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08. Februar 2016

Im Schnellzug zum Gottesdiener

Beatrice Wyss ist Forscherin, Simon Bärtschi Psychologe und Monika Britt Pflegefachfrau. Läuft alles nach Plan, werden alle drei schon in weniger als vier Jahren auf der Kanzel stehen und das Wort Gottes verkünden – im Auftrag der reformierten Kirche, die Quereinsteigern ein Intensivstudium ermöglicht. Eine Massnahme gegen den Pfarrermangel.

Beatrice Wyss
Beatrice Wyss: «Theologie interessiert mich schon lange. Nur habe ich mich als 20-Jährige nicht getraut, direkt den Pfarrberuf anzustreben.»

Den reformierten Kirchen der Deutschschweiz droht der personelle Notstand. Ab 2020 werden jährlich rund 70 Pfarrer aus der Babyboomer-­Generation in Pension gehen – bei nur 30 bis 40 neuen Theologiestudenten pro Jahrgang. Der Synodalverband der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn hat reagiert und bietet einmalig ein Intensivstudium in Theologie für Akademiker, kurz «Ithaka», an. Drei Millionen Franken geben die Kirchen für ­entsprechende Stipendien aus – ­finanziert durch einen Pauschalkredit, der aus einem Fonds gespeist wird.

17 Spätberufene lassen sich nun seit Herbst 2015 an der Universität Bern innert dreier Jahre zum Pfarrer ausbilden und werden, den erfolgreichen Abschluss vorausgesetzt, bereits 2019 als Vikar von der Kanzel predigen. Normalerweise ziehen bis zu sieben Jahre ins Land, ehe ein Studienanfänger als Pfarrer arbeiten darf. Ein zeitlicher Aufwand, der viele Interessenten davon abhalten könnte, sich für den Beruf zu entscheiden.

David Plüss, Theologische Fakultät der Uni Bern
David Plüss, Vizedekan Studium und Lehre der Theologischen Fakultät an der Uni Bern: «Es gibt nichts Effizienteres, als von Zeit zu Zeit einen Studiengang wie Ithaka zu lancieren.»

David Plüss, Vizedekan Studium und Lehre der Theologischen Fakultät an der Uni Bern, ist deshalb überzeugt: «Es gibt nichts Effizienteres, als von Zeit zu Zeit einen Studiengang wie Ithaka zu lancieren. Man kann an der Zahl der Pfarrer, die in Rente gehen, allerdings nicht einfach den tatsächlichen Bedarf an Pfarrern ablesen. Denn wir wissen ja nicht, wie viele Interessierte sich künftig für ein klassisches Theologiestudium entscheiden werden.» Bereits in den 1960er- und 1980er-Jahren hatten reformierte Kirchen in der Schweiz einen Quereinsteigerkurs als Massnahme gegen den damals herrschenden Pfarrermangel angeboten – mit Erfolg.

Die 17 Ithaka-Studierenden – beworben hatten sich rund doppelt so viele – wurden ausgewählt, weil sie bereits ein akademisches Hochschulstudium abgeschlossen haben und über langjährige Berufserfahrung verfügen. Und sie haben sich verpflichtet, nach dem Studium in einer reformierten Kirche der Region zu arbeiten. Die Tatsache, dass mehr Frauen (10) als Männer (7) die Herausforderung angenommen haben, ist für David Plüss keine Überraschung: «Das reformierte Pfarramt ist schon lange keine Männerdomäne mehr.»

An Quereinsteigern wird immer wieder kritisiert, ihre Ausbildung entspreche einer Schnellbleiche. «Davon kann überhaupt keine Rede sein», kontert der Vizedekan. «Theologie ist ein Fach, in dem man sich während des ganzen Lebens weiterbilden muss. Unsere Quereinsteiger sind sich dessen absolut bewusst.» Dass die verkürzte Studienzeit Defizite in der Berufspraxis nach sich ziehen könnte, glaubt David Plüss nicht: «Das gleicht sich durch die Berufserfahrung der Teilnehmer aus.»

Eine Aussage, die Gina Schibler gern unterschreibt. Die Pfarrerin in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Volketswil ZH und langjährige Präsidentin des Pfarrvereins findet anerkennende Worte für Ithaka: «Das ist ein guter Ausbildungsweg. Es kommen fähige, praxiserprobte Leute dabei heraus.» Freilich brauche es noch eine psychologische Eignungsprüfung, weil der Pfarrerberuf psychische Stabilität voraussetze, «und ausserdem ein klares, kritisches Denkvermögen».

Weshalb aber spannen die christlichen Kirchen nicht zusammen? Schliesslich ist der Pfarrermangel nicht nur ein Problem der Reformierten. Eine ökumenische Ausbildung, so Plüss, sei nicht möglich, weil die katholische und die reformierte Kirche unterschiedliche Vorstellungen von Kirche, Pfarramt und Gottesdienst hätten. «Das Amtsverständnis und die Theologie sind keineswegs kompatibel», erklärt der Vizedekan der Universität Bern.

Die Ithaka-Studierenden Monika Britt, Simon Bärtschi und Beatrice Wyss haben sich für das Migros-Magazin in der Französischen Kirche in Bern porträtieren lassen. Ihre Motivation und ihre Begeisterung für die kommenden Aufgaben wirken ansteckend. Eine erste Hürde konnte das Trio übrigens schon meistern: Wie alle anderen 17 Quereinsteiger haben Britt, Bärtschi und Wyss in nur wenigen Monaten Hebräisch gepaukt und den Kurs mit Noten zwischen 4 und 6 erfolgreich abgeschlossen.

Mit Freude die Bibel vermitteln

Beatrice Wyss
Beatrice Wyss: «Theologie interessiert mich schon lange. Nur habe ich mich als 20-Jährige nicht getraut, direkt den Pfarrberuf anzustreben.»

Beatrice Wyss (41) aus Bern ist alleinerziehende Mutter von drei schulpflichtigen Kindern und arbeitet als Forscherin an einem Nationalfondsprojekt über den italienischen Frühhumanisten Giovanni del Virgilio. Sie hat den Studiengang Ithaka belegt, um in ihren Traumberuf Pfarrerin wechseln zu können. «Theologie interessiert mich schon lange. Nur habe ich mich als 20-Jährige nicht getraut, direkt den Pfarrberuf anzustreben. Ich fühlte mich zu jung und unerfahren für die Seelsorge», erinnert sich Beatrice Wyss, die über Platons Nach­folger im 2. Jahrhundert doktoriert hat. Eine kostspielige Weiterbildung hätte sie sich nicht leisten können. Daher sei der Studiengang Ithaka an der Universität Bern die ideale Alternative für sie.

Nach dem Intensivstudium möchte Beatrice Wyss unbedingt als Pfarrerin in Festanstellung arbeiten: «Bis jetzt waren meine Jobs immer nur befristet. Ich freue mich sehr darauf, die Bibel zu vermitteln. Sie bietet eine Fülle an spannenden Geschichten wie die von Noah oder Kain und Abel.»

Ein Sonntag, der sein Leben verändert hat

Simon Bärtschi
Simon Bärtschi: «Ich habe mich für Ithaka entschieden, weil ich Lust aufs Studium und Freude an der Vielseitigkeit der Themen und Anforderungen habe.

Simon Bärtschi (43) aus Hünibach am Thunersee erfuhr eines Sonntags aus der Zeitung vom neuen Studiengang Ithaka. Er überlegte lange hin und her, ob die Ausbildung aus finanzieller Sicht machbar wäre. «Die Idee ging mir nicht mehr aus den Kopf. Letztlich habe ich mich mit Unterstützung meiner Partnerin dafür entschieden, weil ich Lust aufs Studium und Freude an der Vielseitigkeit der Themen und Anforderungen habe. Die Möglichkeit, als Pfarrer zu wirken, ist ein Privileg und Ithaka ein Geschenk des Lebens», sagt der promovierte Erziehungswissenschaftler und Vater von zwei Söhnen.

Schon als er 20 Jahre alt war, empfahl ihm die akademische Berufsberatung Theologie als passende Studienrichtung, neben der Fachkombination Pädagogik/Psychologie oder Physik. Bärtschi entschied sich gegen die Theologie, weil ihn die berufliche Perspektive überforderte. «Und dann, gut 20 Jahre später, kommt dieser Sonntagmorgen, an dem mir die Welt sagt: Jetzt ist es doch so weit.» Bärtschi freut sich besonders auf den Kontrast zwischen konzentrierter Denkarbeit in der Stille und praktischer Arbeit mit Konfirmanden oder
im Altersheim.»

Was sie schon immer machen wollte

Monika Britt
Monika Britt: «Für mich ist es befreiend, etwas weitergeben zu können.»

Monika Britt (52) wuchs als Tochter eines Sigristen im Zürcher Quartier Höngg auf und absolvierte eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester.
Danach holte sie die Matur für Erwachsene nach und studierte Philosophie und Religionswissenschaften. Sie wurde schwanger und verdiente ihren Lebensunterhalt als Erwachsenenbildnerin, Pflegefachfrau, Katechetin und Gymnasiallehrerin.

«Ich habe immer wieder bereut, dass ich nicht Theologie studiert hatte», sagt die alleinerziehende Mutter einer Tochter (Soraya, 13). Als sie von Ithaka erfuhr, erkannte sie ihre Chance zum Berufswechsel. «Als Pfarrerin kann ich all meine beruflichen Erfahrungen vereinen. Es ist eine abwechslungsreiche und für mich sinnvolle Tätigkeit, denn ich arbeite gerne mit und für andere Menschen.»

Sie habe bemerkt, dass sie eine beruhigende Wirkung auf ihre Mitmenschen habe, stellt Monika Britt selbstbewusst fest und macht auch keinen Hehl aus ihrer persönlichen Motivation: «Für mich ist es befreiend, etwas weitergeben zu können.» Und so freut sie sich darauf, dereinst mit ihrer Predigt zum Nachdenken anzuregen: «Was ich als Pfarrerin tun kann, ist das, was ich schon immer machen wollte.»

Autor: Reto Wild

Fotograf: Beat Schweizer