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24. November 2014

In den Fussstapfen der Eltern

Wie die Mutter, so die Tochter: Wieso Kinder oft den gleichen Beruf wie ihre Eltern ergreifen. Machen auch Sie dasselbe wie Mutter oder Vater – und warum? Verraten Sie es unten in einem Kommentar.

Genau das Gleiche tun wie Mami: Claudia Stark (33) wusste schon im Kindergarten, dass sie einmal wie ihre Mutter Hebamme werden wollte. Das medizinische Wörterbuch «Pschyrembel» war ihr Lieblingsbilderbuch, und ein Hausbesuch bei Frauen im Wochenbett war damals für das kleine Mädchen das Grösste. Heute leitet sie Geburten im Gebärsaal, ihre Mutter arbeitet in der Wochenbettabteilung. «Ich bin stolz auf mein Mami und bin gern dasselbe wie sie. Wir können viel voneinander lernen», sagt sie. Adrian Zweifel (32) ist wie sein Vater Lehrer und findet es bereichernd, mit seinem Vater Mathematikprüfungen zu erarbeiten oder sich im Lehrerzimmer mit ihm auszutauschen. «Durch meinen Vater habe ich schon als Kind gesehen: Lehrer sein ist ein toller Job. Das wollte ich auch», sagt er.

Wenn Kinder in die Fussstapfen ihrer Eltern treten, kann das manchmal auch mehr Fluch als Segen sein. Speziell bei Familienunternehmen sind die Erwartungen an die nachfolgende Generation hoch. Und trotzdem kommt es vor, dass Söhne und Töchter sich für die Laufbahn ihrer Eltern entscheiden. Das ist besonders der Fall, wenn die Nachkommen in der Kindheit positiv mit dem Elternberuf in Kontakt kommen. Wolfgang Hantel-Quiltmann, Familienpsychologe und Professor an der Universität für angewandte Wissenschaften Hamburg, sagt: «Wenn die Eltern den Kindern das Gefühl vermitteln, in ihrem Beruf etwas Sinnvolles und Befriedigendes zu tun, dann erscheint den Kindern dies auch erstrebenswert.» Zusätzlich sind die Eltern bei der Berufswahl von Jugendlichen die Bezugspersonen Nummer eins, wie Markus Neuenschwander von der Fachhochschule Nordwestschweiz herausfand: «Sie beraten, geben Ratschläge, initiieren und ermutigen Berufswahlaktivitäten ihrer Kinder.» Der Leiter des Forschungszentrums Lernen und Sozialisation hat verschiedene Untersuchungen zur Berufswahl und dem Einfluss der Familie gemacht und weiss: Jugendliche übernehmen in hohem Ausmass die beruflichen Aspirationen ihrer Eltern.

Auch die Gene und die Erziehung tragen ihren Teil bei. Andreas Hirschi, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Universität Bern, bestätigt: «Eltern vererben ihren Kindern Interessen und Persönlichkeitseigenschaften und erziehen sie mit gewissen Werten. Auch das hat Einfluss auf die Berufswahl.» Marina Wetli (24) zum Beispiel hat noch heute die Polizei­geschichten präsent, die ihr Vater beim Abendessen erzählte. Als er einmal ein vermisstes Mädchen wiederfand, wusste Marina: Das war es, wovon sie träumte. Nun ist sie in die Fussstapfen ihres Vaters getreten, fährt auf der Autobahn Patrouille und wünscht ihm abends über Polizeifunk «Guet Nacht, Päpu!».

«Ich dachte immer, dass Lehrer ein toller Beruf ist»

Siegfried Zweifel und Adrian Zweifel sind beide Lehrer aus Leidenschaft.
Siegfried Zweifel und Adrian Zweifel sind beide Lehrer aus Leidenschaft.

Siegfried Zweifel (59) Lehrer für Mathematik, Werken und Informatik in der Mädchenschule der Flade im Gallusschulhaus St. Gallen, lebt in Degersheim SG, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Adrian Zweifel (32), Lehrer für Mathematik, Natur & Technik, Informatik und Sport ebenfalls im Gallusschulhaus, lebt in Degersheim, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Siegfried Zweifel: «Als ich damals nach dem Gymnasium als Aushilfs­lehrer gearbeitet habe, hiess es: ‹Endlich ein zackiger Cheib, der für Ordnung sorgt.› Am Schluss des Semesters wäre ich mit allen Schülern Pferde stehlen gegangen. Aber als der ‹Fosgi› einmal einen Mitschüler angespuckt und dann den Strafaufgabenzettel zerrissen hat, habe ich ihm eine gewaschen.»

Adrian Zweifel: «Was, das hast du mal gemacht? Und dass du noch alle Namen kennst!»

Siegfried Zweifel: «Natürlich, die erste Klasse bleibt dir immer.»

Adrian Zweifel: «Wir waren ja beide in der Jungwacht und mochten die Arbeit mit Jugendlichen. Ich wusste schon als kleiner Bub, dass ich mal Lehrer werden möchte.»

Siegfried Zweifel: «Du hast mich anscheinend als sehr ausgeglichen und zufrieden empfunden.»

Adrian Zweifel: «Absolut. Ich dachte immer, dass Lehrer ein toller Beruf ist. Du kamst nie gestresst heim. Und wir durften mit in die Ski- oder Wanderlager. Gleichzeitig wusste ich durch dich, wie viel harte Arbeit hinter dem Beruf steckt.»

Siegfried Zweifel: «Weisst du noch, als du vor eineinhalb Jahren an die Flade gekommen bist? Ich war mächtig stolz und wusste sofort: Wenn mit jemandem, dann mit dir. Für mich ist jeder Junglehrer eine Bereicherung. Das war in meinen Anfängen vor 40 Jahren anders: Da unterrichteten noch die Nonnen, die sich fast totkrampften und im Türmli wohnten. Als Junglehrer hätte ich mich nicht getraut, sie um Hilfe zu bitten.»

Adrian Zweifel: «Heute werden Junglehrer nicht ins kalte Wasser geworfen. Sie werden als wertvoll angesehen.»

Siegfried Zweifel: «Was ich nicht so gut finde, Adi: Bei der Auswahl der Studienrichtung werden mehr Rosinen gepickt. In meiner Ausbildung habe ich von Mathematik über Turnen bis Werken alles belegen müssen.»

Adrian Zweifel: «Ich auch. Dazu ist es wichtig, die Schülerinnen in so vielen Stunden wie möglich zu haben. So kann man erst Vertrauen herstellen.»

Siegfried Zweifel: «Wichtig ist, dass die Klasse dich als Menschen erfährt. Die Schülerinnen dürfen es auch mal wissen, wenn ich traurig bin.»

Adrian Zweifel: «Ich schicke meine Schülerinnen auch mal mit meiner Postcard zum Einkaufen. Die würden mich nie übers Ohr hauen.»

Siegfried Zweifel: «Heute wird viel zu viel auf die Defizite geachtet. Schon im Kindi wird zuerst geschaut: Was kann das Kind nicht?»

Adrian Zweifel: «Ja, es wird sofort in 1000 Abklärungen geschickt. Es gibt auch Lehrer, die in den ersten Wochen aussortieren möchten. Ich sehe das anders, ich schaue nie vorher die Schülerdossiers an.»

Siegfried Zweifel: «Bravo, ich auch nicht. Bei mir dürfen sie neu anfangen.»

Adrian Zweifel: «Ich höre manchmal lustige Sprüche von den Schülerinnen. Die fragen zum Beispiel: ‹Wo ist der alte Herr Zweifel? Ääh, Zweifel senior?›»

Siegfried Zweifel: «Letztens war eine herzig. Die sagte zu mir: ‹Sie händ so en coole Sohn!›»

«Wir sind uns ziemlich ähnlich»

Marina Wetli ist in die Fussstapfen ihres Vaters Daniel Wetli getreten.
Marina Wetli ist in die Fussstapfen ihres Vaters Daniel Wetli getreten.

Daniel Wetli (49), Bezirkschef auf dem Kantonspolizeiposten Burgdorf, ist seit 24 Jahren Polizist, verheiratet und Vater zweier Kinder.

Marina Wetli (24)arbeitet seit zwei Jahren in Bern bei der mobilen Polizei. Auch ihr Freund ist Polizist.

Daniel Wetli: «Es war nicht mein Bubentraum, Polizist zu werden. Ich habe Mechaniker gelernt. Irgendwann wurde mir klar: Das ganze Leben in der Werkstatt zu verbringen, konnte es nicht sein. Schon am ersten Tag in der Polizeischule hat es mir dann den Ärmel reingenommen. Nach 24 Dienstjahren kann ich immer noch voll hinter dem Beruf stehen.»

Marina Wetli: «Genau, es sind ja schon 24 Jahre, Päpu! Du erzählst immer, dass du mitten in den Abschlussprüfungen ins Spital musstest, weil ich auf die Welt kam. Ich weiss auch noch genau, wie Mami früher sagte: ‹Du musst leise sein, der Päpu hatte Nachtdienst.›»

Daniel Wetli: «Der Beruf lässt sich nicht immer leicht mit der Familie verbinden. Da braucht es die ganze Familie als Rückhalt. Wir müssen nur aufpassen, wenn am Familientisch drei begeisterte Polizisten (Marinas Freund ist auch Polizist) fachsimpeln, dass der Schreinerlehrling und die Mutter nicht vernachlässigt werden.»

Marina Wetli: «Es ist ein lustiges Gefühl, den eigenen Vater im Polizeifunk zu hören. Ich höre bei dir immer mit, auch wenn ich ganz woanders bin. Oder schicke dir abends mal ein ‹Pfuus guet› über den Funk.»

Daniel Wetli: «Es war auch für mich speziell, als ich dich das erste Mal über Funk hörte. Wenn du zu einem Einsatz gerufen wirst, bin ich gedanklich immer dabei. Ich kenne diesen Beruf und weiss, welche Gefahren man antreffen kann.»

Marina Wetli: «Ein mulmiges Gefühl hatte ich damals, als ich bei der Demonstration ‹Tanz dich frei› an der Front war.»

Daniel Wetli: «Als du an der Polizeischule warst, hörte ich öfter von Kollegen: ‹Spinnst du? Wieso redest du ihr das nicht aus?› Das wäre mir aber nie eingefallen. Wir haben immer offen miteinander diskutiert, und du kennst die Risiken des Jobs. Mich freut es total, dass du bei der Polizei bist. Obwohl der Beruf sich über die Jahre verändert hat. Früher war ab ein Uhr morgens niemand mehr unterwegs. Die Gesellschaft ist ein 24-Stunden-Betrieb geworden. Da sind auch die Anforderungen an die Polizei gestiegen.»

Marina Wetli: «Ich weiss noch genau, wie du damals am Znachttisch erzählt hast, wie du dieses vermisste Meitli gefunden hast. Diese Aktion verkörpert genau das, was man von der Polizei erwartet: dass sie für die Leute da ist. So was wollte ich auch. Klar, in der Grundschule war es nicht so cool, dass ich einen Polizisten als Vater habe. Ich wurde ‹Schmierlatztochter› genannt. Aber ich habe dich immer verteidigt.»

Daniel Wetli: «Damals war ich halt noch im gleichen Ort Polizist. Da haben eben viele schon mal Bekanntschaft mit dem Polizisten Wetli gemacht. Und jetzt gibt es zwei davon.»

Marina Wetli: «Wir sind uns ziemlich ähnlich. Wir haben beide einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und mögen das Organisieren.»

Daniel Wetli: «Du bist kreativer als ich. Aber es stimmt schon, wir sind beide Teamplayer. Für mich fägt es total, mit dem Team zu arbeiten. Besonders die Arbeit mit den Jungen.»

Marina Wetli: «Ich habe das Gefühl, in den zwei Jahren schon so viel erlebt zu haben. Manchmal würde ich am liebsten mitheulen. Ich liebe es, wenn eine Geschichte ein Happy End hat. Zum Beispiel, als es mir gelang, drei ausgesetzte Kätzchen an einen Platz zu vermitteln.»

Daniel Wetli: «Wir sind ja auch nur harmoniebedürftige Menschen.»

«Ich finde es schön, dass du auch Hebamme bist»

Dora Stutz arbeitet in der Familienabteilung, ihre Tochter Claudia Stark leitet Geburten.
Dora Stutz arbeitet in der Familienabteilung, ihre Tochter Claudia Stark leitet Geburten.

Dora Stutz (57) arbeitet seit 23 Jahren auf der Familienabteilung des Spitals Uster. Sie wohnt in Greifensee ZH, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Claudia Stark (33) arbeitet seit acht Jahren im Spital Uster. Sie wohnt in Nänikon ZH, ist verheiratet und hat drei Kinder (1, 3 und 5).

Claudia Stark: «Bei mir kam der Wunsch für den Beruf Hebamme ganz klar durch dich, Mami. Ich war vier Jahre alt, als du mich als freiberufliche Hebamme zu Besuchen mitnahmst. Ich wollte immer zusehen, was du mit den Müttern und den Neugeborenen machst. Mir war schon im Kindergarten klar, dass ich einmal Hebamme werden will.»

Dora Stutz: «Ich finde es schön, dass du auch Hebamme bist. Aber es war nicht mein Traum, dass du den gleichen Beruf lernst wie ich.»

Claudia Stark: «An diesem Beruf fasziniert mich die Abwechslung: Ich habe über 200 Geburten begleitet, und doch ist keine gleich. Da sind wir total unterschiedlich: Du bist auf der Wochenbettabteilung geblieben, ich brauche den Gebärsaal.»

Dora Stutz: «Ich habe mich damals nach meiner Lehre nicht getraut, in den Gebärsaal zu gehen. Dann wurde ich schwanger und kam nicht mehr dazu. Im Gebärsaal ist alles kurz und heftig, der Moment zählt. In der Wochenbettabteilung kann man eine längerfristige Beziehung aufbauen, das liegt mir. Du bist mehr der spontane Typ.»

Claudia Stark: «Das Begleiten über mehrere Tage liegt wirklich in deiner Begabung. Dir macht es nichts aus, 1000 Mal das Gleiche zu erzählen.»

Dora Stutz: «Nein, überhaupt nicht. Ich trage gern Verantwortung und schätze es, auf der Familienabteilung selbständig arbeiten zu können.»

Claudia Stark: «Ich finde es schön, dass wir am gleichen Ort arbeiten. Es ist völlig normal geworden, dass wir uns an Weiterbildungen und an Teamsitzungen sehen. Der einzige Nachteil ist, dass man privat anfängt, über Berufliches zu reden. Dann fühlen sich unsere Familienmitglieder auch mal ausgeschlossen. Wenn ich mal etwas Belastendes habe, kann das aber auch helfen, mit dir darüber zu reden. Du stehst ja unter Schweige­pflicht.»

Dora Stutz: «Ich bin seit 40 Jahren Hebamme. In der Geburtshilfe hat sich seither viel verändert. Wir haben damals allen Frauen die Fruchtblase gesprengt, jeder Frau eine Infusion gelegt, jedem Kind eine Kopf-Elektrode gemacht. Da stehen einem die Haare zu Berge, wenn man das hört. Heute ist die Geburtshilfe viel individueller. Dafür ist die Kaiserschnittrate gestiegen, es gibt ein grösseres Bedürfnis nach Sicherheit.»

Claudia Stark: «Heute darf nichts mehr passieren. Früher wurde man gar nicht nach seinen Bedürfnissen gefragt. Heute können Frauen eine Wassergeburt wünschen – sie haben viele Optionen.»

Dora Stutz: «Ich wüsste selber nicht mehr, wie ich gebären würde.»

Claudia Stark: «Als ich selbst im Wochenbett war, konnte ich sehr von deinem Wissen profitieren. An die Tests hätte ich nie gedacht, ich war einfach Mami. Nach ein paar Tagen kamst du und meintest, mein Kind sei etwas gelb. Ich hätte das nie gesehen. Ich wusste: Du merkst, wenn was nicht stimmt.»

Dora Stutz: «Mir hat dafür deine Ausbildung viel gebracht. Ich hatte beim Abfragen immer wieder selber Aha-Erlebnisse.»

Claudia Stark: «Wir sind uns sehr nah. Gleichzeitig fühle ich mich in unserer Beziehung total frei. Wenn du mir einen Tipp gibst, meine ich nicht, ihn umsetzen zu müssen. Beim Arbeiten hatte ich nie das Gefühl, dass unsere Verwandtschaft mit Erwartungen gekoppelt ist. Ich bin wahnsinnig gern das Gleiche wie du. Du bist mir ein grosses Vorbild. Wenn die Leute sagen: ‹Du bist wie dein Mami.› ‹No so gern!›, sage ich da.»

Diese Schweizer Promi-Kinder sind in die Fussstapfen ihrer Eltern getreten

Autor: Silja Kornacher