Archiv
18. April 2016

Im Rausch der Frühlingsgefühle

Sie sind kein Gerücht: Für den heiteren Gemütszustand machen Forscher das intensivere Sonnenlicht verantwortlich. Es regt die Hormonproduktion an und steigert die Lebenslust, erklärt Neuropsychologe Lutz Jäncke.

Raus ins Freie
Die Tage werden wieder länger und sonniger. Da gibt es nur eins: Raus ins Freie und raus aus den Klamotten. (Bild: )

Der Schnee schmilzt allmählich, im Flachland blühen Blumen und Bäume. Und bei erhöhter Lichteinstrahlung durch die immer stärker werdende Sonne kommt es im menschlichen Körper zur überdurchschnittlichen Produktion der Botenstoffe Dopamin, Endorphin und Serotonin. Dopamin sorgt für Glücksgefühle, Endorphin kennt man aus dem Leistungssport und ist für Euphorie verantwortlich. Serotonin wiederum kann wie ein Rauschmittel wirken.
Für den Rausch der Gefühle machen Verhaltensforscher auch die Zirbeldrüse verantwortlich, die für die Produktion von Melatonin zuständig ist. Überspitzt formuliert heisst das: Die Hormone spielen im Frühling verrückt. Viele Menschen sind deshalb aufgeschlossener gegenüber anderen, erklärt Uni-Professor Lutz Jäncke.

Mehr Licht steigert die Aktivität und die Liebeslust. Wir sind empfänglich für sexuelle Reize. Evolutionsbiologen vermuten in diesem Verhalten ein Überbleibsel unserer Vorfahren: Frühlingsgefühle gibt es bei Menschen wie bei Tieren.
Die Wissenschaft streitet sich allerdings über die Intensität und den Vergleich. In der hochindustrialisierten Welt, in der durch viel Kunstlicht die Nacht zum Tag gemacht wird, würden die menschlichen Hormone weniger auf den Wechsel der Jahreszeiten reagieren, wird argumentiert. Doch selbst wenn die reine Hormontheorie weniger intensiv auf Menschen in unseren Breitengraden zutreffen mag, bessert ein schöner Frühlingstag die Laune. Und gut gelaunte Menschen sind nun mal empfänglicher für einen Flirt. 

Der Experte LUTZ JÄNCKE

Lutz Jäncke (58), Leiter des Lehrstuhls für Neuropsychologie an der Uni Zürich
Lutz Jäncke (58) ist Leiter des Lehrstuhls für Neuropsychologie an der Uni Zürich

«Die Testosteronzunahme ist bei Männern nicht so dramatisch wie etwa bei Schimpansen»

Lutz Jäncke (58) ist Leiter des Lehrstuhls für Neuropsychologie an der Uni Zürich.

Lutz Jäncke, wie spüren Sie den Frühling?

Wahrscheinlich genau so, wie ihn alle anderen Menschen empfinden: Es ist ein Zeitraum, in dem wir gute Laune haben und uns wohlfühlen. Wir haben mehr Mut und Motivation, mit anderen Menschen umzugehen.

Weshalb?

Das hat verschiedene Gründe: Ein bedeutender ist die Konzentrationsveränderung von einigen wichtigen Hormonen wie dem Melatonin, das den Schlaf fördert und ausschliesslich nachts produziert wird. Im Winter ist die Melatoninkonzentration erhöht. Das macht uns müde. Beim Übergang zur warmen Jahreszeit verringert sich die Melatoninkonzentration; wir sind aufgeweckter.

Eine wichtige Rolle spielt auch das Glückshormon Serotonin.

Dessen Konzentrationszunahme wird durch das Sonnenlicht stimuliert, was bei uns positive Empfindungen fördert. Wir wissen, dass bei männlichen Tieren die Testosteronkonzentration im Frühjahr erhöht ist. Beim Menschen ist das möglicherweise genauso. Das scheint das Paarungsverhalten zu beeinflussen.

Das heisst, Männer und Frauen reagieren unterschiedlich auf den Frühling?

Bei Frauen gibt es keine ausgeprägten jahreszeitlichen Rhythmen. Bei den Männern sehen wir im Frühling jedoch Testosteronzunahmen, aber nicht so dramatisch wie etwa bei Schimpansen. Das liegt daran, dass wir eben keine Affen sind, sondern Lerntiere (lacht). Wir können uns anpassen. Unser Sexualverhalten wird überwiegend nicht durch Testosteron gesteuert, sondern durch kulturelle Erfahrungen.

Was läuft in unserem Gehirn ab?

Es ist ein riesiges Netzwerk, das in der Lage ist, alles mit allem zu verkoppeln. So können wir lernen, jahreszeitliche Empfindungen mit bestimmten Erlebnissen in Verbindung zu bringen. Die rufen wir dann ab. Wenn also die Sonne scheint, erinnert sich das Gehirn auch unbewusst, was wir in den Frühlingsmonaten der Vorjahre erlebt haben. Diese Erinnerungen werden mit positiven Emotionen verbunden. Im Winter hingegen ist es kalt und ungemütlich. Wir empfinden ihn nur dann als interessant, wenn wir in der Hütte sitzen und etwas trinken und essen. Der Kontrast zum Frühling, wenn wir draussen sein können, erleben wir als besonders reizvoll, was uns – gepaart mit den ­erwähnten Hormonausschüttungen – positiv verändert.

Wie kann man diese Frühlingsgefühle verstärken?

Geben Sie sich den Reizen hin, die die Gefühle auslösen, verstärken sie diese. Wenn Sie in diesen Tagen wunderbar blühende Kirschbäume sehen und sich danach in Ihr Zimmerchen einschliessen und die Jalousien runterlassen, können Sie die Gefühle nicht verstärken. Gehen Sie hingegen an den See, trinken einen Apéro und unterhalten sich mit fröhlichen Menschen, dann ist dies eine Verstärkung par excellence. Wir wissen auch, dass sich in dieser Zeit Depressive dank der Lichtstimulation wieder besser fühlen.

Weshalb die Frühjahrsmüdigkeit?

Das sind vor allem psychologische Phänomene, die durch den Jahreszeitenwechsel hervorgerufen werden. Manche Menschen sind eben wetterfühlig. Das kann zu Müdigkeit führen. Allerdings ist der Wechsel vom Winter zum Frühjahr für den Körper auch mit körperlichen Belastungen verbunden. So kann zum Beispiel der Blutdruck im Frühjahr stark schwanken, da die Temperaturen nicht so konstant sind wie im Sommer. Man sollte sich aber der Frühjahrsmüdigkeit nicht ergeben. Sport und Bewegung sind extrem wichtig, um sich auf den Frühling ­vorzubereiten und den Blutdruck und die Herzfrequenz zu trainieren.

Autor: Reto Wild