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06. Februar 2017

Immer nur Mami

Kinder fokussieren manchmal auf einen Elternteil. Das kann schmerzhaft für den anderen sein. Eine bessere Aufgabenteilung kann Wunder wirken.

Mutter, Vater und Kind
Buhlen um die Aufmerksamkeit des Kindes: Manchmal fühlt sich ein Elternteil ausgeschlossen (Bild: Guido Mieth/Getty Images).

Marianne ist verärgert. Lewis (6) hat sich das Knie aufgeschürft und will ein Pflaster und die tröstenden Worte partout von ihr, während ihr Mann Moritz ratlos danebensteht. Auch nachts ruft der Sohn immer nach der Mama – obwohl beide Elternteile halbtags arbeiten und sich regelmässig um ihr Kind kümmern.

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«Es hängt von der Entwicklung ab, wie sehr Kinder auf jemanden fokussiert sind», erklärt die Step-Elternkurs-Leiterin Liselotte Braun (55). Im Alter von eineinhalb bis zweieinhalb Jahren suchen Kinder oft besonders viel Sicherheit, meist bei einer einzigen Person. Oft trauen sich Väter die Betreuung von Babys nicht zu und leben in der Vorfreude, später mit dem Nachwuchs spielen zu können.

Ein Trugschluss: «Regelmässiger Kontakt zum Kind ist von Anfang an wichtig», sagt die Expertin. Kinder mit einer guten Beziehung zum Vater können sich leichter von der oft starken Bindung zur Mutter lösen. Auch die Mütter müssen bereit sein loszulassen. «Leider denken sie viel zu oft, dass sie nichts mehr wert seien, wenn die Kinder sich auch dem Vater zuwenden.»

Machtspiel nicht ausgeschlossen

Für die Fokussierung auf einen Elternteil gibt es unterschiedliche Gründe. «Die Identifikation mit demselben Geschlecht kann eine Rolle spielen», erklärt Liselotte Braun. «Oder das Kind geniesst es, mit dem anderen Elternteil andere Dinge unternehmen zu können.»

Es kommt vor, dass der weniger anwesende Elternteil in Beschlag genommen wird, sobald er einmal da ist. Das kann sich zu einem Machtspiel ausweiten, in dem das Kind gewinnen will. Und manche Kinder holen sich nachts die Aufmerksamkeit, die sie tagsüber ver­missen – auch bei dem Elternteil, der oft verfügbar ist. Anwesend zu sein, heisst nicht automatisch, dass das Kind sich wahrgenommen fühlt.

Dass der kleine Lewis sich so auf seine Mutter konzentriert, ärgert nicht nur sie, sondern auch den Vater. Marianne hat mit Lewis darüber gesprochen, dass er den Papi mehr einbeziehen soll. Sie selbst will sich künftig stärker zurücknehmen. Die Eltern sind nun konsequenter in der Betreuung und wechseln sich beispielsweise abends beim Geschichten­erzählen ab. 

Mehr Informationen zu Step-Elternkursen: www.instep-online.ch

Autor: Claudia Langenegger