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01. August 2011

Im Takt des Hufschlags

Im 18. und 19. Jahrhundert transportierten Säumer Waren über die Alpen in den Süden und zurück. Es war eine Arbeit für harte Männer, denn die Wege waren gefährlich, die Reise beschwerlich. Das Migros-Magazin war mit Ross und Esel auf der Sbrinz-Route, einem alten Säumerweg, unterwegs.

Eine Tour von der Innerschweiz nach Domodossola
Auf den handgehauenen Steinstufen der Hälenplatte gehts Richtung Süden. Eine Tour von der Innerschweiz nach Domodossola dauerte früher eine ganze Woche.
Böglisbrücke
Auf dem alten Saumpfad über die obere Böglisbrücke. Von einer Lawine zerstört, wurde sie 1968 wieder originalgetreu aufgebaut.

«Ein Säumer, der nicht schnupft und säuft, ist wie sein Esel, der nicht läuft.» Die Handrücken der Säumer gehen zur Nase, und das braune Schnupfpulver verschwindet im Nasenloch. Danach wird mit den kleinen, weinbefüllten Stahlbechern lauthals zugeprostet. Nicht nur ihr Gebaren erinnert an frühere Zeiten – mit ihren urchigen Hemden und Hosen, den Fell-Gilets und den breitrandigen Hüten sehen Hans, Tres, Daniel und Josef tatsächlich so aus wie die Säumer vor gut 200 Jahren. Und diese waren nun mal bekannt fürs Saufen und Raufen oder wie es der deutsche Geograf Gerhard Philipp Norrmann 1796 ausdrückte: «Die Säumer haben überhaupt ein beschwerliches Leben, sind meistens armselig und gewöhnlich und die rohesten im ganzen Land.» Die vier Mannen in urtümlicher Kluft sind aber eigentlich zivilisiert, wochentags Magaziner, Unternehmer oder Zimmermeister und betreiben die Säumerei nur als Hobby.

Zeit sollte man keine versäumen

Mit ihnen, ihrem Ross und den fünf Eseln wird sich unsere kleine Wandergruppe auf ein Teilstück des originalen Säumerweges begeben. Die sogenannte Sbrinz-Route führte von Luzern nach Domodossola über die Pässe Brünig, Grimsel und Gries, war jahrhundertelang der kürzeste Weg von der Innerschweiz nach Italien und aufgrund der tiefen Wegzölle ausserdem der günstigste. Unser Weg führt uns auf der Berner Seite des Grimselpasses von der Handegg zum Räterichsbodensee. Bis auf Fury, den jüngsten Esel, verfügen alle Tiere über Säumererfahrung. Die Haflingerstute Aleika trägt heute zwei grosse Laibe Sbrinz – knapp 100 Kilogramm Käse – auf ihrem Buckel. Und den Eseln wurden Weinfässer, Heusäcke, Körbe mit Essen und kleine Sbrinz-Laibe auf den Rücken festgezurrt. Nun trottet der Tross in stetem Schritt los. «Die Tiere sind sehr gerne dabei, auch bei unseren langen, mehrtägigen Säumertreks », sagt Säumer Josef. Pferde etwa würden in der Wildnis täglich 40 bis 50 Kilometer laufen – und auch das Lastentragen sei kein Problem. «Bei guter Haltung und entsprechender Belohnung machen sie das gerne für ihren Besitzer.»

Sicher überqueren die Tiere mit wasserumspülten Hufen ein Bachbett, und bald passieren wir den sogenannten Säumerstein: einen grossen Granitblock, in dessen Schatten die Säumer damals gerne eine Rast einlegten. Viele Pausen konnten sich die Säumer jedoch nicht erlauben, sie hatten einen engen Zeitplan einzuhalten, damit ihre Ware rechtzeitig zum Markttag in Domodossola ankam. Von daher soll auch die Redewendung «Keine Zeit versäumen» rühren. Nach Domodossola brachten die Säumer vor allem Hartkäse aus der Innerschweiz (den heutigen Sbrinz), Vieh und Salz – auf dem Rückweg transportierten sie Wein, Kastanien, Reis, Gewürze und Seide in die Schweiz. Zu besten Zeiten passierten mehr als 200 Saumtiere wöchentlich die Strecke.

Esel Fury
Esel Fury braucht einen kleinen Stupser, dann traut auch er sich über den Bergbach.

Zum Saumweg ausgebaut wurde die Strecke dank einem Vertrag von 1397, in dem die beteiligten Gemeinden beschlossen, eine sichere Handelsroute anzulegen. Finanziert wurde das Ganze mit den Wegzöllen. So laufen wir jetzt also über schmale Steinwege, die vor Hunderten von Jahren angelegt wurden genauso wie die von Hand in den Fels gehauenen Steinstufen bei der Hälenplatte. Die abschüssige, vom Aaregletscher glatt geschliffene Steinplatte war neben Steinschlag, Lawinen oder Überfällen eine von vielen Gefahren auf dem Weg nach Italien. «Wenn hier ein Tier ausrutschte, war es vorbei», erzählt Hobbysäumer Josef, «dann landete es unten im Tobel – und mit ihm die anderen Tiere.» Denn ein Säumer führte meist bis zu sechs aneinandergebundene Tiere.

Säumer Tres
Säumer Tres kocht Wasser für den Kaffee

Auch unsere Tiere scheinen sich der Gefahren bewusst zu sein: Womöglich suchen sie ihren Weg im Gras statt über die rutschigen Steine. Nur einmal wählt die Stute Aleika den Weg über eine Steinplatte, statt hinter ihrem Besitzer Hans zu laufen. Sie rutscht aus und geht zu Boden. Wir Wanderer erschrecken. Hans lächelt nur, tätschelt ihren Hals und sagt: «Du lernst es schon noch.»

Der Strassenbau war das Ende des Säumertums

Dann wird geschnupft
Dann wird geschnupft.

Die Tiere haben einen sehr regelmässigen Gang, ihr Hufschlag gibt uns Wanderern den Takt an – was das Laufen sehr angenehm macht. Wir überqueren zwei schöne, alte Steinbrücken, dann stoppt der Esel Fury. Vor einer kleinen Wasserrinne, die den Weg quert, gräbt Fury seine Hinterhufe in den Boden und macht keinen Wank. Der bärtige Tres blinzelt seinem Esel zu und wartet. Viele behaupten, Esel seien störrisch, sagt er. «Aber das stimmt nicht. Esel sind einfach nur intelligent.»

Auch die Hufpflege gehört zur Arbeit eines Säumers
Auch die Hufpflege gehört zur Arbeit eines Säumers.

An heiklen Stellen müsse man ihnen Zeit lassen, erklärt Tres, denn der Esel wolle einfach erst die Gewissheit haben, dass die Passage ohne Gefahr gemeistert werden könne. Bald schon kommt die Gewissheit, und wir gelangen wenig später zum Räterichsbodensee und damit auch in die Nähe der heutigen Passstrasse über die Grimsel. Der Strassenbau, namentlich jener der Gotthardpassstrasse um 1830, läutete den Niedergang der Säumerei ein. Endgültig besiegelt wurde deren Ende 1883 mit der Eröffnung der Gotthardbahn. Endgültig? Nein, solange sich einige Nostalgiker in die urtümliche Kluft der Säumer schmeissen, deren rohen Sitten zelebrieren und mit Ross, Esel, Sack und Pack die historischen Routen begehen.

UNTERWEGS AUF ALTEN PFADEN

Teilabschnitt individuell:An- und Rückreise: Mit Bahn bis Meiringen und mit Postauto bis Handegg beziehungsweise retour ab Räterichsbodensee
Wanderung: Handegg—Säumerstein—Älpersulz—Stockstagen—Räterichsbodensee
Dauer: Circa 1,5 Stunden
Höhenmeter: 300

Unterwegs mit Tieren: Wer wie die Säumer wandern möchte, kann auf der Sbrinz-Route geführte Wanderungen buchen.
Daten/Strecke: Entweder die Säumerwanderwoche von Stansstad nach Domodossola mit allem Drum und Dran vom 21. bis 28. August 2011 oder die Wanderwoche von Giswil bis Domodossola mit Saumtieren vom 2. bis 9. Oktober 2011
Preise: Ab 1170 Franken (inklusive Übernachtung, Halbpension usw.)
Buchen/Infos: Geschäftsstelle Regionen Sbrinz-Route, 6371 Stans,
Telefon 041 612 30 55 www.sbrinzroute.ch

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Daniel Rihs