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12. Januar 2015

Die Welt unter einem Dach: im Studentenwohnheim der Uni Liechtenstein

Inder und Pakistani, Ukrainer und Russen, Chinesen und Japaner: Hier leben 72 Studierende aus 34 Nationen eng beisammen. Nahezu konfliktfrei. Zoff gibt es höchstens, wenn jemand die Gemeinschaftsküche nicht geputzt hat. Zu Besuch bei sechs Bewohnern in der jüngsten deutschsprachigen Universität der Welt.

Moritz Angelsberger
Moritz Angelsberger (25) ist einer der Schweizer Bewohner im Studentenwohnheim der Uni Liechtenstein.

Name: MORITZ ANGELSBERGER
Alter: 25
Nationalität: Schweiz
Studienfach: Entrepreneurship

Warum studieren Sie in Liechtenstein?

Bereits am Anfang meines Bachelorstudiums war mir klar, dass ich mich im Bereich Entrepreneurship weiterbilden möchte. An der Mastermesse in Zürich Oerlikon verschaffte ich mir einen Überblick über die Hochschullandschaft Schweiz – der Informationsstand der Uni Liechtenstein ist mir dabei besonders ins Auge gestochen. Im Ranking hat sie für mich am besten abgeschnitten.

Was schätzen Sie am Wohnheim?

Der Zugang zu einem internationalen Netzwerk. Für mich als angehenden Entrepreneur ist es wichtig, dass ich neue Kontakte knüpfen und von den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen profitieren kann.

Gab es auch schon schwierige Situationen?

Das Sauberhalten der Küche – sicherlich ein verbreitetes Problem in Studentenwohnheimen.

Was vermissen Sie aus Ihrem Heimatland?

Bis jetzt noch nichts.

Welchen Eindruck haben Ihre ausländischen Mitstudenten von der Schweiz?

Bis jetzt waren alle begeistert. Viele sehen die Schweiz als Land, das grosse Chancen bietet. Der einzige Kritikpunkt betrifft die hohen Lebenshaltungskosten.

Welches Bild versuchen Sie, ihnen von der Schweiz zu vermitteln?

Ich versuche, ein gutes, aber auch wahrheitsgetreues Bild zu vermitteln. Dabei liegt es mir besonders am Herzen, alle Werte der Schweiz aufzuzeigen. Ich erwähne immer wieder, dass die Schweiz zwar klein, aber sehr facettenreich ist.

Christelle Nga Mbida
Christelle Nga Mbida

Name: CHRISTELLE NGA MBIDA
Alter: 24
Nationaliät: Belgien, geboren in Kamerun
Studienfach: Architektur

Warum studieren Sie in Liechtenstein?

Liechtenstein ist sehr ruhig und friedlich. Eigentlich wollte ich zuerst in eine eigene Wohnung ziehen, aber meine Mutter wollte, dass ich in ein Studentenheim gehe. Mittlerweile bin ich froh, dass ich hier bin. Von aussen sieht das Gebäude vielleicht nicht so schön aus, aber innen ist es gemütlich. Auch die Uni passt mir. Die Betreuung ist sehr persönlich, und wir können hingehen, wann immer wir wollen. Wir haben sogar einen eigenen Schlüssel für das Uni-Gebäude.

Was schätzen Sie am Studentenwohnheim am meisten?

Mit den anderen Frauen zu kochen, verschiedene Gerichte auszuprobieren. Mein Zimmer befindet sich auf dem Mädchenstockwerk. Wir haben viel Spass miteinander.

Gab es auch schon schwierige Situationen?

Am Anfang gab es Gruppenbildungen. So fanden sich zum Beispiel die Asiatinnen zusammen, weil sie halt die gleiche Sprache sprechen. Aber wir Frauen reden viel miteinander. Wenn etwas stört, dann sagen wir das.

Was denken Sie über die Schweiz?

Leider war ich vorher noch nie in der Schweiz und kenne deshalb die Leute nicht. Aber natürlich kenne ich die Schweizer Schokolade und die Uhren, etwa die von Swatch.

Omer Khalid Chaudhary
Omer Khalid Chaudhary

Name:OMER KHALID CHAUDHARY
Alter: 27
Nationalität: Pakistan
Studienfach: Architektur

Warum studieren Sie in Liechtenstein?

Hier leben so viele unterschiedliche Kulturen unter einem Dach, auch jemand aus Indien. Politisch sind wir eigentlich Feinde, doch im Wohnheim bin ich mit den Indern befreundet. Von Anfang an hat es zwischen uns klick gemacht.

Was schätzen Sie am Studentenwohnheim am meisten?

Ich kann hier meine Version von Pakistan präsentieren. Viele denken bei Pakistan sofort an die Taliban, aber es ist ein schönes Land, das viel mehr zu bieten hat.

Gab es auch schon schwierige Situationen?

Wenn du offen bist und keine Vorurteile hast, dann gibt es hier kaum Schwierigkeiten. Du musst einfach respektvoll mit den Menschen umgehen. Ich mag es wirklich, hier zu leben.

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrem Heimatland?

Das Essen. Hier müssen wir ja selber kochen, aber das ist schwierig, weil du in Liechtenstein einfach nicht die richtigen Gewürze bekommst. Zum Glück liebe ich Pizza und Pasta.

Was denken Sie über die Schweiz?

Die Schweiz ist wegen der Bollywood-Filme in Pakistan sehr berühmt. Es werden hier sehr viele indische Filme gedreht. Deshalb ist die Schweiz in meinem Heimatland besonders für ihre schönen Berge bekannt.

Anna Strizhkova
Anna Strizhkova

Name:ANNA STRIZHKOVA
Alter: 23
Nationalität: Russland
Studienfach: Banking, Finanz-Management

Warum studieren Sie in Liechtenstein?

Der Studiengang ist sehr gut, Liechtenstein ist die beste Umgebung für das Bankenwesen. Ich mag das Wetter und die Natur – und man kommt mit vielen Einheimischen in Kontakt.

Was schätzen Sie am Studentenwohnheim am meisten?

Das Sozialleben. Du bist nie allein. Wenn du viele Gedanken im Kopf hast und deine Familie vermisst, ist immer jemand da, mit dem du reden kannst. Die Mitstudenten sind wahnsinnig nett.

Gab es auch schon schwierige Situationen?

Ich mag meine Mitbewohnerinnen sehr. Aber manchmal möchte man auch einfach allein sein. Das ist nicht immer einfach. Ansonsten kann ich es nicht ausstehen, wenn die Küche dreckig ist, aber wir auf dem Mädchenstockwerk sind eigentlich sehr sauber.

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrem Heimatland?

Meine Familie. Wenn sie hier bei mir in Liechtenstein leben könnten, wäre dieser Ort für mich perfekt. Ab und zu vermisse ich die Grossstadt ein bisschen, insbesondere das Nachtleben.

Was denken Sie über die Schweiz?

Die Lebensqualität ist sehr hoch. Bevor ich nach Liechtenstein kam, dachte ich, die Schweizer seien überheblich. Aber sie sind sehr freundlich und grüssen mich auf der Strasse. In Russland tut das niemand.

Iaroslav Sukhyna
Iaroslav Sukhyna

Name:IAROSLAV SUKHYNA
Alter: 21
Nationalität: Ukraine
Studienfach: Banking, Finanz-Management

Warum studieren Sie in Liechtenstein?

Liechtenstein ist das Zentrum des Bankwesens und des Finanz-Managements. Das Studentenheim wählte ich aus, damit ich mit unterschiedlichen Nationalitäten in Kontakt kommen kann.

Was schätzen Sie am Studentenwohnheim am meisten?

Hier sind alle äusserst freundlich, insbesondere die Liechtensteiner. Auf der Strasse sagen alle Hoi – in der Ukraine grüsst man sich nicht einfach so. Auch die Umgebung ist super, mir wird nie langweilig. Ich kann Fussball spielen gehen oder im Fitnessstudio trainieren.

Gab es auch schon schwierige Situationen?

Manchmal ist es ein wenig dreckig, und du weisst nicht, wer dafür verantwortlich ist. Putzen gestaltet sich daher etwas schwierig.

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrem Heimatland?

Meine langjährigen Freunde. Und natürlich passiert in meinem Heimatland zurzeit politisch sehr viel. Viele Leute im Studentenwohnheim sprechen mich auch darauf an. Ich finde, Russland sollte sich aus diesem Konflikt raushalten.

Was denken Sie über die Schweiz?

Ich habe einen sehr guten Eindruck von ihr, auch wenn sie etwas teuer ist. Die Menschen sind freundlich. Über die Politik in der Schweiz weiss ich jedoch nicht viel.

Alexandru Moldovan
Alexandru Moldovan

Name: ALEXANDRU MOLDOVAN
Alter: 24
Nationalität: Rumänien
Studienfach: IT und Business Process Management

Warum studieren Sie in Liechtenstein?

Weil ich viele internationale Studenten kennenlerne. Ich lebe hier seit zwei Jahren. Vermutlich verlasse ich das Studentenwohnheim im August.

Was schätzen Sie am Studentenwohnheim am meisten?

Dass ich jetzt Freunde auf der ganzen Welt habe. Ausserdem werden hier Vorurteile sehr schnell abgebaut – meistens sind sie nämlich nicht wahr. Wichtig ist, den anderen offen zu begegnen.

Gab es auch schon schwierige Situationen?

Einige putzen nicht gern, andere tragen keine Sorge zu den Sachen. Aber das sind Kleinigkeiten. Wichtiger ist, dass wir einander helfen, neue Dinge zu verstehen.

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrem Heimatland?

Die Atmosphäre, in Rumänien sind wir ziemlich relaxed. Wir mögen guten Wein, gute Gespräche. Hier sind viele auf ihre Karriere fixiert. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Was denken Sie über die Schweiz?

Die Schweiz ist sehr durchstrukturiert, die Wirtschaft sehr fortschrittlich. Gleichzeitig gibt es viele historische Gebäude. Ich habe Bern, Luzern und Zürich besucht und fand den Mix an Geschichte spannend. Dass aber vor den Universitäten manchmal Kühe grasen, hat mich dann doch sehr überrascht.

Liebeskummer und Sorgen um die Familie in Kriegsgebieten

Gabriela Cortés
Gabriela Cortés, Leiterin des Studentenwohnheims.

Gabriela Cortés hat 72 Kinder – aus China, Pakistan, Russland oder der Schweiz. Sie ist die Leiterin des Studentenwohnheims der Universität in Liechtenstein und für 72 Studierende während Monaten die Ersatz-Mama. Cortés (49) hört ihnen zu, wenn die Studenten Liebeskummer haben, sie fährt sie ins Spital, wenn sie krank sind, oder sie hilft ihnen bei ganz alltäglichen Dingen wie zum Beispiel beim Kochen.
In zwei Häusern, die aufgrund ihrer quadratischen Bauweise ein wenig wie moderne Blockbauten aussehen, leben Studentinnen und Studenten im Alter zwischen 19 und 34 Jahren aus 34 unterschiedlichen Nationen.

Dass bei einem solchen multikulturellen Ameisenhaufen lustige, aber auch tragische Geschichten passieren, liegt auf der Hand. Und Cortés kann über eine Menge von solchen berichten. Von den syrischen Studenten zum Beispiel, die sich nach dem Ausbruch des Kriegs grosse Sorgen um ihre Familienmitglieder zu Hause machten. Die ihr Studium abbrechen und nach Hause gehen wollten. «Das war eine sehr intensive Zeit», sagt Cortés.
Dann war da der deutsche Student, der sich Hals über Kopf in eine Brasilianerin verliebt hatte – und umgekehrt. Ihn musste Cortés bei der Abreise seiner Liebsten trösten. In den fünf Jahren, in denen Cortés das Studentenheim nun schon leitet, hat sich so einiges ereignet. «Ich bin hier schon ein bisschen die Mama», sagt sie. «Die Studierenden haben einen engen Bezug zu mir.»
Diese Aussage bestätigt sich, wenn man mit Gabriela Cortés durch die Gänge des Studentenheims geht. Jeder kennt sie, jeder grüsst sie. Die Atmosphäre erinnert ein wenig an eine Jugendherberge. Auf jedem der drei Stockwerke gibt es sechs Einzel- und drei Zweibettzimmer.

In der Küche bereiten Ami aus Japan, Christelle aus Belgien, Anna aus Russland und noch weitere Studierende aus neun Nationen gerade gemeinsam das Mittagessen zu. Heute gibt es eine japanische Vorspeise mit Kartoffeln, Zucchetti und Pinienkernen, an Sojasauce und Olivenöl. Natürlich würde dieses Gericht in Japan nicht mit Kartoffeln zubereitet werden, aber in der Studentenküche kocht man halt mit dem, was gerade da ist. «Gemeinsame Resteverwertung», nennen sie es. Als Hauptspeise folgt eine Lasagne, obwohl kein einziger Italiener daran mitgewirkt hat. Trotzdem schmeckt sie gut.
Am Tisch reden die Studenten miteinander «Boxisch». So nennen sie ihr Englisch mit den unterschiedlichen Akzenten des jeweiligen Landes. Die Bezeichnung ist auch eine Referenz an die Architektur des Studentenheims, dessen Bauweise an eine überdimensionale Box erinnert. Dementsprechend feiern die Studenten auch Box-Partys und verwandeln ihr Heim in eine Party-Box.

«Hier drin bist du nie allein», sagt die Russin Anna, die am Mittagstisch zusammen mit Iaroslav aus der Ukraine sitzt, dessen Heimatland gerade mit Russland in Konflikt ist. Was auf der internationalen politischen Bühne nicht funktioniert, scheint im Studentenheim keine Konflikte zu verursachen: das friedliche Zusammenleben verschiedener Nationen und Religionen. «Wir hatten hier noch nie grosse Probleme deswegen», sagt Cortés. Im Gegenteil: Meistens suchen gerade jene Studenten sich, deren Länder verfeindet sind, «um über die politische Lage zu diskutieren und Vorurteile abzubauen».

Viele sind zum ersten Mal raus aus dem heimischen Nest
1000 bis 1500 Franken kosten das Zimmer und der Lebensunterhalt in Liechtenstein pro Monat. Die Zimmervergabe erfolgt zufällig. Natürlich können Wünsche angebracht werden. So gibt es zum Beispiel ein Stockwerk nur für Mädchen. «Das war den Eltern muslimischer Studentinnen sehr wichtig», sagt die Studentenheimleiterin.
Und wenn es sein muss, erklärt sie ihnen sogar, wie man eine Waschmaschine bedient. «Viele der Studenten haben das erste Mal das heimische Nest verlassen», sagt sie. Ganz so ohne Nestwärme sind die Studierenden in Liechtenstein dank Gabriela Cortés dann aber doch nicht.

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Martin Mischkulnig