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30. Januar 2012

«Im Zweifel übernimmt der Arzt»

Margrit Kessler (63), Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz, beantwortet fünf Fragen zum Projekt NetCare der Apotheken.

Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Stiftung Patientenschutz
Margrit Kessler ist Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz. (Bild: Kathrin schulthess)

1. Margrit Kessler, 200 Schweizer Apotheken starten unter dem Namen NetCare ein Pilotprojekt, bei dem die Apotheker quasi als Hausarzt fungieren und bei Bedarf die Online-Arztpraxis Medgate zuschalten können. Übers Internet werden dann Diagnosen gestellt und Medikamente verschrieben. Was halten Sie aus Patientensicht von diesem neuen Modell?

Viele junge Menschen, vor allem in den Städten, haben heute keinen Hausarzt mehr. Sie werden diese Dienstleistung gerne in Anspruch nehmen. Sie werden sich nicht daran stören, dass der Arzt nur auf dem Bildschirm erscheint. Ältere Menschen hingegen wünschen sich eher persönlichen Kontakt mit dem Hausarzt.

2. Sie glauben also nicht, dass die Schweizer bereit sind, zum Apotheker ein ähnlich tiefes Vertrauensverhältnis aufzubauen wie zum Arzt?

Bis heute ist das leider nicht der Fall. Das Wissen und die Dienstleistung von Apothekern wird stark unterschätzt. Dabei beraten die Apotheker die Kunden fundiert und versuchen so, ihre Wertschätzung zu gewinnen.

3. Denken Sie, der Apotheker hat die Aus­bildung und die Kompetenz, Diagnosen zu stellen?

Früher stellten die Apotheker Medikamente in der Apotheke selber her. Diese Arbeit hat die Pharmaindustrie übernommen, und der Apotheker wurde zum Verkäufer. Die Ausbildung blieb aber gleich anspruchsvoll. Daher hat er sicher die Kenntnisse, um einfache Diagnosen zu stellen. Die Apotheker werden sich absichern und im Zweifelsfall die Kranken weiter weisen.

4. Geht das Ganze nicht zu Lasten der Sicherheit?

Wenn NetCare richtig angewandt und im Zweifelsfall der Patient einem Arzt überwiesen wird, werden kaum mehr Fehlbehandlungen stattfinden, als in einer herkömmlichen Hausarztpraxis. Medgate stellt schon über zehn Jahre online und telefonisch Diagnosen. An eine Klage kann ich mich nicht erinnern.

5. Für welche Fälle eignet sich NetCare nicht?

Was NetCare nicht kann: den Patienten abhören oder abtasten. So eignet sich NetCare nicht für Patienten mit starkem Husten. Die müssen zu einem Arzt, damit die Lunge abgehört werden und eine Lungenentzündung erkannt oder ausgeschlossen werden kann.

«20 Minuten»-Artikel zum Thema NetCare
Der «20 Minuten»-Artikel

Im «20 Minuten»-Artikel vom 9. Januar 2012: Ab April ersetzt der Apotheker den Gang zum Hausarzt. Dann startet das Pilotprojekt NetCare, bei dem Apotheker Kunden untersuchen und Diagnosen stellen. Bei Bedarf schalten sie online einen Arzt zu.

Autor: Thomas Vogel