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27. Dezember 2011

«Im Verkehr läuft viel über Psychologie»

In den letzten Wochen ist es zu einer Häufung von Unfällen auf Fussgänger-streifen gekommen. Mehrere davon endeten tödlich. Architekturprofessor Justus Dahinden will die Zebrastreifen quer stellen. Das würde die Autos psychologisch bremsen.

Quer- statt längsgestreift
Quer- statt längsgestreift: Sieht der Fussgängerstreifen der Zukunft so aus wie auf dieser Bildmontage? (Bild: Keystone)
Der Zürcher Architekturprofessor Justus Dahinden (86) gehört zu den wichtigsten Vertretern der Nachkriegsarchitektur in der Schweiz (Bild: zVg.).
Der Zürcher Architekturprofessor Justus Dahinden (86) gehört zu den wichtigsten Vertretern der Nachkriegsarchitektur in der Schweiz (Bild: zVg.).

Justus Dahinden, Sie propagieren die Einführung quer gestellter Zebrastreifen. Wo liegt der Vorteil zur herkömmlichen Längsmarkierung?

Im Verkehr läuft viel über Psychologie. Die heutigen Längsstreifen motivieren den Autofahrer zur Bewegung statt zum Bremsen. Würden die Streifen quer über die Strassen laufen, dann würden sie vom Autofahrer als Signal zum Stoppen wahrgenommen, als psychologische Barriere.

Was ist mit den Fussgängern? Immerhin trifft sie laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung bei jedem siebten Unfall auf einem Zebrastreifen zumindest eine Mitschuld.

Für den Fussgänger sind die jetzigen Zebrastreifen vor allem eine Ansammlung von Hemmnissen. Statt bei der Strassenüberquerung geführt zu werden, wird er ausgebremst: ein bisschen Streifen, dann Asphalt, dann wieder ein bisschen Streifen. Fussgängerstreifen müssen einen Aufforderungscharakter für alle Verkehrsteilnehmer haben: für den Autofahrer zu bremsen, für den Fussgänger, der ja Vortritt hat, zügig zuzulaufen. Heute ist es genau umgekehrt.

Warum sind Sie sich so sicher, dass Ihr Vorschlag die Unfallquoten senken würde, zumal es noch keine Feldversuche gibt?

Das ist eine reine Glaubensfrage (lacht)! Aber achten Sie mal darauf, wie sich Kinder auf einem Fussgängerstreifen verhalten. Statt zügig die Strasse zu überqueren, hüpfen sie von Streifen zu Streifen. Treffen sie hingegen auf eine Linie, zum Beispiel einen breiten Randstein, dann balancieren sie darauf, lassen sich davon führen. Für Kinder ist es logischer, auf einer Linie zu laufen statt Streifen um Streifen zu queren. Deshalb würde ich bei meinem Modell auch den ersten Querstreifen zur Fahrtrichtung mindestens so breit definieren, dass ein Kind und eine Begleitperson bequem nebeneinander darauf gehen können.

Wie kommt ein Architekturprofessor dazu, sich Gedanken über Zebrastreifen zu machen?

Ich habe 22 Jahre an der Technischen Universität Wien über Raumgestaltung doziert und bin mit meinen Studenten irgendwann über das Thema Stadt- gestaltung bei den Fussgängerstreifen gelandet. Die Erkenntnis, dass die eigentlich falsch herum liegen, war mehr so ein Gedankenblitz, der aber wieder versandet ist. Kürzlich hat mich dann ein Kollege darauf angesprochen: Justus, warum bringst du deine Idee nicht auf den Tisch? Sie ist einfach und logisch und im Gegensatz zu der momentan viel diskutierten Verbesserung der Beleuchtung auch noch günstig.

Was spricht gegen eine bessere Beleuchtung?

Lampen sind keine Lösung. Zum einen bringen sie tagsüber nichts, zum anderen kosten sie viel, und das in einer Zeit, wo Stromsparen angesagt ist. Ein quer gestellter Zebrastreifen, dessen erster, extra breiter Streifen aus fluoreszierendem Material besteht, wäre da viel effizienter.

Der Bund will 2012 mit einer sechs Millionen Franken teuren Informationskampagne für mehr Sicherheit auf den Fussgängerstreifen sorgen. Finden Sie das gut?

Das find ich sogar saugut! Noch besser fände ich es aber, wenn er zusätzlich einen breit angelegten Versuch mit quergestellten Zebrastreifen unterstützen würde, möglichst in einem stark frequentierten Stadtquartier.

Fühlen Sie sich unsicher, wenn Sie heute über einen Fussgängerstreifen gehen?

Ich bin vorsichtiger geworden, was aber auch mit meinem Alter zusammenhängt. Mit 86 Jahren kann man sich einen Bein- oder Beckenbruch nicht mehr wirklich leisten.

Autor: Almut Berger