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30. Januar 2012

Im Reich der alten Maya

Trotz Maya-Prophezeiung: Die Welt wird sich auch nach 2012 weiter drehen. Warum also nicht eine Reise nach Guatemala planen? Das Land bietet sowohl für Kultur- als auch für Naturliebhaber einiges.

Im Reich der alten Maya
René Meier und Cowboy Ender Santizo mitten in der Kaffeeplantage Finca Filadelfia bei Antigua.

Steinwände statt Wellblech: Wie Stefan Ege mit dem Projekt Constru Casa Guatemalteken zum eigenen Steinhaus verhilft.

Vulkane, Maya-Ruinen und der Atitlansee: Die grosse Bildstrecke zur Guatemala-Reportage.

Der Nasenbär lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Eifrig buddelt er mit seinen Krallen und der langen Nase im Boden nach Käfern und Insekten, während keine zwei Meter entfernt der Fotograf Bild um Bild schiesst, minutenlang. Das possierliche Pelztier ist offensichtlich an Menschen gewöhnt — kein Wunder, bewohnt es doch nichts Geringeres als den Dschungel von Tikal, einer der besterhaltenen Ruinenstädte der Maya, die jährlich Hunderttausende von Reisenden anlockt.

Nasenbär
Putzig und gar nicht scheu: In den Maya-Ruinen von Tikal tummeln sich Nasenbären.

Aber eben nur Hunderttausende, nicht Millionen. «Guatemala ist touristisch eine Nischendestination», sagt René Meier, ein Schweizer, der seit 13 Jahren in dem zentralamerikanischen Land lebt und dort mit seinem Unternehmen Sacbé Travel Kulturreisen in die Welt der Maya und Inkas anbietet und teilweise begleitet. «Selbst während der Hochsaison tritt man sich in Tikal nicht auf die Füsse, und kommt man nachmittags, ist man oft allein und sieht auch mehr Tiere.»

Tikal liegt in einem sehr weitläufigen Gelände, die steinernen Zeugen der untergegangenen Maya-Zivilisation sind von dichtem, sattgrünem Dschungel umgeben. Würde man sie nicht regelmässig von Gestrüpp befreien, wären die majestätischen Pyramiden und Gemäuerreste innert kürzester Zeit überwuchert. Für Tiere ist das Gebiet deshalb mindestens so attraktiv wie für Touristen: Neben Nasenbären sieht man Affen, Tukane, Papageien — und sogar der scheue Jaguar schleicht durchs Gebüsch, wenn auch vor allem nachts.

Tikal gehört zu den bedeutendsten Städten der Maya und wurde auf dem Höhepunkt ihrer Zivilisation vom 3. bis 9. Jahrhundert bewohnt. Das indigene Volk herrschte im heutigen Guatemala, Belize und Mexiko während 3000 Jahren; es ist berühmt für seine präzisen mathematischen und astronomischen Berechnungen. In Esoterikkreisen erwartet man nervös den 21. Dezember dieses Jahres, dann endet der Maya-Langzeitkalender. Auch Hollywood hat sich des Datums schon angenommen und mit «2012» den allfälligen Weltuntergang als Katastrophenfilm inszeniert.

Der 39-jährige Meier hält wenig vom Weltuntergangsraunen. «Das letzte Mal, als der Maya-Kalender endete, gab es religiöse Zeremonien, und ein neuer Kalender begann. Das wars.» Nicht zuletzt seine Faszination für die alte Hochkultur hat den Basler 1998 nach Guatemala gelockt. Ausserdem wollte der frühere Swissair-Angestellte Spanisch und tauchen lernen. Schliesslich blieb er länger als geplant, und als er sich dann nach drei Monaten in eine Guatemaltekin verliebte, war es um ihn geschehen.

Antigua
Das malerische Antigua ist besonders bei Sprachschülern beliebt.

Heute lebt Meier mit seiner Frau Mariola und drei Kindern in Antigua, einer malerischen Kolonialstadt im Hochland Guatemalas, die gleichzeitig auch eine Touristen- und Sprachstudentenhochburg ist. Die Familie bewohnt ein zweistöckiges Haus unweit des Zentrums und lässt sich von Gästen aus der Schweiz gerne Raclette-Käse und Aromat mitbringen.

Das Leben in Guatemala bedeutet Freiheit, aber auch Unsicherheit

Natürlich ist das Leben in Guatemala ganz anders als in der Schweiz. «Der Staat ist hier sehr schwach; das lässt eine Menge Freiheit, dafür muss man auch mit einigen Unsicherheiten leben können.» Soziale Sicherungssysteme gibt es keine, die öffentlichen Schulen sind schlecht, die Armut ist gross und Gewalt ein allgegenwärtiges Problem. Erst 1996 ist in Guatemala ein 36 Jahre langer Bürgerkrieg zu Ende gegangen, der seine Spuren hinterlassen hat. Die Guerilla wurde durch das organisierte Verbrechen ersetzt, und Jugendbanden drohen mit Entführungen und Erpressungen. Der Machismo in Lateinamerika verstärkt das Bedürfnis vieler Männer, bewaffnet zu sein und dies öffentlich zur Schau zu stellen. «Ab 25 Jahren ist das Waffentragen legal, sofern man nicht vorbestraft ist», erklärt Meier.

Bodyguard in Guatemala.
Ein Bodyguard wacht am Eingang eines Ladens, während seine Klienten einkaufen. Waffen sind Teil des Alltags in Guatemala.

In fast allen Ländern Süd- und Mittelamerikas gibt es mehr private Sicherheitsleute als Polizisten. Das Justizsystem greift nicht. Laut der Uno werden 97 Prozent der vielen Gewalttaten in Guatemala nicht aufgeklärt. «Das hört sich furchtbar an», ist sich Meier bewusst. «Und doch führe ich mein Leben mit einigen Einschränkungen ohne das permanente Gefühl, in Gefahr zu sein.» Der neue Präsident Otto Pérez, ein früherer General aus dem Bürgerkrieg, verspricht kompromisslos gegen die Kriminalität vorzugehen. Die Guatemalteken hoffen skeptisch.

Busfahrer Fredy Oseida
Busfahrer Fredy Oseida im reich dekorierten Cockpit seines Vehikels.

Rund 60 Prozent der Bevölkerung lebt in bitterer Armut, darunter die meisten Indigenen, die Nachkommen der stolzen Maya. «Es heisst, Guatemala werde von 18 Familien kontrolliert», erzählt Stefan Ege, ein anderer Schweizer, der bis November in Antigua gelebt und für ein lokales Hilfswerk gearbeitet hat. «Die Macht liegt in den Händen einer kleinen postkolonialen Elite. Und die ist so reich, dass sie schon mal schnell per Privatjet nach Miami zum Shoppen fliegt.» Der 31-jährige Zürcher arbeitete für die Organisation Constru Casa, die in Armenvierteln von Antigua und anderen Städten stabile Steinhäuser aufbaut, mit lokalen Arbeitern und Freiwilligen aus aller Welt. Nach gut zwei Jahren in Guatemala ist Ege nun weitergezogen nach Haiti, wo er für die Caritas im Einsatz steht.

In der Kirche stehen die Heiligen und der alte Maisgott der Maya

René Meier lässt sich von all dem jedoch nicht ins Bockshorn jagen. In die Schweiz zurückzugehen sei jedenfalls kein Thema — auch wenn ihm seine Freunde und das gute Freizeitangebot fehlen. Seine kleine Reiseagentur läuft diesen Winter erstmals so gut, dass er keine externen Aufträge von anderen Veranstaltern als Reiseleiter annehmen muss.

Markt in Antigua.
Indio-Frauen verkaufen ihre bunten Stoffe auf einem kleinen Markt in Antigua.

Zu bieten hat das Land neben den Maya-Ruinen und verblühender kolonialer Pracht vor allem Natur in enormer Vielfalt. Der Dschungel im Tiefland, die Vulkane im Hochland und gleich zwei Meeresküsten, die allerdings für Badeferien wenig geeignet sind. Geradezu berauschend schön sind der Atitlánsee und seine Ufer — im Hauptort Panajachel hat der Schweizer Autor Martin Suter einen Zweitwohnsitz hinter hohen Mauern. «Als ich den See zum ersten Mal sah, dachte ich: Sollte ich je heiraten, dann hier», sagt Meier. Und so war es auch: Mit Schwyzerörgeli, Champagner und Verwandten aus der Schweiz fand im Januar 2004 die Hochzeit statt — auf einem Boot mitten im See, umgeben von majestätischen Vulkanen.

Der 1 500 Meter hoch gelegene Kratersee lohnt einen Besuch selbst bei schlechtem Wetter, weil sich durch die tief hängenden Wolken eine geradezu mystische Atmosphäre einstellt. Per Boot gehts von Panajachel ins geschäftige kleine Santiago, wo praktisch ausschliesslich Indios leben. Insbesondere die Frauen tragen traditionelle, farbenfrohe Trachten. Sie scheinen äusserst geschäftstüchtig zu sein, denn sie dominieren den kleinen Markt im Stadtzentrum ebenso wie die Souvenirshopmeile, die vom Hafen her hochführt.

Bemerkenswert ist die schlichte Hauptkirche. Links und rechts der gesamten Wand entlang stehen als Heilige verkleidete Schaufensterpuppen, und vorne beim Altar kommen nicht nur die klassischen katholischen Heilsfiguren zu Ehren, sondern auch Yum Kaax, der alte Maisgott der Maya. Vor dem Altar ist eine Gruppe von Frauen auf den Knien und betet hingebungsvoll. Ob sie ihre Hoffnungen dabei mehr auf den Gekreuzigten oder den Maisgott setzen? Wer weiss.

Die Reise fand mit Unterstützung des guatemaltekischen Tourismusbüros Inguat und René Meiers Reiseagentur Sacbé statt: www.sacbe.info

Bunt lackierte ausrangierte Schulbusse.
Die bunt lackierten ausrangierten Schulbusse aus den USA sind das Hauptverkehrsmittel für einheimische Reisende.

Fotograf: Paco Carrascosa