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21. März 2016

Immer schön Augen zu und durch

«Klappt doch, Mami!»
«Klappt doch, Mami!» (Bild: Getty Images)

Wenn ich mal wieder mit dem Kopf durch die Wand will (obwohl die Tür offen steht), schiebe ich es gern auf meinen italienischen Ururgrosspapa. Schuld an meinem Überengagement sind seine südländischen Gene, die garantiert noch aktiv sind. Il temperamento, la passione e le emozione – was Frau Leinenbach will, das will sie. Sofort. Aus dem Grund bin ich übrigens Kolumnistin geworden – und nicht im diplomatischen Dienst tätig …

Obwohl ich es schon lange ahnte, bin ich mir nun sicher, dass ich diese Erbanlagen zumindest an eine meiner Töchter weitergegeben habe. Könnte Giovanni Fortina, geboren am 26. Februar 1861 in Oleggio, meine Eva, geboren am 11. August 2010 in Uster, kennenlernen, ich bin sicher, er würde Tränen lachen. Dieses zarte Ding mit den dünnen blonden Haaren hat mehr Temperament als eine gestandene Operndiva.

Neulich beschloss Eva, sich eine Rapunzelmähne wachsen zu lassen. «Wir gehen erst wieder zur Coiffeuse, wenn die Haare über den Boden schleifen», informierte sie mich. Da der Plan auch die Stirnfransen mit einschliesst, läuft das Kind nun mit einem Vorhang durch die Gegend.

blau-violettes Osterei (Osterwettbewerb)
blau-violettes Osterei (Osterwettbewerb)

Wenn es etwas sehen will, dann kippt es den Kopf keck zur Seite. «Klappt doch, Mami!» Die meiste Zeit hat Eva aber keinen Durchblick. Das sehen die Kindergärtnerinnen und natürlich auch die anderen Mütter. Die Italienerin in mir bestand lautstark auf Spängeli, Gümmeli, Haarbänder. «So gehst du mir nicht aus dem Haus, Signorina!» Die Mini-Italienerin in meiner Tochter zeigte mir daraufhin (im übertragenen Sinn) den Vogel. «Ich will keine Spängeli. Basta!»

Obwohl wir alle mit unseren Genen leben müssen, haben wir dennoch im Alltag die Möglichkeit, unseren Erbanlagen weniger Beachtung zu schenken. Deswegen habe ich beschlossen, der temperamentvollen Mamma, die sich gern durchsetzt und die Oberhand behält, etwas weniger Platz einzuräumen. Augen zu und durch. Klappt ganz gut. Eva darf meinetwegen wie ein Yeti herumlaufen. Und ich lerne eine neue Seite an mir kennen: dolce far niente. Auch mal schön.

Autor: Bettina Leinenbach