Geist des Ehebruchs.

Liegen wir mit den genannten Trends global im Schnitt, oder ist die Schweiz diesbezüglich irgendwie anders als andere Länder der westlichen Welt?

Die Trends in der westlichen Welt sind überall dieselben.

Kann man generell von einer grösseren Zersplitterung der Glaubenslandschaft sprechen? Gibt es quasi für jede Idee, jedes Bedürfnis ein eigenes Grüppchen?

Der Trend zu kleinen Gemeinschaften ist klar. Viele suchen sich lieber ein kleines Grüppchen, in dem genau das Gleiche geglaubt wird, als dass sie sich einer grösseren pluralistischen Gemeinschaft anschliessen.

Es scheint, die Zahl der Atheisten nehme global langsam, aber stetig zu. Die grosse Mehrheit der Menschen jedoch glaubt an irgendetwas. Wieso können die meisten Menschen ohne Glauben nicht leben?

Jeder glaubt an irgendetwas. Auch Atheismus ist ein Glaube – nämlich der, dass es keinen Gott gibt. Die Frage ist, kann man ohne Transzendenz leben? Ich glaube, dieses Bedürfnis gehört zum Menschen, allerdings in ganz unterschiedlichem Ausmass. Es variiert auch je nach Lebensphase. Die klassische Säkularisierungsthese, dass alle Menschen irgendwann die Religion quasi überwunden haben, scheint mir dadurch widerlegt, dass auch Säkulare immer wieder mal religiös werden. Das dürfte es sonst nicht geben.

Welches sind die Motive, einer Gemeinschaft oder Weltanschauung beizutreten?

Die sind recht verschieden. Bei der Esoterik sind es oft Menschen in der Mitte des Lebens, die sich ein bisschen in einer Sackgasse fühlen, beruflich, partnerschaftlich. Da bietet sich die Esoterik an als Leiter in eine höhere, bessere Welt.

Also eine klassische Midlife-Crisis?

Oft ja. Meist ist damit auch das Bedürfnis verbunden, zu einer wissenden Elite zu gehören. Jüngere interessieren sich weniger für Esoterik. Die neigen dann eher zu fundamentalistischen Gruppen. Vielfach aus einer Anomieerfahrung heraus. Eine 16-Jährige ist vielleicht angewidert vom reichhaltigen Sexleben ihrer Kolleginnen und geht dann in eine Freikirche, weil es dort voll okay ist, wenn sie als Jungfrau in die Ehe geht; es ist sogar erwünscht. Sie ist froh, dass sie gewissermassen eine sexfreie Zone gefunden hat. Junge Eltern schliessen sich Freikirchen an, weil die klare Werte vermitteln, die sie weitergeben können. Es ist also oft die Sehnsucht nach Werten.

Wann wird ein Glaube problematisch?

Das ist nicht für jeden gleich. Es kommt immer darauf an, ob man zu einer Gemeinschaft passt oder nicht. Religion ist dann gefährlich, wenn sie zum Bedürfnis des Einzelnen nicht passt; der leidet dann. Ich kann in einer Gruppe sein, die relativ viel Druck ausübt. Wenn der für mich in die richtige Richtung führt, dann fühle ich mich dort wohl, und dann ist das auch okay. Klassisches Beispiel ist ein katholisches Kloster: Hier wird zuerst intensiv geprüft, ob jemand zum Ordensleben passt oder nicht. Salopp gesagt, sind Sekten Klöster ohne Noviziat, die nicht realisieren, dass sie nicht für alle geeignet sind.

Wieso fällt es vielen schwer zu erkennen, dass es nicht passt, und dann einfach gehen?

Viele radikale Gemeinschaften geben einem das Gefühl, zur Elite der Menschheit zu gehören. Wenn man also Sehnsucht nach Bedeutung hat, dann zieht das natürlich an. Und es ist schwierig, den Traum aufzugeben, zur Elite zu gehören. Dazu kommen typische Drohungen: Wer aussteigt, wird im Leben nie mehr Tritt finden und massives Unglück auf sich ziehen etc. Ferner produzieren radikale Gruppen einen permanenten Druck: Das Mitglied muss sich durch steten Einsatz bewähren, sonst gibts Liebesentzug, soziale Ächtung oder gar eigentliche Strafmassnahmen. Aber natürlich gibt es auch in diesen radikalen Gruppen einzelne Mitglieder, die dort durchaus zufrieden und glücklich sind. Es handelt sich meist um Menschen, die Druck gut widerstehen können. Doch leider beschränken sich radikale Gemeinschaften nicht auf diese «passenden» Menschen und werben auch Personen an, die dann schlicht unter die Räder kommen.

Gibt es Gruppen, die nicht nur für den Einzelnen gefährlich werden können?

Potenziell ja, derzeit hier bei uns aber kaum. Es gibt durchaus Gemeinschaften, die unsere westliche demokratisch-freiheitliche Gesellschaftsordnung in ihrem Sinne abändern oder gar ersetzen wollen: Scientology etwa hat das Projekt «Clear Switzerland» präsentiert, nach dem nahezu alle Bereiche der Gesellschaft scientologisch geprägt werden sollen; in manchen Werken der Hare Krishnas wird gefordert, dass eine Form des hinduistischen Kastensystems eingeführt wird; und auch einige fundamentalistisch christliche Gruppen sehen in unserer Gesellschaft massiven Veränderungsbedarf. Aber diese Gruppen sind alle viel zu klein, sie leben ihre politischen Fantasien im Studierzimmer aus. Sobald eine Gemeinschaft mit gesellschaftlichen Ambitionen allerdings plötzlich den Nerv der Zeit treffen und massiv wachsen sollte, müsste man anfangen, sich Sorgen zu machen. Im Auge behalten sollte man sie auf jeden Fall.