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12. Oktober 2015

Im Schatten der Autoren

An der Frankfurter Buchmesse buhlen dieser Tage Hunderte von Titeln um die Gunst des Publikums. Menschen wie Heike Specht, Kim Becker, Irma Wehrli und Esther Hürlimann sorgen im Hintergrund dafür, dass ein Buch es so weit schafft.

Das Bücherbusiness ist gnadenlos. «Wenn man mehr als zwei Sätze benötigt, um den Inhalt zu erklären, hat es ein Buch schon sehr schwer», sagt HEIKE SPECHT. Die 40-Jährige arbeitet als Literaturagentin mit der Zürcher Agentur Liepman zusammen, wo jeden Monat ein paar Dutzend unangeforderte Manuskripte eintreffen. Die meisten werden umgehend abgelehnt, ganz wenige genauer geprüft und nur ein winziger Teil landet irgendwann in den Regalen der Buchläden.

Heike Specht
Heike Specht (40)

Bücher sind für mich: Die Möglichkeit, in eine Welt einzutauchen, zu der ich sonst keinen Zugang habe.
Warum man lesen sollte: Weil es den Horizont erweitert und Freude macht.
Das Buch der Zukunft: Sind Downloads, gedruckte oder Hörbücher. Egal, Hauptsache Inhalt!

Heike Specht ist auf Sachbücher spezialisiert. Sie bekommt jede Woche 10 bis 15 Buchideen und Manuskripte zu lesen: Entwürfe für Lifestyle-Ratgeber, Biografien, Erfahrungsberichte. Die studierte Historikerin liest sie alle mit Freude, immer auf der Suche nach dem grossen Wurf, dem Überraschungserfolg. Das Gefühl, einen solchen Knaller in der Hand zu halten, sei unvergleichlich, sagt die Agentin. «Das macht einen schon etwas nervös, denn stösst man auf ein solches Manuskript, muss man schnell handeln.» Also Verlage kontaktieren, das Buch anpreisen, den richtigen Lektor finden. Könnte gut sein, dass ihr das auf der Buchmesse in Frankfurt gelingt, wo Specht jedes Jahr Kontakte knüpft und pflegt.

Hat sie einen Verlag für ihr Projekt gefunden, ist sie die Anwältin ihres Autors. Kämpft für seinen Text, das Honorar, das Cover, erträgliche Deadlines. Zuletzt hat sie diesen Kampf für Karoline Harthuns Buch gefochten: «Nicht von schlechten Müttern» ist Ende August erschienen. Die Autorin schildert darin, wie sie und ihre Lebenspartnerin zu einem leiblichen Kind gekommen sind. Es ist eines der Themen, die gerade gute Chancen auf eine Veröffentlichung haben: Familienformen, Gesellschaftsordnung, die Erfüllung des Lebenstraums.
Liegt ein Thema in der Luft, aber kein entsprechendes Exposé auf ihrem Pult, macht sich Heike Specht auf, eine gute Idee einem guten Autor schmackhaft zu machen.

Manchmal greift sie auch selber in die Tasten. Sie hat schon mehrere Sachbücher verfasst, so etwa eine Biografie der Schauspielerin Lilli Palmer. Die Lebensgeschichte von Curd Jürgens erscheint dieser Tage. Privat steht Heike Specht auf Nervenkitzel. Als Mutter einer kleinen Tochter liest sie zwar gern Familiengeschichten, aber noch viel lieber Krimis vom Kaliber Hakan Nessers.

Das eigene Cover im Schaufenster: Mega!

Blutrünstiges ist auch ganz nach KIM BECKERS Geschmack. Ein Glück, dass Thriller sein Beruf sind: Er hat schon mehrere Umschläge für deutschsprachige John Grisham-Romane entworfen. Denn sein Arbeitgeber, die Zürcher Werbeagentur Hauptmann & Kompanie, hat sich mit einer Abteilung auf Bücher spezialisiert und über 2000 Buchcover kreiert. Für Autoren wie Federica de Cesco, Milena Moser oder Nicholas Sparks. Die Grishams und Stephen Kings landen seit etwa vier Jahren bei Kim Becker (32).

Kim Becker
Kim Becker (32)

Bücher sind für mich: Leinwände, die ich
bemalen darf.
Warum man lesen sollte: Weil man sich mit einem Buch gemütlich in eine andere Welt zurückziehen kann.
Das Buch der Zukunft: Wird immer auch zwischen zwei Deckeln daherkommen. Die braucht es, um eine Geschichte abzuschliessen.

Es sei schon «mega», sein eigenes Werk in einem Schaufenster zu sehen, sagt der Grafiker. Jedes Mal zerrt er dann seine Freundin in den Laden, hält ihr das Cover unter die Nase und sagt stolz: «Das ist von mir!», auch nach vier Jahren und mehreren Hundert Büchern noch. Im Schnitt bekommt Becker jede Woche einen Coverauftrag. Die Angaben dazu sind oft mager: eine Zusammenfassung des Buchinhalts und rudimentäre Vorgaben des Verlages – etwa, dass mit dem Umschlag urbane Leser angesprochen werden sollen oder dass etwas in Rot gewünscht wird. Hie und da ist eine Leseprobe dabei, bei übersetzten Büchern die Originalillustration. «Wenn das Briefing mehr als zwei A4-Seiten umfasst, ist das viel», sagt Becker.

Oft erstellt er zunächst mehrere Skizzen von Hand, bevor er sie am Computer ausarbeitet. Dabei hat er den Plot der Geschichte im Kopf, den Autor und das, was er die Tonalität des Verlags nennt, dessen Stil, die Ausstrahlung, die der Herausgeber mit einem Titel erreichen will.Bei Grisham sind klare, plakative Cover gefragt, viel Schwarz und Grau, wenig Farbe. Becker freut sich immer, wenn er den Auftraggeber von einer etwas peppigeren Version überzeugen kann oder von einem Umschlag, der nicht nur besonders aussieht, sondern sich auch so anfühlt. Wie jener von Grishams «Anklage». Er ist der Oberfläche von Kohle nachempfunden, in der Mitte prangt ein glühendes Stück Stein. Eine Optik, die hauptsächlich Männer anspricht. Becker selber liest sie praktisch nie. «Ich kenne ja das Ende schon» sagt er bedauernd.

In den nächsten Tagen ist der junge Grafiker an der Frankfurter Buchmesse anzutreffen. Lässt sich von neuen Buchtiteln inspirieren, spricht mit Verlagsleuten, beobachtet Reaktionen des Publikums und registriert die neusten Trends. Im deutschsprachigen Raum dominiert Zurückhaltung, hat er festgestellt. Becker würde gern mal ein englisches oder amerikanisches Cover entwerfen, da geht es etwas bunter zu. Und liebend gern hätte er den Umschlag für «Der Kleine Prinz» oder einen «Harry Potter»-Roman gemacht, wenn es die nicht schon gäbe.

Fünf Jahre Arbeit für zwei Bücher

Am englischen Zauberlehrling hätte wohl auch IRMA WEHRLI-RUDIN (61) ihre Freude gehabt. Sie übersetzt seit 30 Jahren Literatur, vorzugszweise englischsprachige. Statt mit Potter war sie aber zuletzt fünf Jahre lang mit zwei Romanen des Amerikaners Thomas Wolfe aus den 1920er-Jahren beschäftigt. «Natürlich nicht acht Stunden am Tag», räumt die Übersetzerin aus Davos GR ein, «das würde man nicht aushalten.»

Irma Wehrli-Rudin
Irma Wehrli-Rudin (61)

Bücher sind für mich: Das pralle Leben zwischen zwei Pappdeckeln.
Warum man lesen sollte: Um einer fremden Stimme zuzuhören und sich davon beleben zu lassen.
Das Buch der Zukunft: Wird die gleichen grossen Menschheitsthemen behandeln wie heute. Die ändern sich nie.

Im Oktober 2014 waren beide deutschsprachigen Neufassungen fertig: «Von Zeit und Fluss» und «Schau heimwärts, Engel!». Die gedruckten Bücher in der Hand zu halten, sei ein besonders schöner Moment, sagt Wehrli, «wie eine Geburt». Aber dieses Mal schwang auch Erleichterung mit, denn das Eintauchen in Wolfes wuchtige Klassiker hat ihren Alltag jahrelang geprägt. Seinen Stil umschreibt Wehrli als «hymnisch».

Die grosse Herausforderung war, die Texte nicht pathetisch klingen zu lassen. Dazu kamen Versatzstücke in Slang, Auszüge aus Trivialliteratur, reinste Poesie sowie Parodien auf bestehende Texte – zahlreiche Stile, die es in einen deutschen Text zu packen galt. Was wie bei jeder Übersetzung half: den Rhythmus und die Leitmotive des Romans aufzuspüren und aufzugreifen. Ferner die gefühlten 1000 Bücher, die Wehrli schon gelesen hat, von Klassikern bis hin zu Schundliteratur. Und der Austausch mit anderen Übersetzern und Experten, Recherchen im Internet, geistige Reisen in die Zeit der Handlung. Die beiden Wolfes verlangten der studierten Anglistin und Germanistin alles ab, brachten aber auch viel Lob: Das Zuger Übersetzer-Stipendium ging 2011 an Irma Wehrli für «Von Zeit und Fluss».
Selten wird Übersetzungsarbeit öffentlich gewürdigt; für Wehrli geht das in Ordnung. Sie arbeitet aus Freude an der Literatur und würde einen Auftrag auch ablehnen, wenn sie fände, «dass etwas nicht unbedingt übersetzt werden muss». Übersetzernamen stehen zwar immer öfter auf den Buchcovern. «Aber wir stehen im Schatten der Autoren», sagt die Übersetzerin. Damit könne sie bestens leben.

«Es sind ihre Geschichten»

Das muss und kann auch ESTHER HÜRLIMANN (50), von Beruf Ghostwriterin. Sie hilft, wenn eine Persönlichkeit eine spannende Geschichte zu erzählen, aber wenig Begabung oder keine Zeit zum Schreiben hat. Gerade hat sie zwei Biografien in Arbeit, über die sie nur Andeutungen machen darf: zwei männliche Wirtschaftsgrössen aus der Schweiz; der eine sehr erfolgreich, der andere sehr umstritten.

Esther Hürlimann
Esther Hürlimann (50)

Bücher sind für mich: Neben meiner Familie das Wichtigste in meinem Leben.
Warum man lesen sollte: Weil es die innere Welt anregt wie kein anderes Medium.
Das Buch der Zukunft: Erscheint auf Tablets und als E-Book, aber es wird nicht aussterben.

Sollten die Lebensgeschichten dieser Männer dereinst für Schlagzeilen sorgen: Hürlimanns Name wird nirgends erscheinen. «Das ist nur gerecht», sagt sie, «es sind ihre Geschichten.» Es gibt auch Bücher, bei denen Esther Hürlimann ganz offiziell mitgearbeitet hat, wie die eben erschienene Biografie der Einsiedlerin Schwester Benedikta aus der Verenaschlucht. Für ein solches Buch führt die ausgebildete Germanistin und Journalistin mit den Auftraggebern zunächst stundenlange Interviews und erstellt dann ein Probekapitel. Passt es dem Auftraggeber, schreibt sie die ganze Geschichte.

Ghostwriting kann aber auch heissen, holprige Texte zu glätten oder eine etwas ausgedehnte Lektoratsarbeit zu erledigen. Die zweifache Mutter ist für alles offen, ausser für Geschichten, die sie zu sehr belasten und die schlecht enden. «Ich bin keine Psychotherapeutin», sagt sie, «ich will einfach schreiben.» In letzter Zeit denkt sie öfter mal darüber nach, ihr eigenes Buch zu veröffentlichen. Die Geschichte ihrer verstorbenen Grossmutter zum Beispiel, einer Deutschen, die in den 30er-Jahren in die Schweiz kam und ein bewegtes Leben zwischen Kultur und Industrie führte.

Die Alternative: SELFPUBLISHING BOOMT

Ja, das eigene Buch. Es ist der Traum all jener, die ihre Manuskripte an Literaturagenturen wie Liepman senden, und jener, die ihren Roman oder Ratgeber im sogenannten Selfpublishingverfahren herausgeben, also ohne Hilfe eines Agenten oder Verlags. Die Kosten für die Veröffentlichung tragen diese Autoren selber. Einer, der sie auf dem Weg zum eigenen Buch berät und begleitet, ist Rodja Smolny, Programmleiter des Paramon-Verlags in Zug. «Selfpublishing ist eine Erfolgsgeschichte», sagt Smolny. Bereits 80 Prozent aller gedruckten und elektronischen Bücher erblickten heute auf diese Weise das Licht der Bücherwelt. An der Buchmesse in Frankfurt haben sie seit ein paar Jahren ihre eigene Halle. Und einige Erfolgsautoren haben sogar im Eigenverlag angefangen, wie etwa die deutsche Kinderbuchautorin Cornelia Funke.

Der schnellste Weg zum Buch: Mehr zum Publizieren im Eigenverlag

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Gian Marco Castelberg