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03. September 2012

Immer auf dem Sprung

Die Sportart Parkour hat sich von den französischen Städten in die ganze Welt hinaus verbreitet. Dabei geht es um mehr, als nur über Hindernisse zu springen: Parkour ist eine Lebenseinstellung.

Traceur Kevin Fluri


Kevin Fluri: 
«Beim Training fühle ich mich frei!»
Ein Bild aus Nick Metzgers Video
Ein Bild aus Nick Metzgers Video

Die spektakulären Videos der drei Parkour-Cracks:

Traceurin Mirjam Thurnheer (21)

Traceur Nick Metzger (16)

Profi-Traceur Kevin Fluri (22)


Es sieht aus, als hätten sie Superkräfte, wenn sie mit Leichtigkeit und Präzision von einer Mauer auf die nächste springen oder Wände hochklettern: Kevin Fluri (22), Nick Metzger (16) und Mirjam Thurnheer (21) gehen ungewöhnliche Wege. Sie spazieren nicht um Absperrungen, Container oder Sitzbänke herum — sie springen drüber. Sie bezeichnen sich als Traceure und sind leidenschaftliche Anhänger einer Sportart, die in den letzten zehn Jahren vor allem über Actionfilme und Musikclips den Weg zu einer grossen Fangemeinschaft gefunden hat: Parkour. Es geht darum, möglichst effizient von A nach B zu kommen und dabei fliessend und kräftesparend Hindernisse zu überwinden. Pure Harmonie zwischen Körper, Geist und Umwelt.

«Seit ich Parkour mache, bin ich mental stärker geworden», sagt Nick Metzger. Der Sportgymnasiast träumt davon, eines Tages als Stuntman zu arbeiten, und erinnert sich noch gut an seine ersten Versuche vor drei Jahren: «Ich sprang von einem winzigen Mäuerchen zum nächsten und kam mir dabei ziemlich doof vor», erzählt er und lacht. Heute habe er keine Hemmungen mehr, könne besser einschätzen, wozu er fähig sei, und darauf vertrauen.

Aus Parkour hat sich Freerunning entwickelt

Ursprünglich war Parkour eine Trainingsmethode des französischen Militärs. Der Marine-Offizier Georges Hébert war Anfang des 20. Jahrhunderts derart fasziniert von der Art und Weise, wie sich Naturvölker in ihrer Umgebung bewegten, dass er die Méthode naturelle entwickelte. In Camps trainierte er Soldaten, die so körperliche und geistige Stärke erlangen, tapferer, selbstloser und mutiger werden sollten. Die Soldaten sollten um ihr Leben rennen können, so schnell und lange wie möglich.

Einer dieser Soldaten lehrte diese Trainingstechnik Jahrzehnte später seinem Sohn. Der Sohn hiess David Belle und gilt heute als unumstrittener Begründer von Parkour. Er übertrug die Méthode naturelle auf die Stadt: Beton, Strassen, Häuserfassaden. Das war Ende der 80er-Jahre. Unlängst hat sich Parkour weiterentwickelt: Einer von Belles Freunden, Sébastian Foucan, erfand ausgehend von Parkour das «Freerunning», das mehr Wert auf akrobatische und ästhetische Elemente legt. Anders als Parkour lässt Freerunning auch Wettbewerb und Konkurrenz zu.

Fernziel: Parkour als Bestandteil des Schulunterrichts

«Die Grenzen zwischen den beiden Sportarten sind fliessend», ist Kevin Fluri überzeugt, einer der wenigen in der Schweiz, die von diesem Sport leben können. Man müsse mit der Zeit gehen. Dass man mit Parkour oder Freerunning Geld verdient, sei nicht verwerflich. Mit ein paar Freunden hat der Basler World Parkour Family (WPF) gegründet, eine Firma, die Parkour- und Freerunningkurse anbietet, Trainingscamps organisiert und ihr Können mit Auftritten in Medien zu Geld macht. «Unser grosser Traum ist es, dass Parkour sich genauso etabliert wie Badminton oder Fussball», sagt Kevin Fluri. Parkour und Freerunning sollen eines Tages zum festen Bestandteil des Schulunterrichts werden.

Vielleicht würden sich dann auch mehr Frauen an Parkour heranwagen, denn noch sind es vor allem Männer, die den Sport ausüben. Mirjam Thurnheer stört das nicht: «Ich muss mich nicht mit anderen messen oder mit krassen Sprüngen prahlen.» Jeder könne ein Traceur sein, alles, was es brauche, sei die Fähigkeit, sich gut einzuschätzen. Sicherheit ist die oberste Maxime. Die Distanz, die es in der Luft zu überwinden gilt, übt sie vorher am Boden — nicht in Metern, sondern in Füssen. «Mein Fuss hat Grösse 37. Unterdessen kann ich, ohne abzumessen, sagen, wie viele Füsse es von Mauer zu Mauer sind.» Ein wenig stärker fühle sie sich schon, seit sie trainiere. «Früher hatte ich Höhenangst. Heute kann ich problemlos in drei Meter Höhe rumhangeln!»

Kevin Fluri, Profi-Traceur und Freerunner
Kevin Fluri, Profi-Traceur und Freerunner

Beim Training fühle ich mich frei!

Kevin Fluri

Alter: 22

Wohnort: Basel

Beruf: Profi-Traceur und Freerunner

Traceur/Freerunner seit: 5 Jahren

Meine erste Erinnerung an Parkour:«Ohne zu wissen, worum es ging, hatte ich vor fünf Jahren den Film ‹Yamakasi› gekauft, ein Film über Traceure. Ich war sofort total fasziniert.»

Der schönste Ort, an dem ich trainiert habe:«In Kuwait in einem Dorf namens Failake in und auf verlassenen Häusern.»

So fühle ich mich, wenn ich trainiere:«Mit einem Wort: Frei!»


Ich kann Hindernisse so überwinden, wie ich es will, ohne Regeln.

Mirjam Thurnheer

Alter: 21

Wohnort: Schaffhausen

Beruf: Praktikantin Sport- und Eventmanagement

Traceurin seit: 3 Jahren

Meine erste Erinnerung an Parkour:«Nachdem ich acht Jahre lang Leichtathletik betrieben hatte, wollte ich etwas total Neues ausprobieren.»

Der schönste Ort, an dem ich trainiert habe:«Mitten in der Natur von Fontainebleau, in der Nähe von Paris.»

So fühle ich mich, wenn ich trainiere:«Es ist ein Gefühl von Freiheit. Ich kann meinen eigenen Weg gehen, Hindernisse so überwinden, wie ich es will, ohne Regeln. Nur ich und mein Körper und das Wissen, dass ich alles schaffen kann, was mein Körper mitmacht.»


Es ist das pure Glücksgefühl.

Nick Metzger

Alter: 16

Wohnort: Luzern

Beruf: Sportgymnasiast

Traceur seit: 3 Jahren

Meine erste Erinnerung an Parkour:«Vor knapp drei Jahren habe ich den James-Bond-Film ‹Casino Royale› gesehen, wo am Anfang Traceure vorkommen. Danach habe ich an der Basler Messe spontan einen Workshop besucht.»

Der schönste Ort, an dem ich trainiert habe:«In der Natur, ganz besonders im Wald.»

So fühle ich mich, wenn ich trainiere:«Frei und ohne jeglichen Stress. Es ist das pure Glücksgefühl.»

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: Manuel Zingg