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27. Januar 2014

Im Waisenhaus

Im Waisenhaus
Die Nonne serviert Suppe – oder als im Waisenhaus manchmal wirklich noch Elend herrschte. (Bild Keystone / Hans Staub)

Manchmal bin ich sprachlos. Und das, liebe Leserin, lieber Leser, heisst was. Das letzte Mal passierte es mir, als ich in einem Leserbrief las: «Es gibt Eltern, die andauernd Kinder machen, um sie dann ins Heim abzuschieben.» Der Verfasser ergänzte: Heute sage kein Mensch mehr «Waisenhaus», der politisch korrekte Begriff laute Kinderkrippe. Aber es sei so, wie es sei: Kita gleich Heim.

Vor meinem inneren Auge entstand das Bild eines hohlwangigen Kindes, das in voll geschissenen Windeln in einem Gitterbett sitzt und den Kopf rhythmisch gegen die Stangen schlägt. Schluck. Glücklicherweise verblasste diese Assoziation schnell, denn im Gegensatz zu besagtem Schreiber kenne ich «echte» Kindertagesstätten von innen. (Gitterbettchen? Ja! Vollgeschissene Windeln? Ja! Apathische, vernachlässigte, todunglückliche Kinder? Nein!)

Dennoch: Es bleibt ein fahler Nachgeschmack. Warum ist diese Idee von der Krippe als Kinderfolteranstalt nicht totzukriegen? Woher kommt die Wut auf jene Eltern, die sich für Fremdbetreuungsmodelle entschieden haben? Vermutlich ist es wie so oft: Wenn wir von etwas keine Ahnung haben, füllen wir die Lücken mit Halbwissen, bis unser Gehirn Ruhe gibt.

Ich werde nun versuchen, zumindest einen Teil der gängigen Klischees zu beackern. Die Liste ist übrigens unvollständig – ich hoffe, Sie halten das aus, ohne die Lücken allzu schnell zu schliessen.
1. In einer Kita erhalten Kinder nicht die Liebe wie daheim.
Stimmt. Aber darum geht es auch gar nicht. Von einer Erzieherin erwarte ich vor allem Professionalität. Sie muss die Bedürfnisse des Kindes erkennen und dementsprechend handeln. Das heisst übrigens nicht, dass in einer Krippe nicht gekuschelt und geschmust wird. Aber es geht niemals darum, die Eltern zu ersetzen. Die sind nämlich weder tot noch lieblos, sondern einfach nur berufstätig.
2. Wenn die Kinder morgens abgegeben werden, klammern sie sich vor lauter Verzweiflung an ihre Eltern.
Quatsch mit Sauce. In der Regel fegen die Zwerge schon durch die Kita-Flure, da sind die Mamis und Papis noch am Jackenaufhängen. Natürlich gibt es Kinder, denen der Abschied schwerfällt. Das ist eine Typfrage und auch altersabhängig. Das Personal einer guten Kita wird das thematisieren, wenn es wirklich den Eindruck hat, dass das Kind todunglücklich ist. Ich behaupte, dass ausnahmslos alle Eltern umdisponieren, wenn sich herausstellt, dass es mit der Kita einfach nicht geht.
3. In Kinderkrippen geht es ruppig zu.
Im Gegenteil. Regeln werden im Gegensatz zu daheim oft konsequenter befolgt, da die Angestellten mehr Distanz zum Geschehen haben.
4. Man kann nicht wissen, was dort hinter geschlossenen Türen mit den Kleinen passiert.
Nein, das kann man wirklich nicht wissen. Fakt ist, dass es in den Einrichtungen einen Verhaltenskodex gibt. So wird sichergestellt, dass nie ein Erwachsener mit den Kindern allein ist. In vielen Kitas gilt das Prinzip der offenen Türen. Mit anderen Worten: Die Erzieher schauen sich gegenseitig auf die Finger. (Noch ein Gedanke am Rande: Wissen Sie, wie Ihre gestresste Nachbarin mit ihren Kindern umspringt, wenn ihr mal wieder alles zu viel wird?)
5. Die Kinder werden dort einfach nur parkiert.
Wieder falsch. Moderne Krippen sind viel mehr als Satt-und-sauber-Anstalten. Die Frühförderung wird heute grossgeschrieben. Kita-Knirpse wissen, warum der Igel einen Winterschlaf macht und wie man einen Kuchen bäckt. Und sie haben gelernt, dass man das Nachbarskind nicht beissen darf – komme, was wolle.
6. Der Staat zahlt die Betreuung.
Stimmt ebenfalls nicht. Richtig ist, dass öffentliche Kitas subventioniert werden. Finanziell schlechter gestellte Familien profitieren so mehr. Unter dem Strich ist es aber so, dass mindestens 70 Prozent der Kosten aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Übrigens: Viele Kinder werden in privaten Einrichtungen betreut – da stellt sich diese Subventionsfrage nicht.
7. Wer sein Kind in die Kita gibt, muss sich um nichts mehr kümmern, dort wird alles gestellt.
Das All-inclusive-Konzept existiert nur in den Köpfen schlecht informierter Politiker. Eltern müssen die Windeln ebenso mitbringen wie Nuggis, die Säuglingsnahrung, den Brei, Regen- und Ersatzkleider, Sonnenmilch, Zeckenschutzmittel und so weiter.
8. Krippenkinder brauchen später öfter einen Schulpsychologen als ihre Gschpänli, die daheim beim Mami sind.
Statistisch gesehen gibt es keine Unterschiede. Man weiss aber aus internationalen Untersuchungen, dass es eine Rolle spielt, wie viel Stress die Kleinen in der Tageseinrichtung ausgesetzt sind. Stress entsteht in erster Linie, wenn zu wenig qualifizierte Erzieherinnen und Erzieher anwesend sind. In diesem Punkt schneidet die Schweiz hervorragend ab. In kaum einem anderen Land schauen so viele ausgebildete Betreuer nach den Kindern wie hierzulande.
9. Man kann die Kinder quasi immer in die Krippe bringen.
Falsch. Es gibt definierte Bring- und Abholzeiten, an die sich die Eltern halten müssen. Gerade für die ganz Kleinen sind Strukturen enorm wichtig. Wer die Unterstützung einer Krippe in Anspruch nimmt, verpflichtet sich seinerseits, diese Rahmenbedingungen zu achten. Das gilt übrigens auch für den Fall, dass ein Kind krank ist. Es gibt immer wieder Eltern, die ihren fiebrigen Kleinen noch schnell ein Zäpfchen geben, damit der Tag wie gewohnt ablaufen kann. Damit kommen sie aber in der Regel nicht durch. Sobald das Personal merkt, dass ein Kind nicht Kita-tauglich ist, muss es abgeholt werden.
10. Wer ein Krippenkind hat, der darf es abends gestriegelt und gebügelt abholen.
Hallo? Wer einen Kita-Zwerg einsammelt, der muss ihn an den Ohren packen und daheim erst einmal gründlich einweichen, um den Dreck des Tages zu entfernen. Der Krippenalltag ist nämlich reich an Erlebnissen und reich an Dreck. Hierzu passt, dass fremdbetreute Kinder viel seltener an Allergien leiden als Mädchen und Jungen, welche die ersten Lebensjahre familienintern betreut werden.
Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Ein Krippenkind ist nicht automatisch privilegierter als eines, das ganz klassisch in den ersten Lebensjahren beim Mami ist.

Ich weiss nicht, ob es richtig war, unsere Kinder in der Krippe anzumelden. Vielleicht haben ihnen die drei Tage pro Woche ohne Mami geschadet. Vielleicht haben sie aber auch drei Tage pro Woche besonders profitiert. Wer weiss das schon.
Fakt ist: Es gibt sie nicht, die ideale Betreuungslösung. Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden.

Autor: Bettina Leinenbach