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10. Juni 2013

Im Schwebezustand

Ganz, ganz, ganz wichtiger Nachtrag: Die Mutter, die wegen dessen Vergesslichkeit schrieb, ihr Sohn bräuchte manchmal Nerven, die sie gar nicht habe, dieselbe Mutter fügte an: «Aber wir lieben unsere Schätze ja trotzdem.» — «… Und irgendwie bringen wir sie ja dann doch auf, die Nerven», schrieb ich zurück. Das ist für mich nämlich der Schluss aus all den verrückten Geschichten über schlampige Söhne, beflissene Töchter und das jeweilige Gegenteil: Es geht nicht um Jungen und Mädchen, um brave und mühsame Geschwister. Sondern schlicht darum, unsere Kinder so zu nehmen, wie sie sind.

Die Zeiten ändern, die Kinder nicht.

Bestimmt wurden auch Sie von einem Ihrer Kinder schon gefragt: «Hat man eigentlich als Eltern alle Kinder gleich gern?» Natürlich nicht, antwortete ich unlängst. «Natürlich hat man nicht alle Kinder gleich gern. Man hat sie anders gern.» Jedes mit seinen Eigenheiten und Spleens, jedes auf seine Weise. Und ich geriete rasch ins Bluffen, zählte ich auf, was unser Sohn (der halt in Gottes Namen öfter mal sein Franzbuch nicht dabeihat, wenn er Vokabeln büffeln müsste) in letzter Zeit alles gebaut hat: ein Velo, das dank Dutzender luftgefüllter Pet-Flaschen auf dem Wasser fährt; eine motorisierte Seifenkiste mit Passagiersitz, mit der er die Kinder des Quartiers spazieren fuhr — Helmpflicht! Und momentan tüftelt er an einem Luftkissenfahrzeug: Er will ein rundes Stück Holz von zwei Meter Durchmesser mittels eines Laubbläsers und eines alten Duschvorhangs zum Schweben bringen — wobei der alte Duschvorhang, einem fliegenden Teppich ähnlich, das Luftkissen bildet. (Okay, «alt» ist relativ. Ich dusche jetzt halt ohne Vorhang und trockne hernach das halbe Bad.) Aber, hey, das Ding hat schon eine Jungfernfahrt geschafft, und ich bin mir sicher, dass Hans sein Vehikel bis zu den Sommerferien so richtig zum Schweben bringt. Ich mit meinen zwei linken Händen kann nur staunen. Wie wollte ich ihm da ein paar vergessene Znüniböxli verargen? Apropos Vergessen, eine Testklasse an Hans’ Schule verwendet iPads statt Schulbücher. Aber auch ein iPad muss man dabeihaben, wenn man sich an die Ufzgi machen will … Die Zeiten ändern vielleicht, die Kinder nicht. Gottlob. Und eine wunderbare Zuschrift hat mich bestärkt, dem Jungen, wenn er etwas hat liegen lassen, auch weiterhin dann und wann aus der Patsche zu helfen, möge es pädagogisch noch so unkorrekt sein. «Ich habe meine Buben auch verwöhnt», schreibt Gisela. Sie habe ihnen die Schulhefte und -bücher eingefasst, hochgerechnet 900 an der Zahl, habe an ihrer statt Vergessenes erledigt und Entschuldigungen für Versäumtes geschrieben. «Es blieben noch genug Konsequenzen, die sie selber ausbaden mussten, von denen ich gar nichts wusste: wenn sie in ihren Cliquen Unfug anstellten.» Nun sei sie längst Grossmutter, schreibt Gisela, und werde von den erwachsenen Söhnen verwöhnt, wann immer der Compi streike, die Glotze oder der Kühlschrank kaputt sei. Eine gütige Mutter zu sein, habe sich gelohnt.

Werkzeugkasten
«Die Zeiten ändern, die Kinder nicht.»

Mein Luftkissenkonstrukteur kommt im Sommer in ein neues Schulhaus, Oberstufe, und dort gibts keine Klassenzimmer mehr. Wenn sie immer alles heimschleppen müssten, schreibt Mägy — und sie schreibt aus Erfahrung —, habe dies den Vorteil, dass meistens auch die nötigen Bücher daheim seien. «Im dümmsten Fall allerdings auch dann, wenn sie in der Schule sein sollten …»

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

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