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27. Mai 2013

Im Reich von Franco Demarchi

«Gehen wir zu Dema», sagen die Wanderer, wenn sie sich zur Capanna Campo Tencia in der Oberen Leventina aufmachen. Seit 17 Jahren heisst der Hüttenwart dort Franco «Dema» Demarchi. Der gelernte Innenarchitekt zaubert in der Hütte Tessiner Spezialitäten auf den Teller.

Die Capanna Campo Tencia auf 
2140 m ü. M.
Der Stolz der SAC-Sektion Ticino: Die Capanna Campo Tencia auf 
2140 m ü. M. Seit 
17 Jahren ist Franco Demarchi hier Hüttenwart.

Ein mutiger Alpinist muss man nicht sein, um vom abgelegenen Tessiner Bergdorf Dalpe zur Capanna Campo Tencia hochzuwandern. Vielmehr lohnt es sich hier, am Startpunkt der Wanderung in der Nähe von Faido und Prato, knapp 1200 Meter hoch über Meer, die Sinne zu schärfen und die Ruhe zu geniessen — abseits des Durchgangsverkehrs der Gotthardachse. Obwohl Dalpe nur 180 Einwohner hat, befindet sich vis-à-vis vom Parkplatz ein Alimentari für letzte Einkäufe.

ROUTE UND HIGHLIGHTS
Die Infos, Karte und sieben Schlüsselmomente der hier beschriebenen Wanderung von Dalpe (TI) zur Campo-Tencia-Hütte. Zum Artikel

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Diese Vorschläge mit ihren Lieblingshütten und dazu passenden Wanderrouten wurden auf migrosmagazin.ch bereits hochgeladen:
Die Silvrettahütte oberhalb von Klosters
Die Unterengadiner SAC-Perle (Lischana) Die Finsteraarhornhütte

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Die Wanderschuhe sind richtig geschnürt, Socken und Hosen sitzen, der Rucksack ebenso: Es kann losgehen. Schon ein paar Dutzend Meter oberhalb des Parkplatzes weist ein Wegweiser in einer Steinmauer zur Hütte hoch. Der Weg ist steil, aber gut ausgebaut und eignet sich auch für Kinder. Und wer zum ersten Mal ausser Atem gerät, findet vielleicht Kraft in einer Marienstatue, die am Wegrand von einer kleinen Kapelle sanftmütig auf die Wanderer blickt. Nach dem ersten Aufstieg öffnet sich ein breites Tal mit dem Fluss Piumogna als rauschendem Begleiter, untermalt von Kuhglockengeläut und Wasserfällen aus der Ferne.

Wie in einem Märchenwald: Der Aufstieg  zur Hütte führt durch einen dicht bewachsenen Lärchenwald.
Wie in einem Märchenwald: Der Aufstieg zur Hütte führt durch einen dicht bewachsenen Lärchenwald.

Erstmals zeigt sich auch der Pizzo Campo Tencia, der einzige Dreitausender, der sich ganz auf Tessiner Boden befindet und der Hütte ihren Namen gab. Die Bergspitze, selbst namenlos bis zur Erstellung der Nationalkarte von General Dufour von 1858, heisst übrigens wegen ihrer dunklen Farbe so. Der eisenhaltige Fels des schwarzen Gesteins sieht wie verbrannt aus. Im Tessiner Dialekt wird eine Person, die von Russ, Schweiss und Staub dunkel ist, «tencia» genannt.

Die Hütte ist nur noch eine halbe Wanderstunde entfernt. Die Aussicht auf die Leventina entschädigt für den Aufstieg.
Die Hütte ist nur noch eine halbe Wanderstunde entfernt. Die Aussicht auf die Leventina entschädigt für den Aufstieg.

Dieser 3072 Meter hohe Campo Tencia also ist wie ein Vorbote für einen der schönsten Streckenabschnitte auf der Wanderung: Der Weg wird schmaler, gesäumt von Wurzeln, Moos und dicht stehenden Lärchen. Die Szenerie erinnert an einen Märchenwald. Würde hier plötzlich eine Fee auftauchen, wäre man nicht verwundert. Statt eines Fabelwesens reisst einen eine alte Holzbrücke an der Weggabelung von Sgnòi aus dem Reich der Träume. Dalpe liegt hier eine Wanderstunde im Rücken, die Hütte 80 Minuten in der Zukunft.

Nun geht es Meter um Meter einen Trampelpfad in engen Serpentinen hoch. Der Schweiss tropft, der Atem wird schwerer, doch die Seele ist leicht und beschwingt beim Anblick der Bergketten. Die kleinen Höhlen in den Wiesen oberhalb des Trampelpfads und kreisende Raubvögel verraten, dass hier Murmeltiere leben. Die Murmeli haben sich uns nicht gezeigt. Dafür zeigt sich endlich der Stolz der SAC-Sektion Ticino: die Capanna Campo Tencia mit den tibetischen Gebetsfahnen auf 2140 Meter über Meer — knapp 1000 Meter höher als der Parkplatz in Dalpe.

Der 55-jährige Tessiner Franco Demarchi, der neben Italienisch auch Deutsch, Englisch und Spanisch spricht, ist seit 17 Jahren Hüttenwart der Capanna Campo Tencia.
Der 55-jährige Tessiner Franco Demarchi, der neben Italienisch auch Deutsch, Englisch und Spanisch spricht, ist seit 17 Jahren Hüttenwart der Capanna Campo Tencia.

Noch nie hat eine kühle Apfelschorle so erfrischend geschmeckt wie bei Franco Demarchi. Der 55-jährige Tessiner, der neben Italienisch auch Deutsch, Englisch und Spanisch spricht, ist hier seit 17 Jahren Hüttenwart. Er mag seinen Beruf über alles: «Ich liebe das Kochen und die Berge. Das passt wunderbar zusammen.» Er sei gelernter Innenarchitekt und für diesen Beruf müsse man Fantasie mitbringen. Diese brauche er nun auch als Koch. Zu seinen Spezialitäten gehören Gnocchi, Risotto mit Kräutern, schwarze Tessiner Polenta mit im Merlot gekochtem Brasato, Pizzoccheri, Minestrone und hausgemachte Kuchen.

Eine Flasche des rubinroten und würzigen Riflessi d’Epoca 2009 von Spitzenwinzer Guido Brivio aus dem Mendrisiotto kostet hier nur 49 Franken. «Ich verdiene mein Geld mit Essen und Getränken und muss für die Hütte eine Miete bezahlen», sagt Franco Demarchi und erzählt von den Italienern, die bei ihm nur einen Kaffee bestellen und draussen vor der Hütte ihre Esswaren auspacken. Verhindern kann das der in Bellinzona wohnhafte gebürtige Luganese nicht. Zur Hochsaison im Juli und August fliegen Helikopter zwei-, dreimal pro Woche vom Tal Brot, Gemüse und Salat hoch. «Wir bereiten alles frisch zu», betont der Hüttenwart. Franco Demarchi lebt von Mitte Juni bis Mitte Oktober in der Leventiner Bergwelt und arbeitet dazwischen jeweils als Architekt Teilzeit, weil sonst das Geld nicht reiche.

Beliebter Ort, um das faszinierende Bergpanorama mit 3000ern zu geniessen: Terrasse der Capanna Campo Tencia.
Beliebter Ort, um das faszinierende Bergpanorama mit 3000ern zu geniessen: Terrasse der Capanna Campo Tencia.

«Die Berge sind mein Leben. Der Kontakt mit den Wanderern ist sehr bereichernd», sagt der Hüttenwart. Gemeinsam mit dem Maggiatal möchte er die Obere Leventina mit dem Piumognatal bekannt machen und tüftelt dazu stets zusätzliche Wandermöglichkeiten aus. Ein neuer Lehrpfad führt beispielsweise von Piumogna über die Morghirolo-Alp zur Hütte und richtet sich an Schulen und Familien. Diese Region ist so etwas wie ein Geheimtipp im nördlichen Tessin.

Die beliebteste Route, die Wanderer, Kletterer und Familien anlockt, führt von Rodi über Tremorgio zur Capanna Campo Tencia und von dort nach Dalpe. FDP-Nationalrat Fulvio Pelli, der hier gross geworden ist, empfiehlt: «Nur 45 Minuten von der Hütte befindet sich der Lago Morghirolo. Den See finde ich sehr schön.» Angetan ist der Politiker auch vom kleinen Lago Leit. «Von dort kann man nach Dalpe hinunterwandern. Das ist eine attraktive Tour.»

Franco Demarchi beabsichtigt, drei, vier weitere Jahre als Hüttenwart zu arbeiten, falls ihn die Sektion weiterhin wolle. Dafür gibt es einen triftigen Grund: Die meisten Wanderer sagen inzwischen nicht mehr, sie würden zur Capanna Campo Tencia hochwandern. «Sie sagen nur: Ich gehe zu Dema.» Und Dema ist der Übername von Franco Demarchi.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Claudio Bader