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29. Dezember 2014

Im Reich der grauen Riesen

Rund die Hälfte aller Afrikanischen Elefanten lebt in Botswana. Der Musterstaat im südlichen Afrika hat die Jagd auf Grosswild verboten und garantiert so unvergessliche Begegnungen mit den prächtigen Tieren. Auf Safari im Okavangodelta und im Chobe-Nationalpark.

Das Okavangodelta in Botswana
Das Okavangodelta im Norden Botswanas formt ein Sumpfgebiet, das fast vier Mal grösser ist als die Schweiz ist und zu den tierreichsten Regionen Afrikas zählt (Bild: Getty Images).

Das Okavangodelta im Norden Botswanas formt ein Sumpfgebiet, das fast vier Mal grösser ist als die Schweiz und zu den tierreichsten Regionen Afrikas zählt. Das Herz dieses ökologisch bedeutenden Lebensraums, der vor einem halben Jahr als 1000. Mitglied in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen wurde, befindet sich auf Chief’s Island. Sie ist die grösste Insel im Delta und Teil des Moremi-Wildschutzgebiets, das man nur mit einem Propellerflugzeug oder per Boot ab der Kleinstadt Maun erreicht. «Raubtierland Afrikas» heisst die Gegend. Hier ­leben die immer seltener werdenden «Big Five». Der aus der Zeit der Grosswildjäger stammende Begriff umfasst Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und ­Leopard – jene Tiere, deren Erlegung damals als besonders gefährlich galt.

Eine Tüpfelhyäne besucht das Camp

Sanctuary Chief’s Camp, Angestellte
Begrüssungszeremonie der Angestellten des Sanctuary Chief’s Camp.

Mitten in der Wildnis der Deltainsel stehen die zwölf Pavillons des Sanctuary Chief’s Camps. Die ankommenden Gäste werden informiert, dass sie ohne Begleitung nur bei Tageslicht vom Haupthaus, wo das Essen serviert wird, zur Unterkunft gehen dürfen. Nachts, wenn die Raubtiere auf Jagd sind, muss ein Ranger dabei sein. Nur: Mitten am helllichten Tag spaziert eine Tüpfelhyäne über das Pavillongelände. Sie interessiert sich heute allerdings nicht für Zweibeiner, die meist deshalb hier sind, weil sie mit ihren Kameras auf die Jagd nach spektakulären Bildern von wilden Tieren gehen wollen – wie den rund 60 Breitmaulnashörnern etwa, die im Moremi leben.

Die Safaris richten sich nach dem Tagesablauf der Wildtiere: Zum ersten «Game Drive» startet Reiseführer Sky, ein baumlanger Einheimischer, den ­Motor des Land Rovers bereits um sechs Uhr morgens. Während der grössten Mittagshitze, wenn sich die Tiere in den Schatten flüchten, steht auch für die Besucher eine Siesta an, ehe sie nach dem Mittagessen um 16 Uhr und bis zum Eindunkeln zur zweiten Pirschfahrt starten.

Beim Nachtessen wird ein Lagerfeuer entfacht, an dem die Reisenden ihre Erlebnisse des Tages austauschen. Es ist Zeit, zum Pavillon zurückzukehren, als Sky im Dunkel mit einer Handbewegung signalisiert, sofort anzuhalten. Aus we­nigen Metern Entfernung hört man ein Rascheln: Im Lichtkegel von Skys Taschenlampe zeigt sich der massige Körper eines Flusspferds. Die grasenden Vegetarier sorgen für die meisten Unfälle mit Touristen. Deshalb verscheucht Safariguide Sky das drei Tonnen schwere Hippo mit lauten Rufen. Es verschwindet im Unterholz, und der Weg zum Pavillon ist wieder frei.

Safariführer Alan Monnaaletsatsi
Safariguide Alan Monnaaletsatsi erklärt den Reisenden Fauna und Flora im Okavangodelta.

Am nächsten Tag transportiert eine Cessna der Mack Air die Reisenden in 20 Flugminuten zur Südspitze von Chief’s Island: Hier stehen acht zeltartige Unterkünfte des Sanctuary Stanley’s Camps und Alan Monnaaletsatsi (43), der einheimische Safariführer, bereit. Der vierfache Familienvater arbeitet seit 15 Jahren für Sanctuary­Retreats, die in Afrika 17 Safaricamps und -lodges betreiben. Paviane sind Alans Lieblingstiere, «weil deren Beobachtung nie langweilig wird». Er weiss aber auch: «Man muss die Zelttüren abschliessen, weil die Primaten gelernt haben, die Türfalle hinunterzudrücken.» Jedes Zelt verfügt für den Notfall über ein Drucklufthorn, ein Funkgerät sowie eine Taschenlampe.

«Kommt es zu einer unerwarteten Begegnung mit Raubtieren, sollte man stillstehen und auf keinen Fall losrennen», rät Alan, der seine Berufskarriere als Veterinär startete. Wer sich an seine Weisungen hält, muss sich nicht ängstigen. Die Tiere werden hauptsächlich vom geschützten Land Rover aus beobachtet. Und nachts wird man auch im Stanley’s Camp von Safariführern zum Zelt begleitet. Man merkt es Alan an: Er gibt sein Wissen über Fauna und Flora in Afrika gern weiter. Im Gegenzug erfahre er dank der ausländischen Touristen viel über ferne Länder, sagt er mit einem Lächeln. Er selbst könnte sich keine Reise leisten.

Auf Tuchfühlung mit Elefanten

Walking with Elefants
Sandi und Doug Groves mit ihren drei Elefanten Jabu, Thembi und Morula (v. l.).

Die Hauptattraktion dieser familiär geführten Unterkunft heisst «Living with Elephants». Hinter dem rund 300 Franken teuren und geführten Spaziergang mit Elefanten steht das Ehepaar Doug und Sandi Groves. Doug, im US-Bundesstaat Oregon aufgewachsen, und Sandi aus dem südafrikanischen Durban nennen sich CEOs, «Chief Elephant Officers». Sie bringen Touristen und lokalen Schulklassen die grössten lebenden Landtiere näher.

Botswana ist dafür geradezu prädestiniert: Von den 400 000 noch existierenden Afrikanischen Elefanten lebt rund die Hälfte in der Republik, die gut 14 Mal grösser ist als die Schweiz. Und: Botswana gilt als Musterland. Die Regierung hat kürzlich beschlossen, die Safarijagd zu verbieten. Erwischte Wilderer werden erschossen. Zudem ist das Land mit seinen zwei Millionen Einwohnern politisch stabil und gilt als weniger korrupt als die Nachbarländer Zimbabwe, Sambia und Südafrika. Was wiederum einen erheblichen Einfluss auf den Tierbestand hat. So werden in diesen Wochen 100 Nashörner aus Südafrika in Botswana angesiedelt, weil sie hier viel sicherer sind. Denn 2012 wurden allein in Südafrika rund 700 Nashörner wegen ihres Horns getötet – die meisten davon mitten im Krügerpark, dem grössten Wildschutzgebiet Südafrikas. Hauptabnehmer der Hörner ist China, wo das daraus gewonnene Pulver als Aphrodisiakum gilt, obwohl Wissenschaftler dem Pulver jegliche sexuelle Wirkung absprechen.

Sonnenuntergang bei Sanctuary Stanley’s Camp
Sonnenuntergang in der Nähe des Sanctuary Stanley’s Camp: Stimmung wie im Film «Out of Africa».

Tourismus als zweitwichtigste Einnahmequelle

Doug und Sandi Groves haben 1988 zwei damals rund 24 Monate alte Elefantenkälber aus dem Krügerpark adoptiert. Die Jungtiere, die sie seither Jabu und Thembi nennen, waren wegen des Tods ihrer Eltern traumatisiert. Morula, die dritte im Bunde der aussergewöhnlichen Familie von «Living with Elephants», wurde einst als Haustier an eine Familie aus Zimbabwe verkauft.

Doug ist begeistert von Botswana, wo er mit Sandi und den drei Elefanten seit 1995 mitten in der Wildnis wohnt: «Wir leben hier in einem offenen Ökosystem ohne Zäune. Im Gegensatz zum Krügerpark sind Touristenmassen in dieser Gegend unbekannt.» In seiner Kindheit hat der Linkshänder Mühe bekundet, sich gegenüber seinen Mitmenschen verständlich auszudrücken. Vielleicht arbeitet der studierte Zoologe deshalb bereits seit 1972 mit Elefanten. «Sie sind Vorzeigekreaturen mit einem grossen Herz und spielen in der Natur eine fundamentale Rolle», sagt Doug, gibt aber zu bedenken: «Ohne Touristen fehlt das Geld, um die Tierwelt zu schützen.» Der Fremdenverkehr ist nach der Diamantenindustrie die wichtigste Einnahmequelle Botswanas.

Von Mitte Januar bis Mitte Februar, zum Höhepunkt der Regenzeit, geht das Ehepaar mit ihrem Elefantentrio jeweils auf Wanderschaft Richtung Kapstadt und wieder zurück. Doch Doug und Sandi wissen, dass sie Jabu, Thembi und Morula eines Tages nicht mehr begleiten können. Doug sagt: «Wenn wir sicher sind, dass sich die Elefanten nicht vor Wilderern fürchten müssen, werden wir uns in der Natur von ihnen verabschieden. Irgendwann bin ich zu alt, und dann muss ich der Realität ins Auge sehen.» Auch die wachsende Bevölkerung, der Siedlungsbau, Bewässerungsprojekte, Schürfpläne der Diamantenindustrie und Vorhaben der Zuckerrohr- und Reisbauern erschweren nachhaltigen Naturschutz.

Zum Abschluss des Spaziergangs «Living with Elephants» trompetet Jabu und küsst den Gast aus der Schweiz mit seinem Rüssel. Der Kuss des an Menschen gewohnten Alphatiers ist feucht und mit dem Schlamm der Wildnis angereichert.

Chobe-Nationalpark mit Elefantenherden.
Der Chobe-Nationalpark ist Heimat der weltweit grössten Elefantenherden.

80 Flugminuten nordöstlich von Chief’s Island befindet sich der Chobe-Nationalpark. Dort leben die meisten Verwandten von Jabu, denn der Park ist Heimat der weltweit grössten Elefantenherden. Die Region im Vierländereck von Botswana, Namibia, Sambia und Zimbabwe besuchen jährlich rund 20 000 Touristen, was ihr 37 Millionen US-Dollar einbringt. Rund um den Chobe breiten sich Asphaltstrassen aus, auf denen Lastwagen Güter transportieren. Die Landepisten auf dem Flughafen von Kasane sind ebenfalls aus Beton – nicht etwa aus Gras und Schotter wie im Delta.

Chobe-River, Flusspferd.
Auf Safari auf dem Chobe-River: Ein Flusspferd macht sich auf, ins Wasser zu gleiten.

Nach den Tagen mitten in der Wildnis kommt es bei der Rückkehr in die Zivilisation unweigerlich zum Kulturschock. Doch während der Bootsfahrt auf dem Fluss Chobe gewinnen die träumerischen Gedanken wieder Oberhand: Krokodile sonnen sich, Marabus suchen nach Krebsen, riesige Elefantenherden gönnen sich ein Bad, und Nilpferde gähnen um die Wette oder balgen sich friedlich, was jedoch immer sehr gefährlich aussieht. Von hier sind die tosenden Viktoriawasserfälle nur noch knapp zwei Fahrstunden entfernt. Wer sie besuchen möchte, muss Botswana verlassen: Das Naturwunder teilen sich Sambia und Zimbabwe. Doch auch die geballte Wasserkraft kann die Erinnerung an Botswana nicht verdrängen.

Die Recherche zu dieser Reise wurde von Africantrails unterstützt. www.travelhouse.ch/reisen/botswana

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Reto E. Wild