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09. September 2013

Impfen oder nicht impfen

Welche Impfungen empfehlen Ärzte Kindern und Erwachsenen, was sollte regelmässig wiederholt werden? Und wie hoch ist eigentlich die Durchimpfungsrate in der Schweiz? Migrosmagazin.ch beantwortet die wichtigsten Fragen.

Ein Kind lässt sich impfen
Ein Kind lässt sich impfen (Bild: Fotolia/Corbis).

Am 22. September stimmen Schweizerinnen und Schweizer über das neue Epidemiengesetz ab. Über die Folgen sind sich Befürworter und Gegner uneins. Kern der Diskussion: Bedeutet die Annahme einen Impfzwang oder nicht? Der zuständige Bundesrat, Alain Berset, verneint im Interview mit dem Migros-Magazin. Gegner behaupten das Gegenteil. Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen: Es geht um ein «Impfobligatorium». Will sich zum Beispiel Pflegepersonal nicht impfen lassen, wird es in der Theorie einfach in eine andere Abteilung versetzt.

Stand heute keine Pflicht

Dasselbe gilt allerdings schon heute: Es gibt keine Pflicht, sich gegen eine Krankheit zu impfen. Niemand kann zum Beispiel Eltern zwingen, ihre Sprösslinge vor Starrkrampf, Masern, Hepatitis B oder Kinderlähmung zu schützen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) spricht lediglich Empfehlungen für Kinder, Jugendliche sowie Erwachsene aus . Es gibt aber gibt es in der Schweiz zahlreiche Menschen, die bei sich selbst oder ihren Kindern bewusst auf Impfungen verzichten – weil sie den Ärzten nicht vertrauen, das Risiko der Impfung höher einschätzen als die mögliche Krankheit oder als Kind selbst erkrankten und sich sagen: «Ich lebe schliesslich immer noch.»

Das BAG hat in einer repräsentativen Studie die sogenannten Durchimpfungsraten der Schweiz zwischen 2008 und 2010 erhoben (PDF) : Bei Kleinkindern liegt sie für Diphtherie, Tetanus, Pertussis und Poliomyelitis aktuell bei 88 Prozent und hat sich seit der letzten Messung (2005 bis 2007) um drei bis vier Prozentpunkte gesteigert. Bei Kleinkindern erreicht keine wichtige Impfung eine Quote von über 90 Prozent. Bei Schulein- und -austritten im Alter von ca. 8 bzw. 16 Jahren sind sie leicht höher, übersteigen die genannte Zahl aber nur in den seltensten Fällen.

Teilweise tiefe Impfquoten

Mit am tiefsten ist die Impfrate ausgerechnet bei bei Masern, einer Krankheit die besonders für Erwachsene und Schwangere sehr gefährlich sein kann. Die Quote liegt bei Kleinkindern bei 83 und Schülerinnen sowie Schülern bei 85 Prozent. Zwar lässt sich verglichen mit der letzten Messung ein Anstieg von etwa zehn Prozentpunkten feststellen, aber wirklich zufrieden sind die Behörden damit nicht. Erst ab einer Durchimpfungsquote von 95 Prozent könnten die Masern längerfristig komplett ausgerottet werden, sagen Bundesrat und Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Zu denken geben dem Bund auch die grossen Unterschiede zwischen den einzelnen Kantonen: Während Genf die WHO-Vorgabe mit 93 Prozent fast schon erreicht, liegt Appenzell Innerrhoden mit 50 Prozent noch weit davon entfernt. Im «Tages-Anzeiger» versucht der zuständige Kantonsarzt Renzo Saxer eine Erklärung: «Viele Innerrhödler haben das Gefühl, es könne sie nicht erwischen.» Dies nicht zuletzt wegen der intakten Natur und der frischen Luft. Und wenn es trotzdem einmal passiert, dann vertrauen sie den eigenen Methoden, respektive jenen ihrer Eltern und Grosseltern und machen Essigwickel, wenn sie Fieber haben, so Saxer.

Interessanterweise zählt der Kanton Appenzell-Innerrhoden trotz der tiefen Impfquote nicht zu den besonders stark betroffenen Gebieten. Von den 140 Maser-Erkrankungen in diesem Jahr stammen die meisten Betroffenen aus dem Tessin und der Zentralschweiz. Kann also getrost aufs Impfen verzichtet werden? Nein, sagt das Bundesamt für Gesundheit und führt als Beispiel die Kinderlähmung an. Dank einer hohen Durchimpfungsrate ist die Krankheit in Europa seit über zehn Jahren nicht mehr aufgetaucht.

Impfen als Geldmacherei

In der Erhebung misst das BAG lediglich die Impfquoten bis zum 16. Lebensjahr. Nicht berücksichtigt sind die empfohlenen Erneuerungen gegen Tetanus und Diphtherie alle zehn Jahre. Zudem sollten sich laut der Behörde Menschen ab 65 Jahren, Patienten mit chronischen Krankheiten, Zuckerkranke, Menschen mit abgeschwächtem Immunsystem und Beschäftigte im Gesundheitswesen gegen die Grippe impfen lassen.

Doch gerade beim Schutz gegen die Influenza – also die normale Grippeerkrankung – gab es in der Vergangenheit die grössten Diskussionen. Während die Behörden bestimmten Bevölkerungsgruppen wie Säuglingen, Schwangeren oder älteren Menschen eine Impfung empfehlen, schreiben die Gegner auf ihrer Website , dass es keinen unzweifelhaften Beweis für die Grippeimpfung gebe und sich die Behörden bei der Beurteilung der Gefahr auf die Interessen von Impfstoffherstellern verlassen würden.

Am Schluss steht der Entscheid Schweizerinnen und Schweizern frei: impfen oder nicht impfen: Wie halten Sie's?

Autor: Reto Vogt