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22. September 2014

In der Dose

Urne bei der Beerdigung
Eine Urne bei der Beerdigung. Nicht immer gehts bei Diskussionen ums Sterben mit Kindern so würdevoll zu – logisch oder sinnstiftend aber meist schon. (Bild Fotolia)

Als das Telefon im Morgengrauen klingelt, habe ich bereits ein komisches Gefühl. Als ich dann auch noch die Nummer meiner Eltern auf dem Display sehe, weiss ich: Jetzt ist es so weit. Nun erfahre ich, dass meine Grossmutter gestorben ist. Ich hasse es, recht zu haben.

«Mami, warum sind deine Augen nass?», will Ida wissen. Eva schlingt ihre Ärmchen um mich: «Bist du traurig, weil ich gestern alle Gummibärli aufgegessen habe?»
Gott verdammt! Darf man als Mutter nicht ein Mal in Ruhe weinen und sich ganz dem Schmerz hingeben? Darf man schon. Besonders schlau ist es aber nicht. In einer Familie, in der man sich umeinander kümmert, ist es nur fair, die Kinder einzubeziehen. Die Versuchung, total abzutauchen und mich in meiner Trauer zu suhlen, ist trotzdem riesig.
Dann wirft mir Eva, dieses gute Kind, einen Rettungsring zu: «Mami, was passiert nun mit der Uromi?»
Gute Frage. Also, ähm, räuspern, schneuzen, tief einatmen – und los: «Sie war schon sehr alt, und ihr Körper war mega müde. Deswegen ist sie eingeschlafen.»
«Ich schlafe auch immer ein.» Die Kleine guckt mich fragend an.
«Ja, wenn man jung ist, ist es normal, dass man wieder aufwacht. Am Ende des Lebens ist der Körper aber kaputt, dann wacht er nicht mehr auf.»
«Oh.»
«Ja.»
«Mami, gell du bist noch sehr jung?»
«Ja, ich bin noch sehr jung.»
Die Kleine überlegt.
«Aber du hast doch gesagt, das Urgrossmami sitzt nun beim Urgrosspapi auf der Wolke.»
Metapher, Kind, das ist eine Metapher!
«Ich glaube, es ist so: Ihr Körper ist kaputt, aber ihr Herzchen und ihre Erinnerungen, die fliegen in den Himmel.»
Eva kichert: «Das ist lustig. Dann sitzen zwei Herzen auf der Wolke. Haben diese Herzen Hände, oder wie halten sie sich dort oben fest?»
Logisch, dass das der Moment ist, in dem sich Ida einschaltet:
«Mami, was passiert mit dem Kopf, dem Bauch, den Armen und Beinen der kaputten Uromi?»
«Der Körper wird beerdigt. Das heisst, wir legen ihn in eine Holzkiste. Die nennt man Sarg. Den Sarg tragen wir auf einen Friedhof. Das ist sehr feierlich. Der Pfarrer erzählt vom lieben Gott und von der Uroma. Dann legt man die Kiste in ein tiefes Loch und schaufelt Erde drauf. Nach einer Weile wird der Körper dann auch wieder zu Erde.
«Was ist mit der Kiste?»
«Die zerfällt auch.»
Ida überlegte: «Eigentlich könnte man doch die Kiste weglassen, dann hätte man das Holz gespart.»
Ich gucke Ida verblüfft an. Und dann muss ich schallend lachen. Mann, tut das gut! Meine Kinder gehen unvoreingenommen an das Thema heran. Dieser doofe Spruch «Der Tod gehört zum Leben» ergibt ausnahmsweise einmal Sinn. Ich beschliesse, ihnen nun die ganze, bizarre Wahrheit zu sagen.
«Bei meiner Grossmutter passiert noch etwas Besonderes.»
«???»
«Ihr Körper wird abgeholt und verbrannt, bis nur noch Asche übrigbleibt.»
«???»
«Sie hat sich das so gewünscht, weil der Urgrosspapi auch schon verbrannt wurde. Sie will, dass ihre Asche bei seiner Asche im Boden ist.»
Eva guckt skeptisch: «Man darf nicht ins Feuer greifen, dann verbrennt man sich und das tut weh.»
«Eeeeva, das Urgrosi ist doch schon to-ot, das merkt nichts mehr, gell, Mami?»
«Ähm, ja, genau.»
«Streuen wir die Asche wie Puderzucker über die Uropa-Asche?» will Ida wissen.
Eva sagt: «Igitt! Ich will das nicht anfassen.»
«Nein, die Asche kommt in eine Urne, äh, in ein Gefäss … also in eine Dose, die extra für die Asche gemacht ist. Eine schöne Dose.»
«Eine Tupperdose?» fragt Eva. Ida stöhnt : «Nei-ein, sicher ni-icht …»
Eva überlegt laut weiter: «Ich hätte gerne eine rosarote Tupperdose für die Asche, Rosarot ist nämlich meine Lieblingsfarbe. Mami, können wir der Uromi eine pinkige Dose geben?»
Ida schüttelt energisch den Kopf: «Wenn ich mal tot bin, will ich keine Dose, ich will eine Kiste.»
«Aber, Ida, da kann man doch gar nicht atmen.» Eva formt mit ihrer linken Hand ein Gefäss und macht mit ihrer rechten einen Deckel. «Guck, keine Luft drinnen. Das ist wie mit den Plastiksäcken, die sich die Kinder niemals über den Kopf stülpen dürfen.»

Unser Gespräch geht noch tagelang so weiter. Es ist ein wenig wie Schluckauf. Immer, wenn ich denke, nun ist das Thema durch, macht es wieder Hicks! – und meine Töchter haben eine neue, bizarre Frage. Ich lasse alles zu. Wir nähern uns dem Tod mit viel Humor und ohne Tabus. Dann kommt der Tag der Beerdigung. Wir sind schon sehr früh auf dem Friedhof. Dort steht sie, die metallene Urne, auf einer Marmorstele, rundherum brennen Kerzen, überall stehen Blumengestecke auf dem Boden. Eva bittet mich, sie hochzuheben. Sie tätschelt mit ihrer Hand das Gefäss und nuschelt «Tschüss, Urgrossmami.» Nun bin ich mir sicher: Alles richtig gemacht.
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Autor: Bettina Leinenbach